Bevölkerung

Die Welt wächst - und Deutschland schrumpft

Nur noch 65 Millionen Bundesbürger 2060, und jeder Dritte davon ist älter als 65 Jahre. Demografischer Wandel nicht mehr aufzuhalten.

Berlin. Am Montag ist es so weit. Irgendwo auf dieser Welt wird der siebenmilliardste Mensch geboren. Das kleine Mädchen oder der kleine Junge wird dann eine neue, bislang nicht da gewesene Marke durchbrechen. Die Bevölkerungsexplosion, wie Experten das schnellste Anwachsen der Zahl der Erdbewohner nennen, das der Globus seit 200 Jahren erlebt, erreicht damit einen neuen Höhepunkt.

Und es geht immer so weiter: In jeder Sekunde erblicken im Schnitt 2,6 Kinder das Licht der Welt. 156 sind es pro Minute, 224 640 am Tag. Nach einem Jahr ist die Weltbevölkerung um 81 993 600 Menschen gewachsen - das sind mehr als die Bundesrepublik Deutschland an Einwohnern hat. Auch wenn das alles nur Statistik ist und niemand genau wissen kann, wann es sieben Milliarden Menschen gibt - diese Werte der Vereinten Nationen gelten als sehr genau. Die Uno hat deshalb den 31. Oktober 2011 als symbolischen Stichtag festgelegt. Einige Experten gehen auch davon aus, dass diese Marke bereits überschritten ist.

Die neuen Zahlen zum Bevölkerungswachstum entstammen dem neuesten Weltbevölkerungsbericht des Uno-Bevölkerungsfonds UNFPA. Darin enthalten sind auch Prognosen für die nächsten Jahrzehnte, in denen weiterhin neue Höchststände erreicht werden. So rechnen die Experten für das Jahr 2050 mit 9,3 bis 10,6 Milliarden Menschen. Dabei hängt die Zahl vor allem von der Entwicklung der Geburtenraten in den bevölkerungsreichen Ländern ab. Für das Jahr 2100 schwanken die Schätzungen deshalb zwischen zehn und 15 Milliarden Menschen, die der Globus dann verkraften muss.

Unterschiedlich ist dabei jedoch die Entwicklung auf den einzelnen Kontinenten: In Asien, wo heute 4,2 Milliarden Menschen leben, wird 2052 mit 5,2 Milliarden Einwohnern ein Höhepunkt erreicht, der danach wieder zurückgeht. Die Bevölkerung in Europa dürfte im Jahr 2025 mit 740 Millionen Menschen ihren Scheitelpunkt überschreiten, danach jedoch schrumpfen. Knapp die Hälfte der Weltbevölkerung ist heute unter 24 Jahre alt. Im Durchschnitt wird sie künftig jedoch noch jünger sein als heute.

Ganz anders ist es jedoch in vielen Industrienationen, vor allem in Deutschland. Gleich zwei Studien belegten gestern erneut die bisherige Tendenz: Die Deutschen werden älter, und sie werden weniger. Wie aus einem von Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) gestern Morgen dem Bundeskabinett präsentierten Demografiebericht weiter hervorgeht, leben derzeit 81,7 Millionen Menschen in Deutschland. Bis zum Jahr 2060 werde diese Zahl auf 65 bis 70 Millionen zurückgehen. Experten der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh rechnen zudem mit einem rasanten Anstieg von Alten. Bundesweit werde bis zum Jahr 2030 die Zahl der über 80-Jährigen um fast 60 Prozent zunehmen. Bei den Männern könne sich diese Zahl sogar mehr als verdoppeln. Bei den Frauen prognostizieren die Statistiker einen Anstieg von knapp 40 Prozent.

"Unser Lebenswandel wird sich in den nächsten Jahrzehnten deutlich verändern", so Reiner Klingholz, Demografie-Experte und Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. "Es gibt insgesamt einfach weniger zu verteilen. Weniger Menschen sorgen für die Produktivität und müssen immer mehr ältere Menschen finanzieren." Dazu müssten sie gewaltige Schulden abtragen und auch mit ökologischen Lasten zurechtkommen, die ihnen die Vorgängergeneration hinterlassen habe. "Die goldenen Zeiten sind dann vorbei", sagte Klingholz dem Abendblatt. Innenminister Friedrich nannte die Gestaltung des demografischen Wandels "eine der großen Zukunftsaufgaben."

Im internationalen Vergleich der Industrienationen, die alle mit einer alternden Gesellschaft zu kämpfen haben, stünde Deutschland jedoch insgesamt noch gut da. "Der Ausbildungsstand ist relativ hoch, die Frauenerwerbsquote steigt, und auch die Altenerwerbsquote ist gut. In Frankreich oder Italien ist es auf diesen Gebieten viel schlechter bestellt", betonte Experte Klingholz. Die neuen Bundesländer sind laut Studien besonders stark vom demografischen Wandel betroffen. Dort leben in 50 Jahren voraussichtlich ein Drittel weniger Menschen als heute. Ganz anders ist es jedoch in Hamburg: Bis 2030 wird die Einwohnerzahl um 7,2 Prozent auf 1,9 Millionen wachsen. Auch der Anstieg der über 80-Jährigen ist in der Hansestadt mit 44 Prozent viel geringer als im Durchschnitt. Bei den unter Dreijährigen wird zudem ein Plus von 2,4 Prozent erwartet.

"Bildung muss bei der jungen Generation eine immer wichtigere Rolle spielen", forderte Klingholz. "Wir können es uns bald nicht mehr leisten, dass ein ganzer Teil junger Menschen wegen einer mangelhaften Qualifikation dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht." Zudem sei es wichtig, die weitere Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland zu ermöglichen. "Dabei geht es nicht nur um die viel zitierten Ingenieure, sondern etwa auch um Pflegekräfte." Dass ein Anstieg der Geburten die Vergreisung der Gesellschaft abfedern könnte, schließt Klingholz aus: "Wir können den demografischen Wandel nicht mehr aufhalten, wir können nur noch versuchen, uns an ihn anzupassen." Zudem hätten die familienpolitischen Maßnahmen der letzten Zeit keine messbaren Erfolge geliefert. "Die niedrige Kinderzahl je Frau dauert in Deutschland schon seit über 30 Jahre an und ist zu einer gesellschaftlichen Norm geworden. Da kann auch die Politik kaum etwas dran ändern", betonte er. "Man hätte schon vor 30 Jahren was tun müssen."

Innenminister Friedrich kündigte für 2012 ein Konzept an, um die "Chancen eines längeren Lebens zu nutzen und damit einhergehende Risiken abzuwenden." Der Gefahr von Versorgungs- und Mobilitätsengpässen müsse rechtzeitig begegnet werden, sagte er. "Wir sind gefordert, unser gesellschaftliches Fundament umzubauen."