Kommentar: Verkürzung der Wehrdienstzeit

Mit Salamitaktik zur Berufsarmee

Theoretisch sind in Deutschland nach wie vor alle Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren zum Wehrdienst verpflichtet. Praktisch ist die Bundeswehr längst eine Freiwilligenarmee.

Wer den Dienst an der Waffe verweigern will, kann das tun. Und wer sich einfach still verhält, hat große Chancen, gar nicht eingezogen zu werden, weil nur noch ein Bruchteil eines jeden Jahrgangs zur Truppe muss. Frauen sind dazu gar nicht verpflichtet. Beides wird seit Jahren mit guten Gründen als ungerecht beklagt.

Die weitere Verkürzung der Wehrdienstzeit ist ein weiterer Schritt von der De-facto-Freiwilligenarmee hin zu einer Berufstruppe - so wie es die FDP wollte. Dass wenigstens sechs Monate Grundwehrdienst vorerst beibehalten werden, ist der Union geschuldet. Offiziell, weil sie argumentiert, dass die Armee in Deutschland nie wieder Staat im Staate sein dürfe und durch Rekruten ein reger Austausch aller Gesellschaftsschichten mit den Berufssoldaten stattfinde. Interessant ist der Grundwehrdienst für die Unions-Verteidigungspolitiker und die Offiziere aber heute schon vor allem nur noch als Werbeabteilung für potenzielle Längerdienende. Allein die wiederum sind interessant für die eigentlichen neuen Aufgaben der Bundeswehr, die im Ausland liegen, seit Deutschland von Freunden umzingelt ist.

Auch die Nöte der sozialen Einrichtungen, die bisher auf Zivildienstleistende angewiesen waren, können bei dieser Entwicklung nicht länger als Argumente ins Feld geführt werden. Je weniger die Bundeswehr ein Massenheer zur Heimatverteidigung geworden ist, desto weniger haben Militär- und Zivildienst miteinander zu tun. Auf der einen Seite wird die Wehrpflicht nur noch pro forma aufrechterhalten und weiter drastisch verkürzt. Auf der anderen Seite werden in der alternden Gesellschaft immer mehr Pflegekräfte gebraucht. Mittlerweile handelt es sich also um völlig unterschiedliche Einrichtungen, deren Erfordernisse nicht mehr voneinander abhängig gemacht werden können.

Seit der Wiedervereinigung haben sich die bisherigen Bundesregierungen für die Salamitaktik auf dem Weg von der Wehrpflicht hin zur Berufstruppe entschieden. Die letzte Scheibe wird bald abgeschnitten sein.