Bundestagswahl

Pinneberg: Der Kreis, der wie Deutschland wählt

Die Hamburger verspotten den Kreis Pinneberg gern als provinziell. Dabei sind die Pinneberger Trendsetter - jedenfalls, wenn es nach den Wahlforschern geht.

Pinneberg. Seit 1953 hat bei Bundestagswahlen hat stets jener Direktkandidat den Wahlkreis Pinneberg gewonnen, dessen Partei anschließend auch den Kanzler stellte. Der Kreis Pinneberg, Wahlkreis 007, ist "Swingstate" Nummer eins in Deutschland.

"Swingstates", Wechsel-Staaten, sind bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen jene Bundesstaaten, in denen die Mehrheiten von Wahl zu Wahl zwischen Demokraten und Republikanern wechseln, und das meist mit knappen Ergebnissen. Was Ohio oder Pennsylvania für die USA sind, ist Pinneberg für Deutschland.

Nur ganz am Anfang, 1949, in den Nachkriegswirren, lagen die Pinneberger noch daneben. Damals gewann die Sozialdemokratin Anni Krahnstöver das erste Direktmandat des Kreises, während in Bonn die Ära Konrad Adenauers und der CDU begann. Seit 1953 aber wählt Pinneberg "richtig". Wilhelm Goldhagen, Landwirt und Assessor aus dem Dorf Ellerhoop, gewann für die Union. Das Direktmandat blieb 16 Jahre im festen Griff der CDU, genauso lang, wie Adenauer und später Ludwig Erhard als Kanzler regierten.

Der SPD half es auch nichts, dass sie Annemarie Renger ins Rennen schickte, die langjährige Vertraute und Privatsekretärin des legendären Parteichefs Kurt Schumacher. 1961 lag die SPD bei den Zweitstimmen sogar knapp vor der CDU, doch bei den Erststimmen sammelte der Christdemokrat Goldhagen 900 Kreuze mehr als Renger, die spätere Bundestagspräsidentin.

Erst Ende der 60er-Jahre wandelte sich der Zeitgeist - Pinneberg wurde zum "Swingstate". Der Jurist Hans-Ulrich Brand (SPD) nahm Rolf Bremer (CDU) das Direktmandat ab. In Bonn wurde Willy Brandt als erster Sozialdemokrat Kanzler. 1972 verteidigte der NDR-Journalist Hermann P. Reiser den Wahlkreis für die SPD, 1976 und 1980 der Politikwissenschaftler Reinhard Ueberhorst. In Bonn regierte Helmut Schmidt.

Mit dem Ende der sozialliberalen Koalition ging auch die rote Ära in Pinneberg zu Ende. Bei den Neuwahlen 1983 eroberte Ingrid Roitzsch aus Quickborn das Mandat für die CDU - Kanzler wurde Helmut Kohl. 16 Jahre blieb die Union an der Macht, im Bund und im Kreis Pinneberg. Ingrid Roitzsch hielt den Sitz bis 1990, danach übernahm der ehemalige Quickborner Bürgermeister Gert Willner.

1998 nutzte Sozialdemokrat Ernst Dieter Rossmann die Wechselstimmung, Pinneberg fiel wieder an die Genossen. Gerhard Schröder zog ins Kanzleramt ein. Vier Jahre später setzte sich Rossmann (wie sein Kanzler) noch einmal durch. Erst 2005 gab es die nächste Wende. Obwohl die SPD bei den Zweitstimmen vorn lag, unterlag Rossmann dem CDU-Kandidaten Ole Schröder. Er konnte dann in Berlin seine Parteichefin Angela Merkel zur Kanzlerin wählen.

Aber warum spiegelt Pinneberg den Bundestrend? Ole Schröder, der aktuelle Pinneberger Abgeordnete, sagt: "Durch seine Vielfalt ist der Wahlkreis ein Abbild der Republik. Ländliche und städtische Gebiete wechseln sich ab, mit Helgoland haben wir sogar eine Insel." Bis zu Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier hat sich die Bedeutung des Wahlkreises aber nicht herumgesprochen. Die beiden Spitzenkandidaten sind hier im Wahlkampf nicht aufgetaucht.

Am 27. September kämpfen wie schon 2005 Ole Schröder (CDU) und Ernst Dieter Rossmann (SPD) um das Direktmandat. Wenn es so bleibt, wie es seit 1953 war, gibt Pinneberg am Wahlabend die Richtung vor: Wer hier gewinnt, dessen Partei stellt den Bundeskanzler. Wahlkreis 007, der politische Seismograf der Nation.

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