Wachsende Weltbevölkerung

Eine für sieben Milliarden - Deutschland schrumpft hingegen

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Danica von den Philippinen ist Symbol der wachsenden Weltbevölkerung. Demografen sagen voraus, welche Folgen das langfristig hat.

Hamburg/Manila. Danicas erste Geburtstagstorte kommt von einem Mitarbeiter der Vereinten Nationen, gelbe und himmelblaue Blümchen und eine kleine Kerze stecken in der Torte. Die kleine Danica ist gerade ein paar Minuten alt, sie wiegt zweieinhalb Kilo - und sie ist ein Symbol. Kameras filmen ihre Geburt kurz vor Mitternacht im Kreißsaal eines Krankenhauses in der philippinischen Hauptstadt Manila. Mit einem Stipendium der Vereinten Nationen soll dem Kind die Ausbildung finanziert werden. "Dieses Baby ist ein Segen", sagt Mutter Camille Dalura in die Mikrofone der Fernsehteams, als sie ihre Tochter stillt. Dem Glück der Mutter steht eine Zahl gegenüber, die mit ihrem Baby nun verbunden sein wird: 7 000 000 000. Und eine bange Frage: Wie viel Menschen trägt die Erde noch?

Sieben Milliarden. So viele Menschen leben nach Schätzungen jetzt auf der Welt. Noch könnten all diese Menschen sitzend auf der Insel Mallorca Platz nehmen. Doch in den kommenden 40 Jahren wird die globale Bevölkerung noch einmal um etwa ein Drittel wachsen. Dabei ist nicht entscheidend, dass so viele Menschen auf der Welt leben. Sondern, wo sie leben. Regionale "Cluster-Explosionen" nennen Experten das: Die Bevölkerung wächst rasant in Schwellenländern und Entwicklungsländern - Regionen, in denen schon heute Armut und Arbeitslosigkeit hoch sind. Und die Menschheit schrumpft in den reichen Industriestaaten mit niedrigen Geburtenraten und hohen Standards im Gesundheitswesen. Das gilt für Japan, die USA - vor allem aber für Deutschland.

Die Bundesregierung schätzt, dass hierzulande im Jahr 2060 nur noch 65 bis 70 statt der bisher knapp 82 Millionen Einwohner leben werden. Hamburg wird davon mit einem Rückgang der Einwohner um sechs Prozent noch am wenigsten betroffen sein, wie der Demografie-Bericht der Bundesregierung ergab. Hart trifft es den Osten des Landes. Junge Menschen drängen in die Städte - vor allem in die Großstädte im Westen. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung schlägt sogar vor, die Landflucht gezielt zu fördern. Dörfer ohne Arbeitsplätze und abgeschnitten von der Infrastruktur würden über kurz oder lang aufgegeben. Der globale Wandel hat Folgen - nicht nur für afrikanische Länder wie Ruanda und für Großmächte wie China. Doch welche Auswirkungen haben die demografischen Veränderungen für Deutschland?

In einem alternden und schrumpfenden Deutschland sieht der Demograf und Volkswirt Herwig Birg aus Berlin vor allem vier Interessenkonflikte: zwischen Jung und Alt, zwischen Menschen mit Kindern und Kinderlosen, zwischen Einheimischen und Zuwanderern und zwischen den einzelnen Regionen in Deutschland - den stark schrumpfenden und den weniger stark schrumpfenden Kommunen.

Das starke Wachstum der Bevölkerung vor allem in Entwicklungsländern führt zur Knappheit von lebenswichtigen Ressourcen - und zum Kampf um Wasser und fruchtbare Böden. Doch auch in Deutschland könnte der demografische Wandel zu einem Konkurrenzkampf um Privilegien zwischen Generationen und Bundesländern führen - besonders im Sozialsystem und auf dem Arbeitsmarkt.

Schon Mitte des Jahrhunderts wird jeder Dritte in Deutschland über 65 Jahre alt sein. Genauso viele junge Menschen feiern 2050 ihren 20. Geburtstag und ihren 80. In einer alternden Gesellschaft wird vor allem aber der Bedarf an Personal und Einrichtung für die Pflege wachsen. Bundesweit gibt es derzeit mehr als 11 000 Alten- und Pflegeheime mit gut 800 000 stationären Plätzen. Bis zum Jahr 2020 benötigt Deutschland etwa 2000 zusätzliche Pflegeheime, wie Studien belegen. Pro Jahr steigt der Bedarf um 10 000 bis 12 000 neue Plätze. In einer Republik der Alten erproben Forscher derzeit bereits Pflegeroboter als eine Art mobile Hilfe in Heimen. Demograf Herwig Birg kritisiert, dass Menschen ohne Kinder bisher privilegiert werden in einem Sozialsystem, das im hohen Maße auch von einer Verantwortung der jungen Generation für die älteren Menschen getragen werde: "Wir brauchen ein anderes System, in dem Kinderlose mehr zahlen als Menschen mit Kindern", fordert Birg im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt.

