Das pure Mittelmaß

Gestatten, ich bin der Deutsche

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Am Sonntag wählt der Deutsche einen neuen Bundestag. Wer aber ist er eigentlich, der Bürger dieses Landes? Ein Porträt von Anne Dewitz.

Er heißt Thomas Müller, ist 42 Jahre alt. Er steckt noch mitten in der Midlifecrisis. Vielleicht gibt ihm der schwarze Audi A4, den er fährt, ein Gefühl von Jugend. Thomas ist 178 Zentimeter groß und 82,4 Kilogramm schwer - leicht übergewichtig. Er trägt Schuhgröße 44, hat dunkelblondes Haar. Straßenköterblond. Auch sonst ist Thomas eher mittelmäßig. Er spricht, je nach Tagesform, 4000 bis 12 000 Wörter am Tag. Dabei verwendet er überraschend häufig die Wörter Zeit, Herr, Leben, Jahr, Weise, Mann, Frau, Welt, Paragraf und sogar Liebe.

Wäre Thomas eine Frau, hieße er Sabine und würde doppelt so viel reden.

Sabine ist 44 Jahre alt, 165 Zentimeter groß und bringt 67,5 Kilo auf die Waage. Auch sie muss auf ihre Figur achten. Deshalb treibt sie regelmäßig Sport, fährt Rad und joggt mehrmals pro Woche. Ihr braunes Haar trägt sie schulterlang. Als Hausfrau mit Teilzeitjob verdient sie gerade mal 670 Euro - er als Angestellter beinahe das Fünffache. Dabei würde Sabine Kilometergeld zustehen. Theoretisch jedenfalls. Als Durchschnittsmutter legt sie nämlich 3796 Kilometer zu Fuß zurück. Jährlich! Damit hätte sie einmal Deutschlands Grenzen abgeschritten.

Sabine und Thomas Müller sind deutsch. Typisch deutsch sogar. Sie geben dieser Nation ein Gesicht. Wären wir vorbildliche Durchschnitts-Deutsche, wären wir wie sie. Die Fakten und Statistiken, gesammelt von den Autoren Veronika Immler, Oliver Kuhn und Antje Steinhäuser ("Wir. Alles, was man über uns Deutsche wissen muss"; Droemer) verraten, was uns Deutsche ausmacht - unsere Kultur, unsere Geschichte, unsere Sprache, unsere Lebensgewohnheiten.

Thomas und Sabine Müller wohnen in einem Mehrfamilienhaus, irgendwo in einer Kleinstadt. Ihnen stehen dreieinhalb Zimmer zur Verfügung. Für die 89,4 Quadratmeter zahlen sie nur 408 Euro Miete. Ein Schnäppchen! Die Wände sind gelb gestrichen. Im Bücherregal stehen unter anderem "Der Herr der Ringe" von J. R. R. Tolkien, die Bibel, Folletts "Die Säulen der Erde", "Das Parfum" von Süßkind, "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry und natürlich Manns "Buddenbrooks". Über der cremefarbenen dreiteiligen Couchgarnitur hängen impressionistische Drucke und Familienfotos. Auf vielen ist Tochter Anna zu sehen, manchmal zusammen mit Rex, einem Deutschen Schäferhund. Viel zu schnell ist die 13-Jährige erwachsen geworden. Bereits mit elf Jahren war sie aufgeklärt - zwei Jahre vor europäischem Durchschnitt. In drei Jahren wird sie ihre Unschuld verlieren. Wäre Anna übrigens ein Junge geworden, hieße sie Jan.

Der Tagesablauf ist geregelt. Thomas und Sabine stehen wochentags um 6.18 Uhr auf. Sie frühstücken Brot mit Käse und Wurst, dazu trinken sie eine oder zwei Tassen Kaffee. Während Thomas im Büro ist, kümmert sich Sabine um den Haushalt. Vier Stunden kochen, waschen und spülen, einmal in der Woche gründlicher Hausputz. Dabei achtet sie darauf, wenig Wasser und Chemie zu benutzen. Der Umwelt zuliebe. Sabine erledigt ihre Einkäufe bei Aldi, meistens mit ihrem silberfarbenen VW Golf. Jedes Mitglied der Familie wird im Laufe seines Lebens 6920 Liter Milch, 8860 Liter Bier, 11 590 Liter Kaffee trinken und 40 000 Kilogramm Lebensmittel zu sich nehmen, in Form von fünf Schafen, 3,2 Kühen, 45 Schweinen, 925 Hühnern, 16 270 Eiern, 5000 Kilogramm Kartoffeln, 8000 Äpfeln, 6900 Karotten, 5200 Laib Brot und 3370 Tafeln Schokolade. Diese Mengen müssen erst mal verdient, herangeschafft und gelagert werden.

Sabine kleidet sich und die Familie bei C&A und H&M ein. Manchmal bestellt sie auch im Otto-Katalog. Thomas isst in der Kantine Schnitzel mit Pommes und Pilzsoße. Currywurst mit Pommes wären ihm lieber. Sein Lieblingsgericht. Abends essen Müllers nicht noch mal warm. Nach dem Abendbrot schauen die beiden zweieinhalb Stunden fern. Ihre liebsten Sendungen sind "Wetten, dass ..?", "Tatort" und Feste der Volksmusik, obwohl sie das abstreiten würden. Wenn sie deutsche Spielfilme sehen, sollten Mario Adorf, Iris Berben und Moritz Bleibtreu mitspielen. Um 23 Uhr gehen sie zu Bett. Sie schlafen nach einer Viertelstunde ein, am besten bei offenem Fenster in Seitenlage. 15-mal im Monat haben sie erotische Träume. Jeder für sich.

