Deutsche wünschen sich mehr Kinder

Schröder fordert flexiblere Arbeitszeiten nach Umfrage

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Familienministerin Schröder sieht sich durch Umfrage bestätigt und fordert flexiblere Arbeitszeiten. Grüne kritisieren "Luftnummer".

Berlin. Die Zahlen, die die Geschäftsführerin des Instituts Allensbach, Renate Köcher, gestern vom Bodensee mit nach Berlin gebracht hatte, kamen Familienministerin Kristina Schröder (CDU) gerade recht. Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf - ohnehin Lieblingsthema der Politikerin - ist vielen Deutschen demnach wichtiger als Steuersenkungen oder die Reform des Sozialsystems. Für Schröder, die seit ihrem Amtsantritt gegen das Vorurteil zu kämpfen hat, Vorgängerin Ursula von der Leyen (CDU) habe bereits alle wichtigen Themen abgearbeitet, also eine Steilvorlage.

Als sie gestern gemeinsam mit Köcher die Ergebnisse vorstellte, bekräftigte sie deshalb ihr Ziel, bessere Voraussetzungen zur Verquickung von Beruf und Familie schaffen zu wollen. Dafür seien flexiblere Arbeitszeiten und eine Unternehmenskultur nötig, "die nach der Qualität geleisteter Arbeit und nicht nach der Präsenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fragt". 34 Prozent der Mütter berichten allerdings davon, dass sie beides schlecht vereinbaren können. Sie wünschen sich eine Ganztagsbetreuung von Kindern (54 Prozent), an die Arbeitszeiten angepasste Betreuungszeiten von Kindergärten und Schulen (56 Prozent) sowie eine stärkere finanzielle Förderung (53 Prozent). 60 Prozent der Väter und 41 Prozent der Mütter würden zudem gern ihre Arbeitszeit reduzieren.

Die Initiative "Flexible Arbeitszeiten", die Schröder im Herbst mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag auflegt, soll Abhilfe schaffen. Mehr vollzeitnahe Teilzeitstellen für beide Elternteile sollen am Ende herauskommen. Allerdings, so die Ministerin, müsse davor die Einsicht der Unternehmen stehen, dass sie selbst davon profitieren, wenn sie ihren Mitarbeitern dabei helfen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Zufriedenere Angestellte leisteten auch bessere Arbeit. Die bislang vorherrschende Präsenzkultur in den Unternehmen sei "familienfeindlich". Dabei sei derjenige, der wisse, dass er um Punkt 17 Uhr sein Kind von der Kita abholen müsse, oft die effizientere Arbeitskraft als jener, der tagsüber stundenlang nebenher im Internet surfe. Deutschland brauche Firmen, in denen Vorgesetzte Respekt vor dem Privatleben ihrer Mitarbeiter zeigten und diese auch nur in wirklich dringenden Ausnahmefällen in der Freizeit anriefen.

Um die eigenen Kinder zu betreuen, haben der Untersuchung zufolge 84 Prozent aller Mütter unter 45 Jahren schon einmal ihre Berufstätigkeit unterbrochen. Bei Vätern waren es lediglich zehn Prozent, was im Vergleich zu früher jedoch beachtlich sei, wie Köcher meinte. Mehr als 70 Prozent der Väter, die nach der Geburt ihres Kindes ihre Arbeit unterbrochen haben, empfanden diese Elternzeit als Bereicherung. Dennoch bleibe Erziehung immer noch überwiegend Frauensache, sagte Köcher. Viele Betriebe sähen es nicht gerne, wenn Väter Elternzeit nehmen, was die Gefahr beruflicher Nachteile berge. Zudem müssten sich Familien dann meist finanziell stark einschränken. Schröder sieht sich durch Köchers Forschungsergebnisse auch darin bestärkt, ihre Pläne zur Einführung einer Familienpflegezeit - ihrem zweiten großen Projekt - weiter zu verfolgen. Tatsächlich hatten 58 Prozent der Befragten das Ansinnen der Ministerin in der Umfrage als "guten Vorschlag" bezeichnet.

Derzeit beurteilen 74 Prozent der Berufstätigen , die einen Pflegefall erwarten, diese Vereinbarkeit als schwierig. Schröder plant, dass Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit über eine Zeitraum von maximal zwei Jahren auf 50 Prozent reduzieren, aber weiterhin ein Gehalt von 75 Prozent beziehen können. Zum Ausgleich müssen sie später für drei Viertel des Gehalts wieder voll arbeiten, bis das Zeitkonto ausgeglichen ist.

Kritik an den Äußerungen der Ministerin kam von der Bundestagsfraktion der Grünen. "Die Ankündigungen der Familienministerin sind reine Luftnummern. Der Familienmonitor zeigt: Ganztagsbetreuung für ihre Kinder und eine stärkere finanzielle Förderung sind die zentralen Wünsche der Eltern - darauf bleibt Familienministerin Schröder jede Antwort schuldig", sagte deren familienpolitische Sprecherin Katja Dörner dem Hamburger Abendblatt.

Schröder habe die Familien "beim Haushalt der Bundesregierung zu den größten Sparschweinen der Nation gemacht, ihren Etat um mehr als zehn Prozent gekürzt und das Elterngeld für Eltern im ALG-II-Bezug komplett gestrichen", kritisierte sie. "Die Qualität beim Kinderbetreuungsausbau ist für sie bislang kein Thema, dabei ist diese zentral für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie." Wenn sie jetzt deutliche Verbesserungen für Familien verspreche, seien diese das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt seien.