Weltbevölkerung

Sieben Milliarden – wie viel Mensch verträgt die Erde?

In diesen Tagen wird der siebenmilliardste Mensch geboren. Gegen die Bevölkerungsexplosion setzen Experten auf die Bildung von Mädchen.

Ob es eine kleine Chinesin wird? Kommt das Baby in Nigeria zur Welt? Oder ist der Erdenbürger Nummer 7.000.000.000 gar schon da? Die Vereinigten Nationen haben den 31. Oktober 2011 als den Tag festgelegt, an dem die Weltbevölkerung die Sieben-Milliarden-Grenze überschreiten wird. Aber auch die Experten wissen, dass die Realität die Prognosen schon oft überholt hat. Vermutlich in diesen Tagen wird irgendwo auf dem Globus das Kind geboren, das bei vielen Menschen eher Angst als Freude, eher bange Fragen als kluge Antworten auslöst. Weil eine historische Marke überschritten wird. Und weil niemand seriös voraussagen kann, wie viele Bewohner dieser strapazierte Planet namens Erde noch vertragen kann. Ist das Boot voll?

Die Menschheit wächst in einem rasanten Tempo, das ist eine Gewissheit. Lebten 1900 noch 1,6 Milliarden Menschen auf der Erde, überschritt die Weltbevölkerung nur 99 Jahre später bereits die Sechs-Milliarden-Grenze. Das heißt, dass sie sich im 20. Jahrhundert nahezu vervierfacht hat, ein in der Geschichte der Menschheit einmaliger Vorgang.

Weltbevölkerungsuhr

Ob es in diesem Tempo weitergeht, darüber sind selbst Experten uneinig. "Die Vorhersage und der globale Ausblick sind durch eine Vielzahl von Unsicherheiten schwierig", sagt David Bloom, Bevölkerungswissenschaftler von der Harvard School of Public Health. "Dazu zählen Infektionskrankheiten und Kriege, der wissenschaftliche Fortschritt und politische Veränderungen." Und außerdem nennt Bloom "die Fähigkeit der Menschheit zur globalen Zusammenarbeit". Doch wie weit ist es damit her? In einer Welt, deren Ressourcen immer knapper werden? Und in der laut Uno-Prognosen, trotz eines erwarteten abgeschwächten Bevölkerungswachstums, im Jahr 2050 nach Schätzungen bis zu 10,5 Milliarden Menschen leben werden?

Manchmal, das wissen wir, ist die Welt ein Dorf. Wäre sie wirklich eines mit nur 100 Einwohnern, kämen momentan 60 aus Asien, 15 aus Afrika und elf aus Europa. Dazu kämen neun Latein- und fünf Nordamerikaner. Im Jahr 2050 würden in diesem Dorf bereits 138 Menschen leben. Davon 79 Asiaten und 30 Afrikaner, die Zahl der Europäer (11) und Amerikaner (11 + 7) ist nahezu unverändert.

UN-Weltbevölkerungsbericht

Das große Problem ist also: Das Bevölkerungswachstum ist nicht gleichmäßig über die Erde verteilt, der Zuwachs an Menschen weist dramatische regionale Unterschiede auf. Eindrucksvolles Beispiel ist ein Vergleich von Deutschland und Äthiopien. Beide Länder haben derzeit etwa 80 Millionen Einwohner. In 40 Jahren aber wird es rund 170 Millionen Äthiopier geben, während sich hierzulande 72 Millionen Menschen den Platz, das Wasser, die Lebensmittel und die Energiereserven teilen. Es mangelt nicht an Horrorszenarien für die Welt von morgen. Der dramatische Klimawandel sorgt für Dürre-Katastrophen und Überschwemmungen. Gewaltige Plastikmüll-Teppiche bedrohen die Meere und ihre Bewohner, Regenwälder werden nach und nach zerstört. Nach Vorhersage des Uno-Umweltprogramms werden die unberührten Wälder Amazoniens und des Zaire-Beckens bis 2050 Geschichte sein. Nach Ansicht der Umweltstiftung World Wilde Fund for Nature (WWF) sind in den vergangenen 30 Jahren insgesamt 30 Prozent der biologischen Vielfalt verloren gegangen.

Untergangs-Experten sagen Kriege um Wasser voraus, die um Öl finden bereits statt. Schon heute bleiben Millionen Menschen auf der Strecke, weil sie sich auf den Weg in eine bessere Zukunft machen. Sie stranden irgendwo an Europas Küsten, wenn sie nicht vorher ertrinken. Ihre Boote sind längst voll. Sie haben nichts verbrochen, sondern nur das Pech gehabt, zufällig in einem falschen Teil des Globus auf die Welt gekommen zu sein.

