Deutsch-russische Gespräche

Merkel und Medwedew kommen sich in Visafrage näher

Doch eine vollständige Reisefreiheit muss EU-weit geregelt werden. Außenminister Westerwelle spricht Menschenrechte in Russland an.

Jekaterinburg. Bei den deutsch-russischen Regierungskonsultationen in Jekaterinburg hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Russland erste Hoffnungen auf Reiseerleichterungen gemacht: „Ich habe verstanden, dass die Visapflicht unsere Kontakte noch in vielen Bereichen sehr lähmt.“ Sie erklärte aber zugleich, vollständige Visafreiheit sei nicht möglich, weil sie EU-weit abgestimmt werden müsse.

Die gemeinsame russisch-deutsche Kabinettssitzung mit zahlreichen Bundesministern wurde flankiert von der Unterzeichnung milliardenschwerer Wirtschaftsverträge. Als einer der herausragenden wurde ein Abschluss zwischen Siemens, russischen Regierungsorganisationen und Unternehmen über die Lieferung von 220 Regionalzügen mit einem Volumen von 2,2 Milliarden Euro genannt. Siemens-Chef Peter Löscher ist einer der rund 25 hochrangigen Wirtschaftsvertreter in der Delegation Merkels. Darüber hinaus schlossen die staatliche KfW-Bank und ihr russisches Pendant Vnesheconombank eine Vereinbarung zur Förderung mittelständischer Unternehmen in Russland.

Zeitgleich mit den Regierungen tagte der „Petersburger Dialog“, der Austausch und Zusammenarbeit der Zivilgesellschaften fördern soll. Der deutsche Präsident des Forums, Ex-DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière, mahnte ebenso wie die Wirtschaftsvertreter Fortschritte bei den Reiseerleichterungen an. Redner des Forums schlugen vor, wenigstens für Freiwillige, die soziale Dienste im jeweils anderen Land leisten wollten, die Visapflicht aufzuheben.

Im Fall des nach einem Jahr noch immer ungeklärten Mordes an der Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa nannte Merkel es „unabdingbar, dass Menschen, die Menschenrechte beschneiden, dafür bestraft werden“. Die Sühne solcher Verbrechen mache anderen Menschen Mut, fügte sie hinzu. Medwedew zeigte sich „durchaus offen“ für Hinweise in Sachen Menschenrechte, erwartete aber Verständnis dafür, dass sie „auf der Basis unserer Geschichte“ umgesetzt würden.

Menschenrechtsfragen wie etwa die Pressefreiheit oder der Schutz Oppositioneller vor Willkür und Gewalt hatten bereits am Vorabend bei einem Essen von Außenminister Guido Westerwelle und seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow eine große Rolle gespielt. Westerwelle hatte bereits im Vorfeld betont, die Beziehungen ließen „keine blinden Flecke, auch nicht im Bereich der Menschenrechte.“ Ausführlich und ernsthaft hätten Westerwelle und Lawrow Presse- und Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst diskutiert, hieß es aus Delegationskreisen. Die Kunstfreiheit in Russland war gerade Gegenstand eines Gerichtsurteils gegen die Macher der Ausstellung „Verbotene Kunst 2006“. Sie mussten Geldstrafen zahlen.

Die Kanzlerin wollte nach den Konsultationen nach China weiterfliegen. Westerwelle reist nach Usbekistan. Mit Merkel reisen rund 25 hochrangige Wirtschaftsvertreter. In China stehen für Merkel neben Gesprächen und Empfängen mit Ministerpräsident Wen Jiabao und Präsident Hu Jintao ein Ausflug zur Terrakotta-Armee nach Xi’An auf dem Programm. Daimler will in China ein Joint Venture über Lastwagenproduktion im Wert von 800 Millionen Euro abschließen.

Westerwelle will in Usbekistan und später in Kirgistan und Kasachstan unter anderem um die Lage der Flüchtlinge in der von ethnischen Unruhen erschütterten Region zur Sprache bringen. Im Juni waren im Süden Kirgistans bis zu 2000 Menschen bei gewalttätigen Zusammenstößen ums Leben gekommen.