Dschihadist aus Deutschland

Aus Sachsen über Essen und Solingen in die Kampfzonen Syriens und des Irak: Wie Silvio K. zum international gesuchten Terroristen wurde – vor den Augen der bundesdeutschen Polizei.

Ja, das ist er“, sagt Angelika H. aus Solingen, als sie das Foto sieht. „Der hat hier gewohnt, direkt über uns.“ Das Bild zeigt Silvio K., ihren ehemaligen Nachbarn. Über den habe sie sich „oft geärgert“, sei „auch mal mit ihm aneinandergeraten“.

Silvio K., 27, ist das deutsche Gesicht der Terrorgruppe Isis. Der Dschihadist ruft Muslime zum bewaffneten Kampf für ein Großkalifat in Syrien und im Irak auf. Seine Propaganda läuft über Twitter und im Internet. Die Botschaften finden zehntausendfache Resonanz. Sicherheitskreise sind besorgt, Ermittler warnen: K. sei der Typ des Dschihadisten, dessen mögliche Heimkehr Bundesinnenminister Thomas de Maizière „eine konkrete tödliche Gefahr“ nennt.

Die Terrorkarriere des gebürtigen Sachsen begann in Essen. Und sie lief vor den Augen der Polizei ab. K. zählte zu den ersten Anhängern des 2012 verbotenen Salafistenvereins Millatu Ibrahim. Anfang 2011 wird der Verein zum Sammelbecken radikaler Islamisten. Gründer ist Mohammed Mahmoud, ein verurteilter Terrorist aus Österreich, der öffentlich zum Mord an Ungläubigen aufruft.

Wortführer in Deutschland wird Denis Cuspert, als Rapper Deso Dogg bekannt, ehe er zum Islam konvertiert und sich Abu Talha al-Almani nennt. Cuspert macht sogenannte Nasheeds populär: Kampflieder, die den Heiligen Krieg preisen und als Lohn für Selbstmordanschläge das Paradies versprechen. Die Millatu-Ibrahim-Jünger schwenken schwarze Fahnen mit Schwertsymbolen und rufen: „Bis diese Flagge nicht über dem Vatikan, über Amerika, über der ganzen Welt gehisst wird, gibt es keine Ruhe.“

Silvio K. gilt als enger Freund von Cuspert, doch er bleibt lange im Hintergrund. Optisch fällt er kaum auf. Ein kleiner, schmächtiger, blasser Typ. Geboren in Burgstädt, Mittelsachsen, zweieinhalb Jahre vor dem Mauerfall. Kindheit und Realschulbesuch am Bodensee. Einer, der mitläuft, wenn andere vorgehen. In Essen trifft er Leute, die vorneweg marschieren: Islamisten. Bald haben Staatsschützer K. auf dem Schirm. Im Fenster seiner Wohnung am Essener Gerlingplatz hängt ein Millatu-Ibrahim-Banner. Aufkleber der Salafisten zieren Klingelschild, Briefkasten und Tür. K. ist Stammgast in der Altenessener Assalam-Moschee.

Sein Freundeskreis wächst. Über Facebook gesellt sich Arid Uka dazu, ein Kosovo-Albaner. Im März 2011 hört Uka ein Nasheed des Dschihadisten Cuspert. Dann fährt er mit einer Schnellfeuerpistole zum Frankfurter Flughafen, erschießt zwei US-Amerikaner und verletzt zwei weitere schwer. Er bekommt lebenslang. 13 Jahre hat ein anderer Facebook-Freund von K. gesessen: Bernhard Falk, damals wohnhaft in Dortmund. Auf sein Konto gehen vier Mordversuche, mehrere Bomben- und Brandanschläge. Während der Haft tritt Falk dem Islam bei. Wieder in Freiheit, ruft er zum Glaubenskrieg gegen „die Imperialisten USA/BRD“ auf und bietet Ziele an: den US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein und US-Atombombenlager in Rheinland-Pfalz.

