Gedenkfeier in Berlin

"Wir durften nicht einmal Opfer sein"

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Daniel Friedrich Sturm

Semiya Simsek, die Tochter eines Mordopfers, klagt an. Die Spitzen des Staates und Familienangehörige gedenken der Toten der Neonazi-Terrorzelle.

Berlin. Eine romantische, unbeschwerte Szene schildert Semiya Simsek. Ihr Vater saß in dieser warmen Sommernacht im Garten in seiner türkischen Heimat. Er aß Kirschen, seine Tochter setzte sich zu ihm. "Hörst du das? Die Glöckchen?", fragte er. "Das sind die Schäfchen, die jetzt aus den Bergen runter ins Tal kommen. Das tun sie immer in der Nacht." Gemeinsam lauschten sie dem Klang der Glocken. "Ich spürte, wie glücklich mein Vater in diesem Moment war", berichtet Semiya Simsek an diesem Donnerstagvormittag. "Ein Jahr später war mein Vater tot", sagt sie.

Am 9. September 2000 wurde auf Enver Simsek, Blumenhändler in Nürnberg, geschossen. Zwei Tage später erlag er seinen Verletzungen. Es dauerte elf Jahre, bis mit der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) die mutmaßlichen Täter dingfest gemacht wurden.

Es sind eindringliche Worte, die Semiya Simsek im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt findet. Bei der zentralen Gedenkveranstaltung wird der zehn Toten gedacht, die die Zwickauer Terrorzelle auf dem Gewissen hat. Semiya Simsek spricht ganz am Ende, nach der Bundeskanzlerin, nach Musik und Gesang. Die junge Frau spricht ein exzellentes Deutsch, den meisten Zuhörern gehen ihre Worte unter die Haut. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, sie offenbart, wie sehr sie verletzt ist von den Ermittlungen, die diesen Namen nicht verdient haben. "Elf Jahre lang durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein", sagt Simsek. Nach dem Mord an ihrem Vater, so berichtet sie, sei ihre Mutter verdächtigt worden, die Tat begangen zu haben. Als Krimineller, als Drogenhändler wurde ihr toter Vater verunglimpft. Semiya Simseks Stimme ist fest. Doch es klingt mit, wie verärgert und verbittert sie ist. "Können Sie erahnen", fragt sie, "wie es sich für mich als Kind angefühlt hat, sowohl meinen toten Vater als auch meine schon ohnehin betroffene Mutter unter Verdacht zu sehen?"

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Der Herbst 2011, die Enttarnung des NSU, hat für Semiya Simsek beileibe nicht alles besser gemacht. Seit der Erkenntnis, dass eine nazistische Mörderbande ihren damals 38-jährigen Vater umgebracht hat, stellen sich ihr grundsätzliche existenzielle Fragen, die das eigene Leben in Zweifel ziehen. Heute trauere sie eben nicht nur um ihren Vater, sondern quäle sich mit der Frage: "Bin ich in Deutschland zu Hause?"

Diese Selbstprüfung ist nicht nur für Semiya Simsek eine Zumutung, sie verlangt auch den Zuhörern viel ab. Die Zuhörer im Berliner Konzerthaus - das sind in dieser Stunde Repräsentanten des Volkes. Die Verfassungsorgane, die Kanzlerin und die Präsidenten von Bundestag, Bundesrat und höchstem Gericht, sitzen in der ersten Reihe.

Ihr Entsetzen über die Morde haben sie alle, Angela Merkel und Norbert Lammert, Horst Seehofer und Andreas Voßkuhle, mehrfach geäußert. Semiya Simsek schildert ihnen ihr persönliches Schicksal, das exemplarisch ist für neun andere Mordopfer der Zwickauer Zelle und viel mehr Tote durch rechtsextremen Terror.

Der Kanzlerin ist die Individualität der Mordopfer ein Anliegen. Angela Merkel nennt jeden der zehn Toten beim Namen, sie nennt jeweils Alter, Beruf, erwähnt die Stadt, in der diese Menschen lebten, und weist auf hinterbliebene Ehepartner oder Kinder hin. Merkel spricht von Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Yunus Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Pathos oder nur eine ausgefeilte Rhetorik ist Merkels Sache nicht. Doch ihr Entsetzen über die Morde ist spürbar, vielleicht weil sie langsamer spricht als sonst. Um eine Schweigeminute bittet Merkel, die 1200 Gäste erheben sich. "Viele von Ihnen haben äußerliche Narben davongetragen", wendet sich Angela Merkel an die Angehörigen der Opfer. "Wie sehr die seelischen Wunden schmerzen, das können wir nur ahnen." Beklemmend sei es, dass Angehörige zu Unrecht unter Verdacht gestanden hätten. "Dafür bitte ich Sie um Verzeihung", sagt Merkel. Es sind ungewohnte Worte für eine Regierungschefin.

Erst vor einer Woche ist Angela Merkel eingesprungen, um diese Ansprache zu halten, für die eigentlich Christian Wulff vorgesehen war. Als die Umstände der Mordserie bekannt geworden waren, hatte sich der damalige Bundespräsident sogleich mit Angehörigen der Opfer getroffen. Wulff regte den Staatsakt an, diese Geste war ihm wichtig, seine Rede bereitete er ausgiebig vor. Als er am vergangenen Freitag seinen Rücktritt erklärte, wies er sogleich darauf hin, Merkel werde bei dem Gedenken seinen Part übernehmen. Wulff ist unter den Migranten beliebt, er wird verehrt, nicht nur weil er einst sagte, der Islam gehöre zu Deutschland.

Wenn Wulff sich einem Thema konsequent widmete, dann dem der Integration. Entsprechend enttäuscht sind türkische Verbände über seinen Rückzug. Ismail Yozgat gehört zu den Menschen, die Wulff vermissen. Yozgats Sohn Halit wurde im April 2006 von Rechtsextremisten in seinem Internetcafé in Kassel erschossen. Er wurde 21 Jahre alt. Sein Vater wendet sich in türkischer Sprache an die Zuhörer, neben ihm steht eine Dolmetscherin.

Er wünsche sich, dass alle Mörder sowie Hintermänner und Helfershelfer gefasst würden, sagt Yozgat. Dann dankt er Altbundespräsident Wulff: "Wir sind seine Gäste. Wir bewundern ihn."

In der ersten Reihe, durch den Mittelgang getrennt von den Verfassungsorganen, sitzt Joachim Gauck, der Mann, der in drei Wochen zum Bundespräsidenten gewählt werden soll. Die Distanz ist kaum zufällig gewählt. Gauck ist bislang einfacher Bürger. Neben ihm haben Angehörige der Opfer Platz genommen. Gauck beugt sich zu ihnen hinüber, sucht das Gespräch. Am Ende des Gedenkens ziehen die Spitzen des Staates aus dem Saal. Gauck steht erst nach einer Weile auf. Eine junge Frau mit zwei Kindern, offenbar aus einer Opferfamilie, geht auf ihn zu. Gauck nimmt sie alle drei in seine Arme.

Das Abendblatt-Online-Dossier mit Hintergründen, Videos und interaktiven Grafiken zur Terrorserie der Zwickauer Neonazis unter www.abendblatt.de/rechter-terror