Ein- oder zweimal im Jahr fahren sie in den Urlaub, am liebsten in Deutschland und manchmal zum Wandern nach Österreich. Zwischendurch mal eine kurze Städtereise und im Sommer ans Mittelmeer nach Spanien. Ihr Traumziel haben sie noch nicht gesehen: Neuseeland.

Sabine ist nicht unzufrieden mit ihrem Leben. Auch wenn sie es sich als Kind ganz anders vorgestellt hat. Gern wäre sie Tierärztin geworden. Doch dann heiratete sie mit 30 und wurde schwanger. Auch Thomas hatte als kleiner Junge Träume: von einer Karriere als Fußballprofi.

Einmal in der Woche ruft Sabine ihre Mutter an. Nie nach halb zehn. Das wäre so taktlos wie unangekündigter Besuch. Nicht nur einmal erwähnte ihre Mutter bei dieser Gelegenheit, was Schlagersänger Maxi Arland doch für einen tollen Schwiegersohn abgeben würde. Und wenn nicht der, dann doch wenigsten Cem Özdemir oder Popsänger Sasha. Früher wären es Curd Jürgens, Peter Alexander und Günther Jauch gewesen. So viel zu Schwiegermütterträumen.

Dabei passen Sabine und Thomas gut zusammen. Sie haben viel gemeinsam: Beide haben ein Werk von Thomas Mann gelesen, glauben nicht an Ufos, finden einen Seitensprung aus Rache okay und würden gern die Sommerzeit abschaffen. Prinzipiell sind beide auch bereit, Organe zu spenden. Einen Organspendeausweis besitzen sie jedoch nicht. Sie tanken grundsätzlich nur donnerstags, weil das Benzin da am günstigsten ist. Und vom Valentinstag halten beide nicht viel. Als ließe sich die Liebe an einem einzigen Tag festmachen. Dabei kann Thomas durchaus romantisch sein. Manchmal bringt er "Mausi", wie er sie oft liebvoll nennt, ihr Lieblingsparfum, "Diamonds for Woman" von Armani, mit. Und Sabine bekommt immerhin elf Rosen von ihrem "Dickerchen" pro Jahr. Nicht, dass Sabine mitgezählt hätte ...

Wenn Sabine im Alter von 82 Jahren stirbt, wird sie 26 Jahre ihres Lebens im Bett, zwei Jahre und zwei Monate mit Kochen, anderthalb Jahre mit Einkaufen, lediglich drei Jahre im Urlaub, ein halbes Jahr im Stau und genauso lange auf der Toilette verbracht haben.

Und noch mehr Intimitäten: Sabine erlebt 9,3 Stunden lang sexuelle Höhepunkte, dem sechs Wochen Vorspiel vorausgehen. Wohlgemerkt nicht am Stück! Zwei Jahre ihrer Lebenszeit verbringt Sabine mit Küssen. Thomas auch. Außerdem braucht er 140 Tage, um sich zu rasieren. Schade nur, dass er sieben Jahre vor Sabine sterben wird. Vielleicht hätte er besser auf die vier Zigaretten am Tag verzichtet. Doch noch hat er sein Testament nicht geschrieben. Das wird er erst mit 52 Jahren tun. Sinnvoll, denn immerhin wird er 54 600 Euro Ersparnisse hinterlassen - und das, obwohl er im Laufe seines Lebens eine Million Euro ausgegeben hat. Allein 34 000 Euro für Weihnachtsgeschenke.

Bis zu seinem Tod wird Thomas drei Stereoanlagen, elf Computer, vier Kühlschränke, drei Waschmaschinen, vier Fahrräder, sieben Fernseher, zehn Autos, 25 Handys und elf Kaffeemaschinen verschlissen haben. Viel Luxus für jemanden, der zunehmend Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten und Arbeitslosigkeit hat. Sabine hingegen hat sich immer mehr um ihre Beziehung gesorgt. Aber auch Thomas sagt, ihm seien ein intaktes Familienleben und Gesundheit wichtiger als viel Geld, dicke Autos oder Designerklamotten.

Und dennoch: Käme die berühmte Märchenfee vorbeigeschwebt, um drei materielle Wünsche zu erfüllen, würde er sich eine Ferienwohnung, ein großes Auto und einen Flachbildfernseher wünschen.

Leider hat die Geschichte von Thomas und Sabine einen kleinen Haken: Statistisch gesehen hielt ihre Ehe nur fünf Jahre. Ein Trennungsgrund könnte ihr Sexleben gewesen sein. Während Thomas 4,3-mal Sex im Monat hatte, waren es bei Sabine nur 3,2-mal gewesen. Wer lügt da? Beide wünschten sich mehr Sex. Aber das ist, wie gesagt, nur einer von vielen Gründen. Sabine findet, 1,5 Kinoabende im Jahr seien zu wenig gewesen. Und dass er dachte, sie würde ihm die Puschen bringen, wenn er sie "Hasi" nennt ...

Liebe, Einkaufen, Essen - über den durchschnittlichen Deutschen ist vieles bekannt. Nur eines nicht: Ob er an diesem Sonntag zur Wahl geht und wem er seine Stimme geben will.

Die erwähnten Fakten und Daten sind entnommen dem Buch "Wir. Alles, was man über uns Deutsche wissen muss" von Veronika Immler, Oliver Kuhn und Antje Steinhäuser. Erschienen bei Droemer; 297 Seiten, 18 Euro.

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