„Söldnerarmee“

Günter Grass erweist Peer Steinbrück einen Bärendienst

Der Nobelpreisträger bringt den SPD-Kanzlerkandidaten mit seinem Auftritt im Willy-Brandt-Haus und der Bezeichnung der Bundeswehr als „Söldnerermee“ in eine neue Bredouille.

Berlin. Reinhold Robbe ist ein ruhiger, bedächtiger Mann, der nicht dazu neigt, sich schnell zu erregen. Über viele Jahre saß der Ostfriese für die SPD im Bundestag, lange führte er den Seeheimer Kreis konservativer Sozialdemokraten. Zuletzt war Robbe Wehrbeauftragter des Bundestages, parteiübergreifend geschätzt wie keiner vor und nach ihm, gerade wegen seiner ausgeglichenen Art. Kommt indes die Rede auf Günter Grass, ist Robbe weder ruhig noch bedächtig. Er lässt dann seinem Ärger und Zorn freien Lauf. „Günter Grass bewegt sich im vergangenen Jahrhundert – nicht nur, was politische Grundeinstellungen angeht, sondern auch, was den aktuellen Zustand unserer Politik und Bundeswehr betrifft“, sagte der SPD-Politiker . „Er hätte besser die Klappe gehalten.“

In der Sozialdemokratie sehen das längst nicht alle so. Am Mittwochabend, 88 Tage vor der Bundestagswahl, sitzt Günter Grass auf einem Podium des Willy-Brandt-Hauses. Er trägt ein senfgelbes Sakko, einen weinroten Pullunder, manchmal greift er zu einem Glas Wein. Grass aber teilt sich die Bühne nicht mit irgendwem, sondern mit Peer Steinbrück, dem Kanzlerkandidaten der SPD. Wolfgang Thierse moderiert – Pardon, umgarnt – die beiden Männer an seiner Seite. Von einem Pflichttermin ist die Rede, den man nicht überbewerten solle. Für die Treuesten der Treuen. Es hat auch nicht die SPD eingeladen in ihre Parteizentrale, sondern der mit ihr verschränkte „Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses“. Das ist ein gemeinnütziger Verein, dem viele honorige, aber vor allem viele ältere Menschen angehören.

Anlass der Veranstaltung ist der kürzlich erschienene Briefwechsel zwischen Willy Brandt und Grass. Die beiden Schauspieler Burghart Klaußner und Dieter Mann lesen vor rund 400 vorwiegend älteren Zuhörern aus den Briefen. „Lieber Günter“, „lieber Willy“, heißt es immer wieder, es folgen viele Worte, die das Auf und Ab ihrer wechselvollen Beziehung Revue passieren lassen. Auf welche Weise Grass dann Kanzlerin Angela Merkel attackiert, das gefällt Steinbrück nicht, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Merkel habe „eine doppelte, gesamtdeutsche Ausbildung erfahren: als FDJ-Sekretärin und dann bei Helmut Kohl“, sagt Grass. In der DDR habe Merkel „Anpassung und Opportunität gelernt“. Unter Kanzler Helmut Kohl habe sie den „Umgang mit Macht und das Wegboxen von Nebenbuhlern“ gelernt. Dann zieht Grass so richtig vom Leder. Die „Abschaffung“ der Wehrpflicht sei „beschämend“, schäumt Grass: „Jetzt haben wir den Salat: eine Söldnerarmee, die in Auslandseinsätze geht.“ Grass appelliert: „Man kann nur davon abraten, bei dieser Söldnerarmee einzutreten!“

Steinbrück weist Grass‘ Vorwürfe zurück

Das geht dem einstigen Soldaten Steinbrück zu weit: „Im Gegenteil!“, ruft er. Grass aber lässt sich nicht bremsen. Schon die deutsche Reichswehr habe sich als „Staat im Staate“ erwiesen, poltert der Autor, der 2006 öffentlich bekannte, als junger Mann Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Nunmehr entstehe mit der „Söldnerarmee“ Bundeswehr etwas „im gleichen Maße“. Für diese Hinweise erhält er Beifall. Steinbrück indes weist Grass’ Vergleiche zurück. „Der Politiker darf widersprechen, Herr Grass“, stellt Steinbrück unter leisem Beifall klar: „Die Bundeswehr ist keine Söldnerarmee, definitiv nicht.“ Die Wehrpflicht sei suspendiert und nicht abgeschafft worden. Er wünsche sich viele Bürger, die bei der Bundeswehr tätig würden. „Ich möchte, dass sich die Breite der Bevölkerung engagiert.“ Somit sei die Gefahr gebannt, dass die Bundeswehr zu einem Staat im Staate werde.

Gerade bei der jüngsten Hochwasserkatastrophe habe sich gezeigt, dass die Bundeswehr mitnichten eine „Söldnerarmee“ sei, sagt Steinbrück: „Da bitte ich um stärkste Anerkennung.“ Die Bundeswehr sei außerdem eine Parlamentsarmee, der Bundestag entscheide über ihre Einsätze: „Das bitte ich nicht ganz aus dem Auge zu verlieren in einer Art Reflex.“ Deutschland habe heute eine andere internationale Rolle als 1989/90. Niederländer, Norweger oder Inder beispielsweise forderten die Deutschen zu einem internationalen Engagement auf. Ohne ein militärisches Engagement, sagt Steinbrück, würden wir „weniger verlässlich erscheinen“. Deshalb widerspreche er „mit der gebotenen Höflichkeit dem Schriftsteller“. Er hoffe, antwortet Grass, „dass ich Ihnen heute Abend so unbequem gewesen bin, wie ich Willy Brandt unbequem war“.

Entsetzt reagierten CDU und FDP auf Grass’ Bemerkungen. „Solche Vorwürfe werden weder den über 6000 Soldaten im Einsatz noch ihren Familien, noch dem Rest der Truppe gerecht. Die Soldaten und ihre Angehörigen haben das nicht verdient“, sagte der Vizekanzler und FDP-Chef Philipp Rösler. Er hätte von Steinbrück eine noch deutlichere Distanzierung erwartet: „Von einem Mann, der Bundeskanzler werden will – und damit im Verteidigungsfall der oberste Dienstherr der Bundeswehr– , muss man klarere Worte verlangen.“ Auch aus der SPD kommt weitere Kritik. „Der Begriff ,Söldner‘ ist eine Beleidigung für unsere Soldaten“, sagte der verteidigungspolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Rainer Arnold. „Günter Grass versteht wirklich nichts davon und ist gedanklich in alten Zeiten verhaftet.“ Zeitsoldaten hätten keine „Söldnermentalitäten“, sondern seien Staatsbürger.

Reinhold Robbe ist froh, dass Steinbrück mit auf dem Podium war. Ein anderer, glaubt er, hätte vielleicht nicht auf die Entgleisungen reagiert: „Solcher Unsinn darf nicht unwidersprochen bleiben.“ Robbe rät seiner Partei dringend von Veranstaltungen mit Grass ab: „Wer sich mit Grass einlässt, muss immer damit rechnen, dass so etwas passiert.“ Viel Hoffnung, dass seine Warnung gehört wird, kann sich Robbe nicht machen. Schon 2012 hatte er vor Wahlkampfauftritten mit Grass gewarnt. Damals hatte dieser mit einem Gedicht für Empörung gesorgt. Darin bezeichnete Grass Israel wegen eines drohenden Militärschlags gegen den Iran als Gefahr für den Weltfrieden.