Hambacher Fest: Der Aufmarsch gegen die Fürstenhäuser vor 175 Jahren wurde zur Geburtsstunde der deutschen Demokratie

"Hinauf Patrioten, zum Schloss, zum Schloss!"

Unter den Farben Schwarz-Rot-Gold ging es aber nicht nur um Ideale wie Meinungsfreiheit. Die Pfälzer wollten auch die vom Bayern-König diktierten Steuern auf ihren Wein nicht länger dulden.

Hamburg. 300 Handwerksburschen singen nach der Melodie des schillerschen Reiterliedes "Hinauf Patrioten, zum Schloss, zum Schloss!" Zwischen den zahlreichen Frauen schreitet ein Fähnrich mit dem rot-weiß-roten Banner Polens. Ihm folgen Festordner mit schwarz-rot-goldenen Flaggen und der Parole "Deutschlands Wiedergeburt". 30 000 Teilnehmer lagern unter Kastanienbäumen und lauschen begeistert der Festrede: Der 43-jährige Jurist Philipp Jakob Siebenpfeiffer sieht den Tag kommen, "wo die Fürsten die bunten Hermeline feudalistischer Gottstatthalterschaft mit der männlichen Toga deutscher Nationalwürde vertauschen" und "das deutsche Weib, nicht mehr die dienstpflichtige Magd des herrschenden Mannes, sondern die freie Genossin des freien Bürgers, unseren Söhnen und Töchtern schon als stammelnden Säuglingen die Freiheit einflößt".

So beginnt am 27. Mai 1832, vor 175 Jahren, am Hambacher Schloss bei Neustadt an der Weinstraße jenes Fest, in dem die deutsche Demokratie ihre wichtigste Wurzel findet: Gezeugt aus den Ideen der Französischen Revolution, geboren in den Freiheitskriegen gegen Napoleon, formt sich ein bürgerliches Nationalbewusstsein zum Sturm nicht auf eine Bastille, aber auf die Bastionen absolutistischer Fürstentyrannei.

Das Hambacher Fest, wird Bundespräsident Theodor Heuss 125 Jahre später sagen, ist "die erste Volksversammlung der neueren deutschen Geschichte". Heinrich Heine glaubt, damals "hätte mit einiger Aussicht guten Erfolges die allgemeine Umwälzung in Deutschland versucht werden können". Der Münchner Geschichtsprofessor Eberhard Weis stellt fest, viele hätten geglaubt, "dass vielleicht nur die staatliche Zersplitterung und das Fehlen einer großen zentralen Hauptstadt ein deutsches Gegenstück zur Pariser Julirevolution verhindert hätten" - zu jenem Volksaufstand, der den endgültigen Sturz der Bourbonen und die Befreiung des französischen Bürgertums brachte.

Franzosen sind auch in Hambach dabei, als Ehrengäste. Die Einschränkung der von ihnen einst an Rhein und Main ein Vierteljahrhundertlang gewährten Freiheiten gibt den Grund für Unwillen und Ungehorsam: 1816 sind die linksrheinischen Gebiete der Kurpfalz zu Bayern gekommen (seit 1838 "Rheinpfalz"). Bald treiben hohe Zölle und Steuern die Wirtschaft in den Ruin, zudem fühlen sich die fröhlichen Weintrinker von den bierernsten Beamten aus München drangsaliert: Auf dem Zug zum Hambacher Schloss tragen die Winzer ein schwarzes Trauerpanier und beklagen in schwermütigen Liedern den schlechten Absatz ihrer Rebensäfte.

Es geht nicht nur um hehre Ideale, es geht auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. Siebenpfeiffer, Sohn eines Schneidermeisters aus Lahr, war mit zehn Jahren Vollwaise und erlebte als Verwaltungschef im Saarland das Leiden der Menschen unter Missernten, Hungersnöten und Epidemien. Als Landcommissär scheut er sich nicht, bei seinen Regenten Max I. Joseph und Ludwig I. persönlich auf soziale Reformen zu dringen. Als Dichter schreibt er: "Krank der Adel, es bäumt sich der Esel, worauf er geritten" und "Krank auch mancher Regent aus Furcht vor dem Fieber der Freiheit".

Nach ihm spricht der 34-jährige Journalist Johann Georg August Wirth aus Hof/Saale, seit Jahren im Kleinkrieg mit der Zensur, zu den Demonstranten vor dem Hambacher Schloss. Er schwingt das Schwert des im Januar gegründeten Pressevereins, lässt "die vereinigten Freistaaten Deutschlands, das konföderierte republikanische Europa" hochleben und fordert, einige entschlossene Männer sollten die gemeinsame Leitung der deutschen Opposition übernehmen.

