Afghanistan-Einsatz

Zahnlos am Hindukusch

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Thomas Frankenfeld

Hamburg. Am 23. März 2008 gegen 23 Uhr erhielt die Bundeswehr im afghanischen Kundus einen Funkspruch eines amerikanischen Oberstleutnants, dass Landebahn und Tower des Flughafens sofort zu räumen seien.

Eine Stunde später landeten zwei riesige Hercules-Transporter, zwei gewaltige Chinook-47- und zwei Blackhawk-Hubschrauber. Der Luftraum wurde durch A-10-"Warzenschwein"-Erdkampfflugzeuge und F-15-Kampfjets abgesichert. 60 Elitesoldaten der Special Forces flogen zu einem Einsatz Richtung Norden. Fünf Stunden später kehrten sie mit afghanischen Gefangenen zurück und die ganze Luftflotte verschwand. Als der deutsche Kommandeur vor Ort, ein Oberst, dem amerikanischen Kommandeur in Kundus ausrichten ließ, er wünsche eine Berichterstattung, erhielt er zur Antwort: "Von euch bestellt niemand einen amerikanischen Lieutenant Colonel ein. Ihr könnt allenfalls freundlich nachfragen, ob jemand Zeit hat, einmal vorbeizuschauen". Diese bündnispolitische Schlüsselszene beschreibt der Politologe Marc Lindemann, der 2005 und 2009 in Afghanistan als Nachrichtenoffizier der Bundeswehr diente und geheime Informationen verarbeitete, in seinem gerade erschienenen Buch "Unter Beschuss - warum Deutschland in Afghanistan scheitert" (Econ). Lindemann schildert darin auch, dass das US-Militär der Bundeswehr in Afghanistan keine nennenswerte Bedeutung beimaß: "Es war so, als ob wir gar nicht existent gewesen wären."

Militärische Operationen der US-Truppen mitten im deutschen Verwaltungsgebiet ohne jede Absprache mit der Bundeswehr waren also schon vor zwei Jahren üblich. Doch im Zuge ihrer neuen Strategie hat das Pentagon nun die Verlegung von 5000 Mann Kampftruppen in den Norden Afghanistans angeordnet - dorthin also, wo eigentlich die Bundeswehr das Sagen hat. Dies ist die Erklärung dafür, dass die Bundesregierung die Auflösung der bislang von deutschen Soldaten gestellten schnellen Eingreiftruppe verfügen konnte - sie wird nicht mehr gebraucht.

Alle wesentlichen Offensivoperationen werden künftig von US-Truppen vorgenommen werden.

Damit ist die Bundeswehr im Rahmen des Bündnisses geradezu deklassiert worden. Verantwortlich dafür sind aber nicht die deutschen Soldaten, die unter schwierigen Umständen einen guten Job machen, sondern die politische Führung seit Beginn des deutschen Einsatzes 2002.

Um den Krieg partout nicht wie einen Krieg aussehen zu lassen, hatte sie die Bundeswehr mit ungeeignetem Auftrag und ohne schwere Waffen in den Kampf geschickt. Aus politischen Gründen wurde der Truppe zum Beispiel die Panzerhaubitze 2000 - das vermutlich beste Waffensystem seiner Art - ebenso vorenthalten wie der überragende Kampfpanzer Leopard 2 A6. Vor allem die Artillerie wäre gut geeignet, die Taliban und ihre Raketen auf Abstand zu halten. Nach langem Zögern hatte sich die vorige Regierung entschlossen, ein paar der hoffnungslos veralteten Schützenpanzer Marder an den Hindukusch zu schicken. Das leistungsfähigere Nachfolgemodel Puma, schon seit Jahren dringend benötigt, soll erst ab diesem Jahr allmählich zulaufen. Fatal ist vor allem aber, dass die Bundeswehr - anders als die wichtigsten Partner - weder über eigene Kampfflugzeuge noch über Kampfhubschrauber in Afghanistan verfügt. Der neue deutsch-französische Helikopter Tiger wurde von der Bundesregierung - auch der letzten - stur in einer kaum modifizierten Panzerabwehrversion geordert, wie sie einst für den Kampf gegen sowjetische Panzerarmeen vorgesehen war. Frankreich hat seine Tiger dagegen auf eine Erdkampfversion mit schwenkbarer Maschinenkanone im Bug umgerüstet und setzt sie effektiv zum Schutz seiner Soldaten am Boden ein. In Deutschland verzögern zudem immer neue Nachrüstungen die Einführung. Berlin will aus politischen Gründen der Bundeswehr am Hindukusch keine Offensivwaffen zur Verfügung stellen. Die kuriose Konsequenz: Die zahnlosen Deutschen fordern in Bedrängnis die Offensivfähigkeiten der Verbündeten an.