Castor-Transport

Die Protestgeneration: Schleichen, frieren, schottern

Ihre erste Castor-Demo erlebte Gwendolyn im Kinderwagen. Jetzt, mit 19, verkörpert sie die nächste Protestgeneration, die sich gegen den Atommüll stemmt. Mit viel Wut und wenig Schlaf - der lange Marsch durch ihre wendländische Heimat

Gwendolyn Zitterbarth will an diesem Wochenende aufs Ganze gehen. Sie will es trotz des Großaufgebots der Polizei auf die Schienen schaffen. Erst auf die Schienen und dann, wenn der Castorzug bis zur Endstation nach Dannenberg durchkommen sollte und die Atommüllbehälter für den Transport zum Zwischenlager Gorleben auf Lkw verladen werden, auch auf die Straße.

Schottern, anketten oder nur Sitzblockaden? "Ich ziehe alles in Betracht. Ich bin wütend auf unsere Regierung. Auf die Atomlobby. Und ich bin stark. Am stärksten natürlich mit Hunderten, mit Tausenden anderen friedlichen Demonstranten an meiner Seite", sagt die 19-Jährige. "Ich will mithelfen, den Castortransport nicht nur wie sonst nur für ein paar Stunden aufzuhalten, ich will ihn zum Umdrehen zwingen. Zurück zum Absender. Und danach muss Schluss sein mit der Laufzeitverlängerung, mit immer mehr Atommüll. Das wär's. Ein Traum. Mein Traum."

Mit dem Auto geht's über Feldwege zum Camp der Protest-Bauern

Die blonde, zierliche Niedersächsin, 1,68 Meter groß, macht, wenn im Wendland nicht gerade Castor-Alarm ist, eine Landwirtschaftslehre. Sie hat viel Stress und wenig Schlaf gehabt in den letzten Tagen. Schule, Hausaufgaben und die harte Arbeit auf dem Lehr-Bauernhof. Kühe melken, füttern, ausmisten, die letzten Kartoffeln einbringen. Immer früh aufstehen und spät nach Hause kommen. Und dann in den letzten Wochen noch die Vorbereitungen auf den Castor. Sich mit Freunden treffen. Pläne schmieden. Über Karten brüten, wo die besten Schleichwege zur Transportstrecke sind. Strategien entwickeln, wie sie zum Zug kommen.

"Ich habe wie fast alle meiner Freunde aus dem Wendland meine erste Castor-Demo schon im Kinderwagen miterlebt", sagt Gwendolyn, als sie sich zu Hause im kleinen Dörfchen Gedelitz, nur zwei Kilometer vom Zwischenlager Gorleben entfernt, für die Nacht von Sonnabend auf Sonntag fertig macht. Sie zieht mehrere Socken, viele dicke Sachen übereinander, steckt Pflaster, Kopfschmerztabletten, schwarze Klebestreifen zum Abdecken der Reflektoren an ihrer Jacke, Schokolade, Nüsse, Zigaretten und Wasser ein. Dann schnappt sie sich noch einen mit Stroh gefüllten Sitzsack. Gwendolyn, die sich sonst durchaus gerne mal chic anzieht und schminkt, guckt an sich herunter und schmunzelt ein bisschen über ihr Äußeres: "Mehr braucht ein Wendland-Mädel nicht, wenn es am Castor-Wochenende auf Piste geht."

Es ist bereits dunkel. Sterne funkeln. Bodenfrost ist angesagt. "Wenigstens kein Regen wie die letzten Tage. Nasse Klamotten sind beim Castor fast so schlimm wie prügelnde Polizisten", sagt die Atomkraftgegnerin. "Kälte kann ich gut ab. Außerdem wird uns schon warm, wenn wir uns durch die Büsche schlagen."

Sie fährt mit dem Auto über Nebenstrecken und Schleichwege zu einem der sieben Protestcamps im Wendland, zur Basisstation der bäuerlichen Notgemeinschaft in Klein Gusborn, zwischen Dannenberg und Gorleben gelegen. Hier im Camp, in dem es ein paar Hundert Gleichgesinnte, heiße Getränke und warmes Essen am Lagerfeuer gibt, trifft sie ihre "Bezugsgruppe". Sarah, Jan, Timo, Thorben, Michael, Felix und noch ein paar andere. Sie wohnen alle in den Dörfern der Umgebung und vertrauen einander. Sie sind Schüler, Studenten, Verwaltungsangestellte, Handwerker, zwischen 17 und 27 Jahre alt.

Sie trinken Kaffee und Bier, telefonieren mit anderen Gruppen, die bereits unterwegs zu den Schienen sind. Sie informieren sich, wo die Polizei dicht gemacht hat, wo es Schlupflöcher gibt und wo sich größere Gruppen im Wald sammeln. Um Mitternacht hat die Gruppe um Gwendolyn noch keinen konkreten Plan, und so legen sich die jungen Protestler vor dem Aufbruch noch ein paar Stunden schlafen.

