Kommentar: Nach der Hamburg-Wahl

Der Zwang zu neuen Bündnissen

Das Hamburger Wahlergebnis hat die Parteien in Deutschland buchstäblich entfesselt. Jede Farbenkombination erscheint plötzlich möglich. Ganz gleich, was vor der Wahl versprochen wurde, kaum ein Politiker sieht sich noch daran gebunden. Und gewohnte Koalitionsaussagen vor zukünftigen Wahlen könnten seit diesem Wochenende der Vergangenheit angehören.

Doch keine Bange, die Parteien haben nicht zufällig die neue Sachlichkeit entdeckt. Was wir derzeit erleben, ist vielmehr eine Mischung aus taktischen Finessen und schierer Panik. Und es ist ausgerechnet eine postkommunistische Formation mit Namen Linkspartei, die das bewirkt hat. Keine der etablierten vier kriecht aus freien Stücken aus dem warmen Lager fort. Es ist der Zwang zu neuen Bündnissen, der sie treibt.

Der bringt auch neue Töne hervor. So muss es sein, denn wenn sich drei einigen sollen, wo vormals zwei ausreichten, müssen die Kompromisse zwangsläufig weiter gefasst werden. Konzilianz auf allen Seiten ist die angenehme Folge.

Der zweite positive Effekt ist eine stärkere Orientierung an Sachthemen. Wer sich - wie CDU und Grüne - von weit auseinanderliegenden Positionen annähern will, ist gezwungen, Kernprobleme künftiger Zusammenarbeit zu definieren, um dann an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten. Dabei kommt speziell diesen beiden Parteien sicherlich zugute, dass ökologisches Leben heute vielfach auch teures Leben bedeutet und grünes Denken mittlerweile feste Wurzeln im klassischen Bürgertum ausgebildet hat.

Sollte nun auch die FDP endlich erkennen, dass die Zeiten sicherer Mehrheiten mit der CDU vorbei sind - trotz der jüngsten Erfolge beider in Niedersachsen -, wäre die neue bunte Palette beinahe komplett. Und SPD sowie Grüne könnten auf eine Tolerierung durch die Linkspartei verzichten. So sie es denn überhaupt wollen.