Lehrstellenmarkt

Hamburger Ausbildungsmodell ist Vorbild

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Nina Paulsen

Studie: Mit Lehrstellen-Garantie könnte Deutschland Milliarden sparen. Mehr Länder verbessern Übergang in den Beruf.

Berlin. Es ist die Leerstelle vor der Lehrstelle: Mehr als 300 000 Jugendliche haben im vergangenen Jahr nach der Schule keinen Ausbildungsplatz gefunden und sind in das eingetreten, was man hierzulande als Übergangssystem bezeichnet. Ein Dickicht aus verschiedenen berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen und Bewerbungstrainings, die fit machen sollen für den Arbeitsmarkt. Tatsächlich aber bleiben viele junge Erwachsene trotzdem auf der Strecke. 150 000 haben jedes Jahr keine abgeschlossene Berufsausbildung.

Die Effizienz des Warteschleifen-Systems wird immer wieder infrage gestellt. In Hamburg wurde deshalb schon 2009 eine Ausbildungsgarantie eingeführt. Jugendliche, die keine Lehrstelle finden, absolvieren eine Berufsqualifizierung, die dem ersten Ausbildungsjahr entspricht, und wechseln dann in eine betriebliche oder staatlich geförderte Ausbildung. Anfang September wurden in der Hansestadt zudem die bundesweit ersten Jugendberufsagenturen eröffnet, die beim Übergang in die Lehre helfen sollen.

Mit dieser Erfahrung hat sich Hamburg mit dem Institut für Berufliche Bildung (HIBB) in ein Reformkonzept zum Umbau des Übergangssystems eingebracht. Acht weitere Länder, die Bundesagentur für Arbeit und die federführende Bertelsmann-Stiftung sind ebenfalls mit im Boot. Das gemeinsame Ziel: Jeder Schulabgänger muss ohne Zeitverlust eine Berufsausbildung aufnehmen können; eine staatliche Ausbildungsgarantie sichert zudem ab, dass kein junger Erwachsener im System hängen bleibt. "Damit wäre klar: Jeder ausbildungsfähige Jugendliche erhält einen Ausbildungsplatz", sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung und ehemaliger Hamburger Wissenschaftssenator (2001 bis 2008). Konkret bedeutet das: Überall dort, wo der Arbeitsmarkt kein Ausbildungsangebot machen kann, soll künftig der Staat einspringen, etwa in Form einer Berufsschule oder eines anderen öffentlichen Bildungsträgers - mithin so ähnlich, wie es bereits in der Hansestadt funktioniert.

"Auf dem Weg zu einer Ausbildungsgarantie ist Hamburg weit vorne in Deutschland", sagte Dräger dem Abendblatt. "Hier müssen ausbildungsfähige Jugendliche ohne Lehrstelle keine Warteschleifen mehr drehen, sondern können unmittelbar nach der Schule eine Ausbildung beginnen." Die neue Jugendberufsagentur verspreche zudem Hilfe aus einer Hand, statt von einer Anlaufstelle zur nächsten geschickt zu werden. "Das ist ein zukunftsweisendes Konzept, jetzt kommt es allerdings auf die Umsetzung an."

Die Bertelsmann-Stiftung wird heute ihr Konzept für die Ausbildungsgarantie vorstellen - und eine Studie über die Finanzierbarkeit. Das Ergebnis von Bildungsforscher Klaus Klemm von der Uni Duisburg-Essen: Tatsächlich würde die Ausbildungsgarantie die öffentliche Hand deutlich günstiger kommen als der bisherige Übergangsbereich. Laut Berechnungen würden jährlich maximal 1,5 Milliarden Euro anfallen. Das Übergangssystem belastet die öffentlichen Haushalte derzeit hingegen mit jährlich 4,3 Milliarden Euro. Hinzu kommen die langfristigen finanziellen Vorteile, etwa die höheren staatlichen Einnahmen wie Lohnsteuern oder Beiträge zur Arbeitslosenversicherung; gleichzeitig sinken die Ausgaben für Sozialleistungen, wenn mehr Jugendliche eine Berufsausbildung haben. Die Kosten-Nutzen-Rechnung fällt laut Klemm also klar zugunsteneiner Ausbildungsplatzgarantie aus.

Zudem stünden der deutschen Wirtschaft mehr Fachkräfte zur Verfügung als bislang. Gerade vor dem Hintergrund sinkender Bevölkerungszahlen und "derzeit allgegenwärtiger Klagen der Betriebe nach fehlenden Fachkräften" sei die bisherige Situation eine "gigantische Vergeudung" an Fähigkeiten, wie es in der Studie heißt. Dass zu Beginn eines Ausbildungsjahres trotz vieler suchender Jugendlicher viele Lehrstellen unbesetzt bleiben, liegt aus Sicht der Forscher vor allem daran, dass die Ansprüche der Arbeitgeber nicht mit den Fähigkeiten und Vorstellungen der Schulabgänger zusammenpassen. Dass die Potenziale in den Warteschleifen ungenutzt bleiben, ist für sie ein weiterer Beleg der Ineffizienz des Übergangssystems.

Zu Beginn des Ausbildungsjahres am ersten September haben sich auch Arbeitnehmervertreter für eine Garantie ausgesprochen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordern, sie in den Sozialgesetzbüchern zu verankern. "Alle jungen Menschen müssen durch Ausbildung die Chance haben, selbst ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Eine verlorene Generation können wir uns nicht leisten", erklärte DGB-Vize Ingrid Sehrbrock.

Mithilfe des neuen Rahmenkonzepts wollen sich jetzt auch Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hessen, Sachsen und Schleswig-Holstein an eine Verbesserung des Übergangs von der Schule in den Beruf machen. Ähnlich aufgestellt wie Hamburg ist bereits Nordrhein-Westfalen. Schon ab der achten Klasse bekommen Schüler hier eine Berufs- und Studienorientierung, ab 2018 ist eine Ausbildungsgarantie geplant.

Mit einer Quote von acht Prozent hat Deutschland bereits jetzt die niedrigste Arbeitslosigkeit unter den 15- bis 24-Jährigen in der EU. Das Bild trügtallerdings insofern, dass die Jugendlichen im Übergangssystem nicht mitgezählt werden. Österreich, das eine Ausbildungsgarantie hat, kommt auf eine Quote von 8,9 Prozent. In der Alpenrepublik wird jedem Schulabgänger innerhalb von sechs Monaten eine Lehrstelle angeboten. Findet er nichts, kommt er in einem staatlichen Betrieb unter. Die Wirtschaftskrise hat in diesem Zusammenhang vor allem in Südeuropa dramatische Spuren hinterlassen. In Spanien und Griechenland ist mehr als jeder zweite junge Erwachsene arbeitslos.

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