Wie die Worte erinnern auch die Symbole an kriegerische Zeiten. Das Hambacher Schloss ist eine Ruine wie das Deutsche Reich. Die schwarz-rot-goldenen Farben leuchteten zuletzt auf den Uniformen der Lützower Jäger in den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Die "deutsche Trikolore" soll über einem Bund mit Franzosen und Polen wehen, deren Aufstand gegen die russische Oberhoheit im Jahr zuvor gescheitert ist. Das neue Bündnis steht gegen die übermächtige "Heilige Allianz" aus Russland, Preußen und Österreich. "Es lebe das freie, einige Deutschland", schließt Siebenpfeiffer seine bejubelte Rede. "Hoch leben die Polen, der Deutschen Verbündete! Hoch leben die Franken, der Deutschen Brüder, die unsere Nationalität und Selbstständigkeit achten! Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört!"

Noch weiter gehen Burschenschafter am nächsten Tag: Im Neustädter Schießhaus fordern sie eine provisorische Regierung und den bewaffneten Aufstand. Siebenpfeiffer und Wirth sind gegen Gewalt. Der pfälzische Abgeordnete Friedrich Schüler verhindert den Bruch und rät, den Aufstand erst einmal vernünftig vorzubereiten.

Hambach sieht nicht das einzige Freiheitsfest dieser Tage: "Auch in den anderen Landschaften an Ober- und Mittelrhein wurden zur selben Zeit überall, offenbar nach Verabredung, Volksversammlungen abgehalten", schildert der Historiker Heinrich von Treitschke als Preuße distanziert, "der Frühling war so schön, der Verkehr so leicht, der Wein so wohlfeil und das deutsche Elend unbestreitbar schwer. In Weinheim an der Bergstraße, in Bergen und Wilhelmsbad bei Frankfurt, in der Nebelhöhle der Rauhen Alb versammelten sich die Patrioten, mit schwarz-rot-goldenen Kokarden geschmückt; da und dort genügte schon die Einladung eines unternehmenden Gastwirts, um das souveräne Volk anzulocken."

Aus Spaß wird Ernst: Im April 1833 wollen 50 Studenten, bewaffnet und mit schwarz-rot-goldenen Binden geschmückt, den Bundestag ausheben. Die Verschwörer erobern Hauptwache und Constablerwache, doch anders als erhofft, macht die Bevölkerung nicht mit, sondern schaut staunend zu, bis ein Linienbataillon den Aufstand zusammenschießt. Was in Hambach friedlich begann, geht in Frankfurt blutig zu Ende, die Fürsten kontern mit Repressionen: Demokraten und Liberale werden verhaftet, Versammlungs- und Pressefreiheit weiter eingeschränkt, Universitäten noch strenger überwacht. Viele Künstler ziehen sich vom politischen Leben zurück, der "Biedermeier" entsteht.

Auch für die Hauptpersonen von Hambach folgen schwere Zeiten. Siebenpfeiffer und Wirth werden festgenommen und im Juni 1833 in Landau vor ein Geschworenengericht gestellt. Der überraschende Freispruch nützt wenig, denn die Fürstenmacht lässt nicht locker: Die beiden Politiker werden dem Zuchthauspolizeigericht Frankenthal überstellt und dort wegen "Beleidigung" zu zwei Jahren Haft verurteilt. Im November 1833 flieht Siebenpfeiffer mit Hilfe von Freunden in die Schweiz und wird in Bern Professor für Straf- und Staatsrecht. Zwölf Jahre später stirbt er mit nur 55 Jahren in einer Anstalt für Geisteskranke. Wirth sitzt die zwei Jahre ab, kommt anschließend in Passau zur Verbüßung einer weiteren Strafe in Haft, kann aber von dort fliehen - ebenfalls in die Schweiz. 1847 gelangt er nach Karlsruhe, wird in die deutsche Nationalversammlung nach Frankfurt gewählt und stirbt dort am 26. Juli 1848, neun Wochen nach der Eröffnung des ersehnten ersten deutschen Parlaments.

"Jene Hambacher Tage waren der letzte Termin, den die Göttin Freiheit uns gewährte", seufzt Heinrich Heine damals resigniert. Heute sind die Ideale der Freiheitskämpfer unter der Schlossruine längst Wirklichkeit. Der Bayernkönig, der Reformen und Reformer so erbittert bekämpfte, muss 16 Jahre nach dem Freiheitsfest abdanken. Nicht Pfälzer Demokraten oder Winzer bringen ihn um Thron und Krone, sondern der Ärger der Münchner über seine Geliebte Lola Montez und einen drastisch gestiegenen Bierpreis.