Holocaust-Gedenktag

Reich-Ranicki sprach - der Bundestag verstummte

Den Abgeordneten im Bundestag stockte der Atem, als der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vom Leben im Warschauer Getto berichtete.

Berlin. Stille erfüllte den Raum, als Marcel Reich-Ranicki, einer der letzten lebenden Zeugen der Nazi-Gräuel im Warschauer Getto, am Freitagmorgen das Plenum betrat. Und es blieb weitgehend still im Bundestag, als er seine Rede zum Holocaust-Gedenktag beendet hatte. Die eindringlichen Schilderungen des Literaturkritikers zum 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wirkten nach. Der vereinzelte Applaus versandete im gemeinsamen Schweigen. Der 91-Jährige hatte zum Schluss mit brüchiger Stimme gesagt: "Die in den Mitvormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka dauerte bis Mitte September. Was die ,Umsiedlung der Juden' genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung, die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck - den Tod."

+++Marcel Reich-Ranickis Rede im Wortlaut+++

+++Er floh vor dem Tod im Vernichtungslager+++

+++"Wir waren da - das war unser einziges Verbrechen"+++

Detailliert schilderte der Literaturkritiker die Ereignisse um besagten 22. Juli 1942. Er beleuchtete den Moment, als er als Übersetzer für den Judenrat in das Zimmer des Obmanns Adam Czerniaków gerufen wurde. Der SS-Sturmbannführer Hermann Höfle hatte einen Protokollanten gesucht. "Ich bejahte knapp", sagte Reich-Ranicki. Als Deutsch-Übersetzer im Getto musste Reich-Ranicki selbst das Todesurteil diktieren, "das die SS über die Juden von Warschau gefällt hatte". Während er die mörderischen Pläne protokolliert habe, hätten SS-Offiziere im Hintergrund "An der schönen blauen Donau" und den Walzer "Wein, Weib und Gesang" gehört. Er habe damals gedacht: "Das Leben geht weiter. Das Leben der Nichtjuden." Als Protokollant erfuhr er, dass die SS die sofortige "Umsiedlung" der Warschauer Juden "nach Osten" anordnete. Die Ehefrauen und Kinder der beim Judenrat Beschäftigten würden ausgenommen. Sofort habe er daher seine Freundin Teofila gerufen. Sie habe nicht überrascht reagiert, als er ihr von seinem Hochzeitswunsch erzählte. Sie heirateten noch am selben Tag. Seine Frau starb 2011 nach 69 Jahren Ehe.

+++Jeder Fünfte unter 30 kennt Auschwitz nicht+++

+++Das Nazi-Regime und die Logistik des Massenmords+++

Er spreche vor dem Bundestag nicht als Historiker, betonte Reich-Ranicki, sondern "als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Gettos". 1938 war er aus Berlin nach Polen deportiert worden und später in das von den Nazis errichtete Warschauer Getto gekommen. "Dort lebten meine Eltern, mein Bruder und schließlich ich selber. Dort habe ich meine Frau kennengelernt", berichtete er mit brüchiger Stimme. Der gesundheitlich geschwächte Reich-Ranicki wurde bei seinen Schritten zum und vom Rednerpult von Bundespräsident Christian Wulff und dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, gestützt. Vor der Rede hatte er der Zeitung "Jüdische Allgemeine" gesagt, dass er dem Auftritt mit gemischten Gefühlen entgegensehe. "Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, ob ich der Aufgabe gewachsen bin, noch einmal über das Schicksal der Juden im Warschauer Getto zu sprechen." Es vergehe bis heute kein Tag, an dem er nicht an das Getto denken müsse. "So etwas vergisst kein Mensch."

Bevor Reich-Ranicki sprach, hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) bei seiner Begrüßung betont: Das Schicksal des Literaturkritikers stehe stellvertretend für das von Millionen Menschen, die verfolgt, vertrieben, gefoltert und ermordet wurden. Er sei "zutiefst dankbar", dass der Literaturkritiker trotz seiner Erlebnisse mit Deutschland nicht nur die verachtenswerte Seite verbinde. Lammert verwies auch auf den Antisemitismusbericht des Bundestags. Demnach sind rund 20 Prozent der Deutschen "latent antisemitisch". "Das ist für Deutschland genau 20 Prozent zu viel", sagte Lammert. Auch die beispiellose Mordserie durch Neonazis an Migranten und einer Polizistin habe vor Augen geführt, dass in Deutschland noch nicht das Ziel erreicht sei, dass alle Menschen frei und gleich und ohne Angst leben können. Er hob jedoch hervor, dass viele Menschen seit der Aufdeckung der Morde Engagement und Zivilcourage gezeigt hätten: "Dieses Engagement werden wir brauchen und diesen Mut auch." Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamiert und auf den 27. Januar festgelegt. An diesem Tag war 1945 das Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden.

Es war ein Zufall und doch bezeichnend, dass sich ausgerechnet an diesem 27. Januar der Bundestag aufmachte, die Umstände der Neonazi-Mordserie aufzuklären. Nur einen Tag, nachdem das Plenum mit den Stimmen aller Fraktionen grünes Licht gegeben hatte, konstituierte sich ein elfköpfiger Untersuchungsausschuss, der innerhalb eines Jahres die Vielzahl der ungeklärten Fragen rund um Ermittlungspannen der Sicherheitsbehörden und die fragwürdige Rolle des Verfassungsschutzes beantworten will. Der Druck auf die Parlamentariergruppe ist gewaltig, da sie von allen Seiten beleuchten soll, wie es zu den Taten der rechtsextremen Zwickauer Neonazi-Gruppe kommen konnte.

In der ersten Sitzung beschloss der Ausschuss auf Antrag der SPD-Obfrau Eva Högl, den chronologischen Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz zu der Mordserie heranzuziehen. "Das ist eine wichtige Grundlage, um herauszufinden, wo welche Abstimmung nicht geklappt hat", sagte Högl der Nachrichtenagentur dpa. Möglicherweise werde auch Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm eingeladen. Außerdem wolle man eine rasche Zusammenarbeit mit der Bund-Länder-Kommission zu der Mordserie. Der Innenexperte der SPD-Fraktion, Sebastian Edathy, wurde einmütig zum Vorsitzenden des Ausschusses und der CSU-Abgeordnete Stephan Stracke zu seinem Stellvertreter gewählt. Edathy will im Frühsommer den Abschlussbericht vorlegen.

Fotogalerie, Videos und die Dokumentation der Rede Marcel Reich-Ranickis unter www.abendblatt.de/holocaust-rede