Schließlich greifen die Ermittler zu. Sie durchsuchen die Wohnung von Silvio K. in Essen. Gefunden werden Videos mit Terroraufrufen von al-Qaida und Isis. Außerdem ein Skript für einen Text, der später bundesweit Aufsehen erregen wird. Es ist der Aufruf zu einem Anschlag auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und zu Attentaten gegen die Bundesrepublik.

Für die Fahnder steht fest: „Das ist ein Verblendeter, eine tickende Zeitbombe. Ein absoluter Fanatiker, dem alles zuzutrauen ist.“ Es gibt Polizeiberichte mit entsprechenden Warnungen. Die Sorge: Der Salafist könne in Deutschland zuschlagen oder sich absetzen. Im Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen finden sie kein Gehör. K. bleibt unbehelligt.

Als alle namhaften deutschen Salafisten von Essen nach Solingen pilgern, zieht auch er dorthin – in die Nähe der Moschee, des Hauptquartiers von Millatu Ibrahim. Mit K. ändert sich die Hausordnung im Wohnblock Schellingstraße 3. „Anfangs war er noch nett, später frech, zuletzt oft aggressiv“, sagt die Nachbarin. Bald ist das Haus mit salafistischen Symbolen ausstaffiert. „Immer mehr Besucher“ hätten „immer mehr Lärm gemacht“.

Und dann diese Nacht. „Es war gegen 3 Uhr. Von Schreien bin ich aufgewacht. Jemand hat laut geschrien, wie am Spieß, immer wieder. Das hörte nicht auf.“ Es kommt von oben. Angelika H. rennt die Treppe hinauf, schellt an der Tür. Niemand öffnet. Stattdessen wieder Schreie, offenbar von einem Mann. Die Nachbarin ruft die Polizei. Dann klingelt sie Sturm. K. öffnet die Tür. Er ist nicht allein in der Wohnung. Alles sei in Ordnung, sagt er. Nein, er brauche keinen Arzt. Seine Besucher hätten ihm „nur den Teufel ausgetrieben“. Die Nachbarin versteht nicht, worum es geht. „Wir wollten die Dämonen quälen“, sagt K. – „eine Art Teufelskult“.

Ruhiger wird es im Sommer 2012, nach dem Millatu-Ibrahim-Verbot. Als über 140 Beamte einer Einsatzhundertschaft die Solinger Salafisten-Moschee auf den Kopf stellen, rücken bewaffnete Polizisten auch in der Schellingstraße an. Sie umstellen das Haus, durchsuchen die Wohnung, beschlagnahmen Plakate, Abzeichen, Fotos, Handy. Für Silvio K. hat der Einsatz keine Folgen. „Eines Tages war er dann weg. Abgehauen, ganz plötzlich“, sagt die Nachbarin. Zusammen mit Cuspert hat er sich aus Deutschland abgesetzt. Beide leisten den Treueeid auf Isis-Chef Abu Bakr al-Baghdadi, beide werden mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Das neue Format von Terrordurchsagen aus dem Isis-Kampfgebiet heißt jetzt „Mujatweets“. Aufwendige Technik liefert Hetze in HD-Qualität: scharfe Bilder, messerscharfe Parolen. „Frohe Botschaft: die Rückkehr der Scharia“, verkündet Silvio K. Dann fordert er neue Gotteskrieger, die sich für den selbst ernannten Kalifen in die Schlacht werfen sollen: „Unterstütze al-Baghdadi und all seine Soldaten“. Das Video läuft auf diversen Dschihadisten-Kanälen. Es wurde binnen weniger Wochen an die 20.000-mal aufgerufen. Damit erreiche K. „das ganze Umfeld der Dschihadisten in Deutschland“, sagt Terrorexperte Guido Steinberg – „5000 bis 10.000 Salafisten sind sein Auditorium. Der ist jetzt ein Star.“

Im Ruhrgebiet sieht Steinberg „ein Riesenrekrutierungspotenzial“. Von 320 Islamisten, die aus Deutschland nach Syrien in den Krieg zogen, kamen 120 aus Nordrhein-Westfalen.