Leitartikel

Auf Stimmenfang

| Lesedauer: 2 Minuten
Irene Jung

Erdogan wärmt vor Deutschtürken alte Phrasen auf.

Integration ist ein mühseliges Geschäft. Es wird umso mühseliger, wenn immer die gleichen emotionsgeladenen Phrasen in die Landschaft fliegen. Deshalb ist es schade, dass der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan seinen Auftritt in Düsseldorf wieder mit Phrasen bestückt hat, die er schon 2008 vor Anhängern in Köln benutzte: Integration ja, Assimilation aber auf keinen Fall. Deutsch lernen auch, aber erst Türkisch lernen. Sogar die Begriffs-Keule "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" schwang er wieder, im Zusammenhang mit der Religionsfreiheit für Muslime. Man könnte über das Schlachtfeld sagen: So wie es auf deutscher Seite eine imaginäre Sarrazin-Linie gibt, die manche nicht mit ausgestreckter Hand überschreiten mögen, so gibt es auf türkischer Seite eine Erdogan-Linie. Beide sind jeweils kulturzentristisch, und beide dienen der Sache nicht.

Denn Deutschlands aktive türkische Community hat das Thema Integration längst selbst in die Hände genommen. Eine wachsende Zahl deutschtürkischer Rechtsanwälte, Existenzgründer, Ärztinnen, Versicherungsfachleute, Bundestagsabgeordneter, Schriftsteller und Wissenschaftler braucht gewiss nicht Erdogans Ratschläge, um sich hier kulturell, rechtlich und geschäftlich zu verorten. Die muslimischen Verbände betonen, dass Deutschlernen der Zugang zur hiesigen Gesellschaft ist. Längst sind die meisten Deutschtürken in beiden Kulturen zu Hause, sprechen beide Sprachen. Selbst die traditionell geprägten Türken möchten ihren Kindern alle Chancen in Deutschland ermöglichen. Für keine dieser Gruppen ist die künstliche Trennung zwischen Assimilation und Integration irgendwie hilfreich.

Es gibt nur einen, dem sie nützt: Erdogan. Wenn sich seine türkische Anhängerschaft in Deutschland als diskriminierte, desintegrierte muslimische Pressure-Group versteht, kann er bei ihr umso besser türkischen Nationalstolz mobilisieren; und er kann gegenüber der Bundesregierung viel mehr Druck ausüben, in der Religionsfrage wie auch in der Frage des EU-Beitritts.

Aber weder sind die Deutschtürken alle Erdogan- beziehungsweise AKP-Wähler, noch lassen sie sich unter den Deckel " die Muslime" oder " der türkischeLebensstil" stopfen. Das gilt nicht einmal mehr für die Türken in der Türkei. Aber Erdogan kam ja auch nicht nach Düsseldorf, um Realität zu beschreiben. Er möchte mit den Stimmen der Deutschtürken die Parlamentswahlen am 12. Juni gewinnen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg