Verlierer der Wende

Studie: "Ostdeutschland existiert nicht mehr"

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Drei Jahre lang beobachteten Forscher die Bewohner von Wittenberge. Ihre Schlussfolgerung: Hier spielt sich ein soziales Drama ab.

Berlin. Die ostdeutsche Gesellschaft zerfällt einer neuen Langzeitstudie zufolge immer mehr. „Vom einstigen sozialistischen 'Wir' ist in Wittenberge nichts mehr zu spüren“, sagte der Soziologe Heinz Bude am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung der in der brandenburgischen Kleinstadt realisierten Untersuchung, die von der Bundesregierung mit 1,7 Millionen Euro unterstützt wurde. „Ostdeutschland existiert nicht mehr.“

Die gesellschaftlichen Gruppen stünden nur noch wie Säulen nebeneinander. „Die 'Gewinner' und die 'Verlierer', die Unternehmer, die Rentner, die Arbeitslosen – sie alle haben nichts mehr miteinander zu tun und grenzen sich stark nach außen ab“, erläuterte der Kasseler Professor die von der Wochenzeitung „Die Zeit“ präsentierten Forschungsergebnisse. „Die Schicksalsgemeinschaft von Wittenberge ist aufgesprengt.“

28 Forscher, von denen einige sogar bis zu elf Monate in der zwischen Berlin und Hamburg gelegenen Stadt mit rund 20.000 Einwohnern gewohnt hatten, haben die Bewohner im Rahmen der Studie über drei Jahre hinweg beobachtet. Zwar seien nach Budes Angaben die Ergebnisse nicht auf alle anderen ostdeutschen Städte übertragbar, dennoch würfen sie Schlaglichter auf bestimmte Facetten einer postindustriellen Gesellschaft.

Speziell in Wittenberge habe sich demnach gezeigt, dass ein jahrzehntelang durch Erwerbstätigkeit strukturierter Alltag durch ein Konsummodell ersetzt wurde. „Das Discounting wird zum Arbeitsmodell“, sagte Bude. „Die Menschen verabreden sich sogar in den Supermärkten, wenn es dort bestimmte Sonderangebote gibt“, ergänzte „Zeit Magazin“-Leiter Christoph Ahmend.

Die Forscher konstatieren in Wittenberge ein „soziales Drama“: Nach dem Mauerfall herrschten auch in der Stadt mit dem einst modernsten Nähmaschinenwerk der Welt zunächst hohe Erwartungen, die schnell von der Zeit des Wartens abgelöst wurde. „Jetzt haben die Leute jedoch erkannt, dass diese Zeit des Wartens vorbei ist und sie im Jetzt leben müssen“, sagte Bude. Die Menschen seien mittlerweile realistisch und wüssten, „wer's bisher nicht geschafft hat, wird es auch in Zukunft nicht mehr schaffen“. Das führe sogar dazu, dass junge Menschen wegziehen, obwohl sich für sie vor Ort berufliche Chancen bieten.

Skeptisch sind die Forscher auch in Bezug auf die Entwicklung der Zivilgesellschaft. „Der Begriff des bürgerschaftlichen Engagements greift hier überhaupt nicht“, sagte Bude. „Im Gegenteil: Wenn man ihn verwendet, machen die Menschen gar nichts mehr.“

Gleichwohl gebe es offenbar auch hoffnungsfrohe Zeichen. „Es gibt auch 'fitte Pendler', die leistungsbereit, aber auch heimatverbunden sind“, sagte Bude. Es herrsche ein Gefühl des „Wir-werden-es-euch-schon Zeigens“ vor. „Die Menschen wissen: Das Warten ist vorbei, es wird kein Wunder geben.“