Euro-Krise

Der Meister-Spekulant warnt vor dem Sparen

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Nina Paulsen

Der Investor George Soros hält den Weg der Bundesregierung in der Euro-Krise für hochgefährlich. Berlin setze zu sehr auf rigides Sparen.

Berlin. So ganz ohne die üblichen Skandälchen der Superreichen kommt auch George Soros nicht aus: Gerade ein halbes Jahr ist es her, dass der 81 Jahre alte Multimilliardär von einer 28-jährigen Ex-Liebschaft in die Klatschpresse befördert wurde. Soros habe, so der Vorwurf der brasilianischen Schauspielerin Adriana Ferreyr, ihr eine versprochene Eigentumswohnung doch nicht geschenkt und außerdem eine Lampe nach ihr geworfen. Sie forderte deshalb 50 Millionen Dollar Schadenersatz - und ließ die Anklageschrift genüsslich in den Medien zitieren.

Soros selbst dürften solche Eskapaden eher unangenehm sein. Nicht weil er das Geld nicht hätte - der ehemalige Investor belegt auf der Reichen-Liste des US-Magazins "Forbes" mit einem geschätzten Vermögen von 20 Milliarden Dollar den 22. Platz. Aber er legt nun mal großen Wert auf Bescheidenheit. Auch an diesem Mittwoch in Berlin, bei der Vorstellung seines neuen Buchs, hat er auf Insignien von Macht und Reichtum verzichtet, mit der sich die High Society sonst gerne schmückt. Soros' Armbanduhr hat ein schlichtes dunkelblaues Lederarmband, weder trägt er Manschettenknöpfe noch Schmuck. Er ist sogar deutlich blasser im Gesicht als der braun gebrannte Herr vom Deutschen Anleger Fernsehen, der Soros mit großen Worten der Presse vorstellt. Nein, wüsste man nicht, wer Soros ist, würde man ihn für einen netten Großvater halten, der zur Feier des Tages den Sonntagsanzug aus dem Schrank geholt hat.

Doch so unscheinbar Soros wirkt, so gerissen ist er. Als Hedgefonds-Manager wurde er zum Profiteur der Finanzkrise, durch ihn bekam der Normalbürger überhaupt erst eine Vorstellung von jenen Finanzfirmen, die den Ruf haben, wie Heuschrecken über Unternehmen herzufallen und sie bis auf den letzten Cent auszusaugen. Soros wettete 1992 mit großem wirtschaftlichen Erfolg gegen das britische Pfund und zwang die Bank von England in die Knie. 1997 machte er mit Spekulationen gegen den Bath in Thailand und den Ringgit in Malaysia Millionen.

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Obwohl er heute nicht mehr aktiv im Geschäft ist, ist dem Altmeister der Branche die Aufmerksamkeit der gesamten Finanzwelt gewiss, wenn er sich zu Wort meldet. Und auch die Regierungschefs dieser Welt hören ihm zu. Er habe, berichtet Soros dann auch gestern, eine lange Unterhaltung mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gehabt. Kanzlerin Angela Merkel habe er zwar noch nicht getroffen, aber dafür werde er bald mit dem Chef der Bundesbank, Jens Weidmann, zusammenkommen. Was er dann zu sagen hat, ist bereits in seinem neuen Buch nachzulesen. Es trägt den Titel "Gedanken und Lösungsvorschläge zum Finanzchaos in Europa und Amerika" und ist Anfang der Woche im Plassen-Verlag erschienen.

Im Grunde ist es nichts weniger als eine Abrechnung mit dem Kurs der deutschen Bundesregierung. So habe Berlin die Euro-Krise durch seine zögerlichen Maßnahmen erst verschärft und setze viel zu sehr auf rigides Sparen. Das Problem sei, "dass die Kürzungen der Staatsausgaben, die Deutschland anderen Ländern verordnen will, Europa in eine deflationäre Schuldenfalle drängen werden", schreibt Soros etwa auf Seite 29. Eine Senkung der Haushaltsdefizite würde sowohl die Löhne als auch auf die Gewinne drücken. Als Folge schrumpften volkswirtschaftliche Leistung und Steuereinnahmen, warnt er. Die Konsequenz: noch mehr sparen. Ein Teufelskreis, prognostiziert Soros.

Das alles würde die Mitgliedstaaten nicht enger zusammenrücken lassen, sondern sie zu gegenseitigen Schuldzuweisungen veranlassen. "Es besteht die echte Gefahr, dass der Euro den politischen Zusammenhalt der Europäischen Union untergräbt." Die Forderung des Investors deshalb: Der mühsam ausgehandelte Fiskalpakt mit seiner Schuldenbremse für alle Staaten müsse so schnell wie möglich abgeändert werden. Andernfalls könne die Euro-Krise "potenziell tödlich" werden. "Die Euro-Krise ist nicht vorbei, davon sind wir weit entfernt." Dass seine Ratschläge allerdings nicht zum Mainstream der europäischen und amerikanischen Regierungen geworden sind, frustriert ihn. "Ich glaube, es würde uns allen besser gehen, wenn sie das getan hätten."

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Sein nicht gerade kleines Selbstbewusstsein hat sich Soros nicht nur an den Märkten zusammenspekuliert, sondern auch erarbeitet. Der 1930 in Budapest als György Soros geborene Sohn jüdischer Eltern emigrierte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach England, jobbte erst als Tellerwäscher und Bademeister und studierte dann an der London School of Economics. Dort traf er auch auf seinen späteren Mentor, den Philosophen Karl Popper. 1956 ging Soros nach New York an die Wallstreet und gründete seinen "Quantum Funds", einen der ersten Hedgefonds überhaupt. Und obwohl er sein Geld an den Finanzmärkten machte, kritisierte er immer wieder die aus seiner Sicht zu lasche Regulierung. Als "Marktfundamentalismus" geißelt er die lange Zeit vorherrschende wirtschaftsliberale Haltung, die Märkte würden sich selbst durch Angebot und Nachfrage so ausbalancieren, dass allen damit am besten gedient sei. Spätestens durch die zahlreichen Blasen und Krisen ist für Soros klar, dass man die Märkte nicht sich selbst überlassen kann.

Obwohl er das System für sich nutzt, versucht Soros, so etwas wie ein guter Spekulant zu sein. Die Occupy-Bewegung , die wochenlang die Finanzmarktplätze von New York, London oder Frankfurt als Protest gegen den Kapitalismus belagert hatte, hat er genauso unterstützt wie die Forderung nach höheren Steuern für Reiche. Fast von Beginn seiner Karriere an hat er zudem viel Geld für gemeinnützige Zwecke gespendet. Seine Stiftung hilft Organisationen vor allem in nicht demokratischen Ländern, nach dem Zerfall der Sowjetunion hat er Ostblockländer bei der Transformation unterstützt.

"Das ist altersbedingt", sagte Soros der "New York Times" im Jahr 2010, als er die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch mit 100 Millionen Dollar bedachte. "Eigentlich wollte ich all mein Geld während meines Lebens unter die Leute bringen, aber den Plan habe ich aufgegeben." Vielleicht hätte seine brasilianische Ex-Geliebte besser darauf hören sollen, bevor sie Soros verklagte. Bis heute gab es keinen einzigen Cent für sie.

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