Denn auch beim Thema Rente treibt die ungleiche Verteilung der jungen und alten Generation einen Keil in das System. Die Alterung der Gesellschaft sorgt dafür, dass immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren müssen. Um die gesetzliche Rentenkasse zu entlasten und den Lebensstandard im Alter zu halten, müssten im Prinzip alle Deutschen privat vorsorgen. Deshalb wurde die Riester-Rente eingeführt und die Betriebsrente begünstigt. Der Staat zahlt Zulagen, damit sich die Bürger ein Polster für das Alter anlegen können. Gleichzeitig sinkt auch das Rentenniveau der gesetzlichen Rente. Es wird in einigen Jahren nur noch 43 Prozent betragen, nach 50 Prozent im Jahr 1990. Das heißt, die Rente beträgt nur noch 43 Prozent vom Verdienst. Allerdings beziehen die Deutschen auch immer länger Rente: Schon jetzt genießen die Ruheständler gut 18 Jahre Rente. Aufgrund der geringeren Lebenserwartung waren es noch 1990 drei Jahre weniger.

Gerade erst feierte Deutschland das gemeinsame Anwerbeabkommen mit der Türkei vor 50 Jahren. Damals kamen Gastarbeiter vom Bosporus an die deutschen Fließbänder. In den Jahren des Wirtschaftswunders brauchte Deutschland billige Arbeiter. Künftig wird eine schrumpfende und alternde Gesellschaft den Arbeitsmarkt beeinflussen. Und wieder wird dieses Land Arbeiter aus dem Ausland brauchen. Sind heute knapp 50 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter, werden es im Jahr 2030 noch 42 Millionen und 2060 nur noch 33 Millionen sein. Statistiker der Vereinten Nationen haben errechnet, dass die Bundesrepublik in den kommenden 40 Jahren 24 Millionen neue Zuwanderer benötigt, nur um die Zahl der Arbeitsfähigen auf dem Level von heute zu halten. In einer hoch technisierten Industrie und einer Dienstleistungsgesellschaft wie Deutschland werden künftig vor allem spezialisierte Fachkräfte fehlen. Arbeitsmarkt-Experten sagen einen verstärkten "Wettbewerb um Talente" voraus, der zwischen den Volkswirtschaften ausgefochten wird. Die Bundesagentur für Arbeit hatte bereits angekündigt, gezielt gut ausgebildete Arbeitnehmer aus Krisenländern wie Spanien, Portugal und Griechenland anzuwerben, um dem Mangel entgegenzusteuern. Vielleicht gibt es auch bald wieder ein Abkommen.

So wird der Anteil der Menschen mit ausländischen Wurzeln vor allem in Ballungsräumen in Deutschland zunehmen. Schon jetzt haben in einigen deutschen Großstädten "rund 40 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund". Je stärker Deutschland ein Land der Zuwanderung sein wird, desto mehr werden davon auch die kleineren Kommunen profitieren. Vor allem eine Herauforderung wird dieser demografische Wandel mit sich bringen: die Vermittlung der deutschen Sprache. So verfügen nach Angaben der Bundesregierung über zwei Drittel der Ausländer, die mit einer Bleibeperspektive nach Deutschland einreisten, nicht über ausreichende Deutschkenntnisse.

Rund 75 Prozent der weltweit verbrauchten Energie, 60 Prozent des Wasserverbrauchs und 80 Prozent der Treibhausgase entfallen schon jetzt auf Städte. Weniger Menschen in Deutschland bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass auch weniger Energie verbraucht wird. Die Menschen drängen auch hier vom Land in die Städte, die Mobilität in einer Dienstleistungsgesellschaft steigt, Verkehr und Verbrauch nehmen im globalen Zeitalter zu. Vor allem eine nachhaltige Architektur wird für Großstädte enorm wichtig. So sind Gebäude weltweit für 40 Prozent des Energieverbrauchs und gut 20 Prozent der erzeugten Treibhausgase verantwortlich. Um die Umwelt nicht stärker mit Schadstoffen durch Energieverbrauch zu belasten, bedarf es zum einen nachhaltiger Infrastruktur - auf Straßen, Schienen und in der Luft. Intelligente Verkehrssteuerung durch Computer ermöglicht weniger Staus und somit weniger Kraftstoffverbrauch. Doch auch der Rückbau der Infrastruktur in schrumpfenden Regionen stellt die Kommunen vor ökologische Herausforderungen beispielsweise bei der Entsorgung von Bauschutt.

Finnland hat schon erlebt, was sich nun auch in Deutschland verfestigt. Dort sank die Geburtenrate seit den 70er-Jahren extrem. Die finnische Regierung führte das Recht auf einen kostenlosen Krippenplatz für fünf Stunden täglich für alle Kinder ein. Auch die private Tagesbetreuung durch Tagesmütter wird mit öffentlichen Mitteln gefördert. Und die städtischen Krippen sind großzügig mit Personal ausgestattet.

In Deutschland fehlen nach wie vor Betreuungsplätze - besonders für Kinder unter drei Jahren. Dabei sollen Familien ab 2013 sogar einen Rechtsanspruch auf diese Krippen-Plätze haben. Aus Sicht von Experten ist dieses Ziel kaum zu erreichen. Auch Demograf Herwig Birg fordert eine stärkere Förderung von Eltern. "Bei zwei gleich Qualifizierten für einen Arbeitsplatz sollte derjenige Vorrang erhalten, der Kinder erzieht oder Angehörige pflegt", sagt Birg. Auch die Einführung des Familienwahlrechts halte er für eine sinnvolle Maßnahme bei der Bewältigung des demografischen Wandels: Eltern erhalten die Stimme ihrer Kinder, sofern diese noch nicht wahlberechtigt sind.