Um vier Uhr früh geht es los. Erst mit Autos bis an die Polizeisperren, dann zu Fuß im Schutze der Dunkelheit weiter um die Sperren herum. Über gefrorene Äcker und Wiesen. Das Ziel der zwölfköpfigen Gruppe ist die Bahnstrecke zwischen Leitstade und Hitzacker, von wo es nur noch wenige Kilometer bis zur Endstation Dannenberg sind. "Hier muss der Castor durch, es gibt keinen anderen Weg für den radioaktiven Müll", sagt Thorben aus der Gruppe. "Genau, und hier ist Endstation für die Dreckschleuder", sagt Gwendolyn.

Doch lange gelingt es den entschlossenen Aktivisten nicht, überhaupt in die Nähe der Schienen zu kommen. Sie laufen zwölf, 15 Kilometer durchs Unterholz. Immer auf der Suche nach einer günstigen Gelegenheit. Hubschrauber kreisen über den Bäumen. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Manchmal sehen sie die Schienen, doch sie kommen nicht nahe genug heran. Und eine größere Gruppe, der sie sich anschließen können, findet sich nicht. Ermattung und Niedergeschlagenheit machen sich breit. Die Pausen werden länger, die Beine schwerer.

Kleinere Gruppen versuchen ringsherum immer wieder auf die Schienen zu kommen, um zu "schottern" - also so viel Schotter vom Gleisbett wegzuschieben, dass die Schiene instabil wird. Die Polizei vertreibt sie mit Pfefferspray, Schlagstock und unterschwelliger Aggressivität. Der Castor muss unterwegs zwar ein paar Pausen einlegen, doch er kommt immer näher.

Plötzlich lautes Gebrüll nahe der Ortschaft Leitstade. Böller knallen, Rauch steigt auf, Spezialpolizisten in schwarzen Uniformen rennen zum Ort des Geschehens, von dem Gwendolyns Gruppe nur ein paar Hundert Meter entfernt ist. Etwa 300 meist vermummte Demonstranten stürmen in breiter Front und mit Stöcken bewaffnet die Schienen. Die Polizei setzt neben Pfefferspray und Schlagstöcken jetzt auch erstmals Wasserwerfer ein. Ein gepanzertes Räumfahrzeug der Polizei steht kurz in Flammen, ist aber schnell gelöscht. "Was der schwarze Block da veranstaltet, ist nicht gut", kommentiert Jan aus der Gruppe. "Die liefern der Polizei einen Grund, die Gewalt gegen uns Demonstranten eskalieren zu lassen."

"Es wird ernst", sagt Gwendolyn, deren Gruppe sich vor Aufbruch darauf verständigt hat, möglichst keine Gewalt bei der Kaperung der Gleise anzuwenden. Sie wollen nur eine Sitzblockade machen. Nur den Castor aufhalten. Durch die vielen kleineren und ein paar größeren Angriffe auf die Gleise, durch die Zermürbungstaktik der flinken Demonstrantengruppen tun sich immer mehr Löcher in der Polizeikette auf. Manche Einsatzkräfte sind schon seit 24 Stunden auf den Beinen, sagen sie. Der Verpflegungsnachschub klappe nicht, Ablösung sei nicht in Sicht.

Es sind viel mehr Demonstranten im Wald als Polizisten an den Schienen. Zudem sind wichtige Zufahrtswege durch quer gestellte Trecker und Baumstämme blockiert. Die Einsatzleitung hat ein ernstes Problem. Bei Harlingen gelingt es mehreren Hundert Castor-Gegnern, auf die Schienen zu kommen. Die Polizei setzt bei dem hektischen Versuch zu räumen Hunde und Reiterstaffeln ein, eine junge Atomkraftgegnerin wird schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.

Demonstranten auf den Schienen und drum herum müde, hungrige Polizisten

Gwendolyns Gruppe hat jetzt das Ziel Harlingen. Als die zwölf am Nachmittag ankommen, sitzen über 1000 Demonstranten dicht aneinandergedrängt auf den Schienen. Bunte Klamotten und viele glückliche Gesichter. Die Polizei steht drum herum. Müde, hungrig und sichtlich ausgepowert.

"Ich bleibe hier sitzen bis morgen früh. Falls nötig auch bis übermorgen", sagt Gwendolyn Zitterbarth, als es an diesem Sonntagabend schon längst wieder dunkel ist und sich die Zahl der Sitzblockierer kurz vor Dannenberg auf weit über 2000 erhöht hat. Derweil ist der Castorzug nur noch wenige Kilometer entfernt. Er hat zu diesem Zeitpunkt schon einen halben Tag Verspätung. Und spät am Abend sickern Meldungen durch, der Zug sei vorerst gestoppt und werde erst am Montag wieder rollen.