Als sie den Colt nahm, gab es kein Zurück

LINKSTERRORISMUS Vor 25 Jahren entführte die RAF Hanns-Martin Schleyer - und leitete damit den blutigen "Deutschen Herbst" ein. Ex-Terroristin Silke Maier-Witt fragt sich heute noch: "Wie konntest du da hineingeraten?"

Hamburg. Vor 25 Jahren war sie eine der meistgesuchten Verbrecherinnen der Republik. Heute arbeitet sie für Frieden im Kosovo. Vor 25 Jahren gehörte sie dem Kommando der Roten Armee Fraktion (RAF) an, das in Köln den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer entführte und dessen vier Begleiter tötete. Heute weiß sie, dass eine Waffe in der Hand allein nicht stark macht. In Silke Maier-Witt spiegeln sich die Irrungen und Wirrungen jenes Teiles des politischen Schicksals der Bundesrepublik, der als "Deutscher Herbst" in die Geschichte einging. "Ich war auf der Suche nach einem Lebensinhalt und wollte nicht allein sein", sagt die 52-jährige zierliche Frau mit den kurzen blonden Haaren und den blassblauen Augen heute. Jeder Blick zurück ist für sie ein Stück Bewältigung. Doch eine Frage bleibt: "Wie konntest du in so etwas hineingeraten?" Zuerst verläuft ihr Weg friedlich. Maier-Witt studiert in Hamburg Medizin und Psychologie, demonstriert gegen den Vietnamkrieg, protestiert gegen die Haftbedingungen der RAF-Gefangenen. Wendepunkt ist der Hungertod des inhaftierten Terroristen Holger Meins am 9. November 1974. "Meins hatte sein Leben riskiert, während ich in Griechenland Urlaub machte. Das kam mir sehr daneben vor." Sie schließt sich dem Komitee gegen Folter an, unterstützt Gefangene. "Ich konnte an nichts anderes mehr denken und gab mein Studium auf." RAF-Gründer Andreas Baader hatte die Losung ausgegeben: "Mensch oder Schwein". Und ein Schwein will die junge Silke aus dem bürgerlichen Schwarzwald-Ort Nagold nicht sein. "Es gab nur ganz oder gar nicht. Ich war wirklich anfällig für diese Kompromisslosigkeit." Sie reist durch Europa, versieht Kurier- und Handlangerdienste für die RAF. Am 7. April 1977 macht Silke Maier-Witt den Schritt in die Illegalität, als Jürgen Boock ihr einen Colt überreicht, den Ausweis der neuen Identität. "Niemand hat mich überredet, das kam aus freien Stücken. Ich wusste ja, dass wir kriminell waren." Und: "Ich konnte nicht mehr zurück, wollte dazugehören, mir fehlte die Alternative. Ich habe immer schneller Ja als Nein gesagt. Bis heute kann ich die Entscheidung nicht nachvollziehen." Bei der Schleyer-Entführung am 5. September 1977 ist sie zwar nicht am Tatort, aber an den Vorbereitungen hat sie großen Anteil: Beschaffung von Autokennzeichen, Anmietung konspirativer Wohnungen, Schmuggel von falschen Pässen und Munition. Dann geht alles "entsetzlich schief", so Silke Maier-Witt in der Rückschau: die "Landshut"-Entführung, Schleyers Ermordung, der Tod der RAF-Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in Stammheim. "Das war der Anfang vom Ende der RAF. Die Häftlinge waren tot, deren Befreiung war aber das politische Ziel gewesen." Silke Maier-Witt denkt über ihren Ausstieg nach. "Ich war nicht in der Lage, ein guter Kämpfer nach RAF-Definiton zu sein, hatte Skrupel, sah die Legitimation für die Morde nicht mehr." Am 18. November 1979 ist Schluss. Bei einem Banküberfall in Zürich, an dessen Vorbereitung Maier-Witt beteiligt war, wird eine Passantin erschossen. "Der Tod Unbeteiligter war für mich der Auslöser auszusteigen." Sieben weitere RAF-Mitglieder gehen diesen Schritt. ERst in Paris, dann in Prag warten und überlegen sie, wo sie abtauchen können. Angola oder Mosambik? "Diese Länder waren damals noch revolutionär, wir hatten schon Portugiesisch gelernt und uns mit Tropenmedizin befasst." Doch dann ist es nur die DDR; 1980 gewährt die Stasi Asyl. Muffig und spießig, ein autoritäres Regime und preußischer als die Bundesrepublik, Terra incognita für die Aussteigerin. "Die Tristesse stach einem schon ins Auge." Aber Silke Maier-Witt will wieder dazugehören, wird SED-Mitglied, macht eine Krankenschwester-Ausbildung, schließt sich der Betriebssportgruppe an. Nach Jahren in Hoyerswerda und Erfurt droht 1985 ihre Entdeckung: Die Bundesregierung hat erfahren, dass Angelika Gerlach eigentlich Silke Maier-Witt ist. Sie muss sich die Nase operieren lassen und nach Neubrandenburg umziehen, wo sie den Namen Silvia Beyer annimmt. Die Wende 1989 empfindet sie als "ein Stück Befreiung", obwohl ihre Tarnung nicht mehr lange halten wird. "Ich hab gemerkt, dass mir ein selbst bestimmtes Leben gefehlt hat." Am 18. Juni 1990 wird Silke Maier-Witt verhaftet. Im November des folgenden Jahres verurteilt das Oberlandesgericht Stuttgart sie unter Anwendung der Kronzeugenregelung zu zehn Jahren Haft wegen dreifachen Mordversuchs und räuberischen Diebstahls mit Todesfolge. Die Angeklagte zeigt Reue und bittet die Angehörigen der Opfer um Verzeihung. "Ich war wieder Silke Maier-Witt und mit der Frage konfrontiert: ,Wieso bin ich eigentlich dahingekommen?'" Während der Haft in Vechta studiert sie Psychologie, macht nach ihrer vorzeitigen Entlassung 1996 auf Bewährung ihr Examen. 1999 bewirbt sich Silke Maier-Witt beim Forum Ziviler Friedensdienst als Friedensfachkraft, die im Kosovo kriegsgeschundene Menschen begleiten soll. Sie wird genommen. Als das Bundesentwicklungshilfe-Ministerium, das das Projekt finanziert, erfährt, wen es da auf der Gehaltsliste hat, ist Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) wenig begeistert. Generalbundesanwalt Kay Nehm räumt die Bedenken aus. Er bescheinigt der früheren Terroristin, sich "in glaubhafter Weise von der Gewaltideologie der RAF distanziert" zu haben und wünscht ihr "viel Erfolg". Seit Februar 2000 ist Silke Maier-Witt in Prizren. Frieden schaffen ohne Waffen, Geduld haben mit diesem zerstrittenen Land. In ihrer eigenen Lebensgeschichte hat sie erfahren, "dass Gut und Böse nicht so scharf zu trennen sind, sondern dass es unzählige Zwischentöne gibt. Das versuche ich den verfeindeten Volksgruppen klar zu machen. Ich weiß, wovon ich rede, wenn es um Versöhnung geht."

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