Deutsch statt Türkisch

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Lars-Marten Nagel

Westerwelle kritisiert Erdogans Aussagen zur Erstsprache für Kinder türkischer Migranten

Hamburg. An der Frage, ob Kinder türkischer Migranten zuerst die deutsche oder die türkische Sprache lernen sollten, hat sich ein neuer Integrationsstreit entfacht. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) wies gestern vehement die Forderung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zurück, Kinder türkischer Migranten sollten zuerst ihre Muttersprache erlernen.

"Die Kinder, die in Deutschland groß werden, müssen zuallererst Deutsch lernen", sagte Westerwelle in Berlin. Ohne die deutsche Sprache "kommen sie in der Schule nicht mit und haben später schlechtere Chancen als andere", erklärte Westerwelle.

Damit ging der Außenminister in seiner Kritik einen Schritt weiter als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die am Abend mit Erdogan die Computermesse Cebit in Hannover eröffnete. Merkels Regierungssprecher Steffen Seibert argumentierte ähnlich, Kinder mit bruchstückhaften Deutschkenntnissen hätten in der Schule einen Nachteil, er schlussfolgerte aber: Das Deutschlernen sollte dem Türkischlernen "zumindest gleichgestellt" werden.

Auch Martin Schulz, Vorsitzender der Sozialdemokraten im Europaparlament, fand gegenüber dem Abendblatt deutliche Worte: "Wer türkischen Kindern nicht empfiehlt, in dem Land heimisch zu werden, in dem sie leben, schadet ihnen."

Den Streit ausgelöst hatte der türkische Ministerpräsident am Sonntag bei einem Auftritt vor 10 000 Landsleuten in Düsseldorf. "Unsere Kinder müssen Deutsch lernen, aber sie müssen erst Türkisch lernen", hatte Erdogan vor dem Fahnen schwingenden Publikum gefordert. Er lehne eine "Assimilation" oder völlige Anpassung ab. Zugleich sagte Erdogan aber auch: "Wir müssen uns in die Gesellschaft integrieren, in der wir leben." Schon 2008 hatte Erdogan nach einem ähnlichen Auftritt in Köln heftige Kritik geerntet. Beide Auftritte, in Köln und in Düsseldorf, sind im Zusammenhang mit den Wahlen in der Türkei zu sehen. Für Erdogan ging und geht es auch um die Stimmen von Auslandstürken für seine islamisch-konservative Partei AKP.

Erdogans Auftreten in Düsseldorf sei "unangemessen", sagte Martin Schulz dem Abendblatt. "Es kann nicht sein, dass Erdogan seinen Wahlkampf in Deutschland betreibt. Was er macht, hat wenig mit Integration in Deutschland zu tun, aber viel mit Propaganda in der innentürkischen Debatte."

Auch die CSU reagierte verärgert. Generalsekretär Alexander Dobrindt forderte die Einbestellung des türkischen Botschafters. "Erdogan geht es nicht darum, dass Auswanderer aus der Türkei sich ihrer Heimat möglichst lange verbunden fühlen. Er will sie als Interessenvertreter der Türkei in Deutschland missbrauchen", sagte Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich.

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