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass auch der siebenmilliardste Mensch in einem Entwicklungsland zur Welt kommt.

Datenreport Stiftung Weltbevölkerung

Die Kinderhilfsorganisation Plan wird am 31. Oktober ein neugeborenes Mädchen in Uttar Pradesh, der bevölkerungsreichsten Region in Indien, als Erdenbürger Nr. 7 000 000 000 feiern. Eine Zahl und ein Datum mit eher symbolischem Wert. "Eine Zahl aber", sagt Maike Röttger, 44, "die für mich in erster Linie Ansporn bedeutet." Die Geschäftsführerin von Plan Deutschland sagt, dass wir hierzulande gar nicht abschätzen könnten, was diese Zahl und das Überschreiten der Grenze wirklich bedeuten.

"Weil wir auf einer Insel der Glückseligen leben." Man müsse sich ständig bewusst machen, dass es in zahlreichen Ländern auf dem Planeten jeden Tag um Leben und Tod geht.

"Eine Milliarde Menschen hungern", sagt Ute Stallmeister, Sprecherin der Stiftung Weltbevölkerung. Auf der Internetseite der Entwicklungshilfeorganisation, die vor 20 Jahren in Hannover von den Unternehmern Erhard Schreiber und Dirk Rossmann gegründet wurde, tickt die Uhr unaufhörlich. In jeder Sekunde kommen 2,6 Menschen dazu, weltweit sind es 82 Millionen pro Jahr.

"Eine der Ursachen für das starke Wachstum der Weltbevölkerung ist der beschränkte Zugang zu Aufklärung und Mitteln der Familienplanung. Viele Frauen in den Entwicklungsländern bekommen mehr Kinder, als sie es sich wünschen, da sie oft keinen Zugang zu wirksamen Verhütungsmitteln haben", sagt Ute Stallmeister. Das afrikanische Niger sei weltweit das Land mit der höchsten Fruchtbarkeitsquote, dort bekomme eine Frau im Durchschnitt sieben Kinder, in Somalia sind es 6,4.

UN-Prognose

Wenn man das Thema Hunger wirklich an der Wurzel anpacken wolle, müsse man hier ansetzen. "Nur eine von 100 Frauen in Afrika verwendet moderne Verhütungsmittel", sagt Ute Stallmeister. Weltweit würden in den Entwicklungsländern jedes Jahr 75 Millionen Frauen ungewollt schwanger, 350 000 von ihnen überlebten die Schwangerschaft nicht.

Mit Aufklärungsprogrammen zu Sexualität und Verhütung, Netzwerken von Jugendklubs, Parlamentariergesprächen und der Zurverfügungstellung von Verhütungsmitteln kämpft die Stiftung in vier afrikanischen Ländern für eine lebenswerte Zukunft der Menschen. Es geht um Aufklärung, aber auch um finanzielle Mittel. "Um den kompletten Bedarf von Verhütungsmitteln weltweit zu decken, wären 6,7 Milliarden Dollar nötig", sagt Ute Stallmeister. Zurzeit stehe nur etwa die Hälfte an Mitteln zur Verfügung.

Auch die Kinderhilfsorganisation Plan setzt beim Thema Bevölkerungsexplosion vor allem auf Aufklärung. Und hat dabei in erster Linie die Mädchen im Blick. "In den Entwicklungsländern ist jede dritte junge Frau bereits mit 18 Jahren verheiratet", sagt Maike Röttger. Jedes Jahr bekämen rund 14 Millionen Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren ein Kind. "Und etwa 44 Millionen Mädchen erhalten keine Bildung."

Es sind eher diese Zahlen und nicht so sehr die sieben Milliarden, die dramatisch sind. Die aber gleichzeitig auch Anlass zur Hoffnung für die Zukunft unseres Planeten geben, weil es möglich ist, darauf Einfluss zu nehmen.

Für Maike Röttger geht es darum, die Rechte der Mädchen in den Entwicklungsländern zu stärken. "Und die Bildung ist der Schlüssel dazu." Mit jedem Schuljahr trage ein Mädchen zehn Prozent mehr zum Familieneinkommen bei. "Einem gebildeten Mädchen kann man nicht mehr erzählen, dass es gute Tradition ist, sieben oder acht Kinder in die Welt zu setzen", sagt die Chefin der in Hamburg sitzenden Hilfsorganisation.

Und eine gebildete Frau werde ihren eigenen Töchtern ermöglichen, eine Schule zu besuchen, zum Arzt zu gehen und nicht schon mit zwölf Jahren schwanger zu werden. "Sie wird", sagt Maike Röttger, "ihrer Tochter die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben geben."

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