Auch in Hamburg wird weiter demonstriert

2000 Finanzmarktkritiker kamen am Sonnabend auf den Rathausmarkt und protestierten friedlich. In Rom kam es zu schweren Ausschreitungen und Gewalt

Hamburg/Berlin. Selbst winterliche Temperaturen schrecken sie nicht ab. Denn Ausdauer und Beständigkeit seien der Schlüssel zum Erfolg, findet Johannes. Der 28-jährige Koch hat sich mit einigen anderen nach der großen "Occupy Hamburg"-Demonstration dazu entschlossen, auch am Sonntag weiterzuprotestieren. Mit einer Handvoll Leuten sitzt er in dicken Decken vor der HSH Nordbank auf dem Gerhard-Hauptmann-Platz - und hofft, dass sie dort noch bis in die Woche hinein die Stellung halten können. "Jeder ist herzlich eingeladen, uns Gesellschaft zu leisten oder zu unterstützen - egal, welcher Gesinnung", sagt er. "Eben hat uns sogar ein Broker von der Börse was zu essen vorbeigebracht - das ist doch schon mal ein Anfang."

Die Bewegung "Occupy Wall Street" (Besetzt die Wall Street), die seit Wochen New York in Atem hält, ist am Sonnabend in 951 Städten in 82 Ländern und damit auch in Deutschland angekommen. In Hamburg haben sich nach Polizeiangaben 2000 Menschen an den Protesten gegen Globalisierung, die Banken und den Kapitalismus beteiligt. Viele der Protestler seien "keine Profis", sagte Joachim Fiedler, einer der Mitorganisatoren. Er selbst moderierte an diesem Tag zum ersten Mal eine Großveranstaltung. "25 Jahre lang habe ich gehofft, dass die Politik schon alles irgendwie regelt. Aber das war ein Trugschluss", so der 53-Jährige. "Jetzt werden wir das Ganze selbst in die Hand nehmen und Präsenz zeigen. Denn so geht es nicht weiter." Auch Anna Holthaus ist aus Lüneburg zur Kundgebung auf den Rathausmarkt gekommen. "Man muss in die Öffentlichkeit treten und seine Unzufriedenheit deutlich machen. Dann haben wir eine Chance, etwas zu bewegen", sagte die Studentin.

In der deutschen Bankenmetropole Frankfurt am Main protestierten etwa 5000 Menschen vor der Europäischen Zentralbank (EZB), 10 000 waren es in Berlin. Bis auf kleinere Zwischenfälle blieben die Aktionen friedlich. Rund 200 Demonstranten stürmten die Wiese vor dem Bundestag und begannen damit, die Absperrungen abzubauen. "Occupy Bundestag" lautete der Slogan - so lange, bis die Beamten eingriffen. Am Abend wurde ein Zeltcamp vor dem Reichstagsgebäude geräumt. Die Protestaktion in Frankfurt soll noch tagelang fortgesetzt werden. Laut Genehmigung dürfen die Aktivisten bis Mittwoch 15 Uhr bleiben - dann müssen sie ihr Camp vor der Bank auflösen. Die Globalisierungskritiker riefen für kommenden Sonnabend zu einem neuen Aktionstag auf.

In Lissabon und Rom gingen je mehr als 100 000 Menschen auf die Straße. In der italienischen Hauptstadt kam es dabei zu schweren Krawallen. Hunderte vermummte Demonstranten setzten Autos in Brand, warfen die Schaufenster von Banken und Geschäften ein. Die Polizei feuerte Tränengas und Wasserwerfer auf die Menge ab, aus der sie mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern beworfen wurde. Mehr als 100 Menschen wurden verletzt. In New York kam es zu mehr als 70 Festnahmen. Die Polizei nahm 24 Protestler in Gewahrsam, nachdem diese in eine Filiale der Citibank geströmt waren, um ihre Konten in einer gemeinsamen Aktion aufzulösen. Etwa 3000 Protestler gingen zudem in London auf die Straße, die Polizei nahm fünf Menschen fest.

In Deutschland wurden die Proteste vor allem von der Opposition unterstützt. "Die Banken müssen endlich zur Verantwortung gezogen werden", sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Linkspartei-Chef Klaus Ernst sagte dem Abendblatt: "Im Grundgesetz gibt es nicht umsonst ein Widerstandsrecht, wenn die verfassungsmäßige Ordnung in Gefahr ist. Durch die Macht der Banken wird die Demokratie ausgehebelt." Protestcamps vor dem Bundestag seien eine gute Sache. "Der Protest gehört dorthin. Wir werden ihn unterstützen." Jedoch müsse er auch im ganzen Land spürbar werden. "Ich kann mir vorstellen, dass überall Initiativen entstehen und jeden Montag vor der örtlichen Filiale der Deutschen Bank oder der Commerzbank dafür demonstrieren, dass die Banken an die Kette gelegt werden."