Konflikt

Ukraine: Wie der Krieg enden könnte – vier Szenarien

| Lesedauer: 7 Minuten
Michael Backfisch
Sanktionen: Putin warnt vor "katastrophalen Folgen" für globalen Energiemarkt

Sanktionen: Putin warnt vor "katastrophalen Folgen" für globalen Energiemarkt

Russlands Präsident Wladimir Putin warnt die westlichen Staaten vor weiteren Sanktionen wegen des Ukraine-Konflikts: Sie könnten zu "katastrophalen Folgen auf dem Weltenergiemarkt führen", sagt er.

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Führende Militärexperten sagen den weiteren Verlauf der Kämpfe voraus. Sie entwerfen verschiedene Szenarien, die wenig tröstlich sind.

Berlin.  Während in Deutschland die Sorge vor Gas-Mangel und steigenden Preisen wächst, schwindet die Hoffnung auf ein schnelles Ende des Ukraine-Krieges. Russlands Präsident Wladimir Putin warnte den Westen vor einer direkten militärischen Konfrontation: „Heute hören wir, dass sie uns auf dem Schlachtfeld schlagen wollen. Was soll man dazu sagen? Sollen sie es nur versuchen.“ Russland habe in der Ukraine noch nicht einmal richtig angefangen, fügte er hinzu. Vier führende Militärexperten prognostizieren im Gespräch mit unserer Redaktion den weiteren Verlauf der Kämpfe.

Ukraine-Krieg: Wendepunkt im Herbst möglich

Der ehemalige Bundeswehrgeneral Hans-Lothar Domröse rechnet damit, dass Putin ukrainische Gebiete zum Teil Russlands erklärt: „Der russische Präsident Wladimir Putin hat das strategische Ziel ausgegeben, die Ukraine zu ‚entnazifizieren‘ und zu ‚entwaffnen‘. Dieses Ziel wird er für die gesamte Ukraine nicht erreichen. Der Kremlchef hat jedoch die Eskalationsdominanz. Nur Russland kann jeden Tag mehr Artillerie, mehr Panzer, mehr Schiffe und mehr Flugzeuge schicken. Die Ukraine kann hingegen nicht eskalieren. Die ukrainische Armee hat nur die ­Option, zu verzögern, sich geschickt zu wehren.

Die Ukraine benötigt noch ein paar Monate, um die westlichen Waffen und die entsprechende Ausbildung zu bekommen. Wenn es die Ukrainer schaffen, hier und da Nadelstiche in die russische Landbrücke im Süden zu setzen und die Versorgung der Russen im Bezirk Donezk zu stören, könnte es im Herbst zu einem Wendepunkt kommen. Wenn beide Präsidenten erkennen, dass sie ihre Maximalziele nicht erreichen, könnte dies der Beginn von Verhandlungen sein.

Ein ‚eingefrorener Konflikt‘ läge vor, wenn Russland zwar Gebiete besetzt, das Territorium aber trotzdem Teil des ukrainischen Staates bliebe. Die Ukrainer würden dann dort Partisanenangriffe durchführen. Eine ‚Eiszeit‘ zwischen der Ukraine und Russland sowie Europa und Russland würde eintreten, wenn Putin Gebiete aus der Ukraine abschneidet und zum Teil von Russland erklärt. Ich halte dies für das wahrscheinlichste Szenario.“

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Kampfpause im Krieg: „Letzte Chance für Diplomatie“

Der ehemalige Brigadegeneral Erich Vad sieht eine Lösung darin, dass Kiew dem Donbass weitgehende Autonomie einräumt: „Die Russen legen derzeit ihren Fokus auf die urbanen industriellen Schlüsselregionen im Bezirk Donezk. Man muss davon ausgehen, dass es einen Straßen- und Häuserkampf geben wird. Aber ich habe keinen Zweifel, dass die Russen am Ende auch das Gebiet Donezk besetzen und kon­trollieren werden. Danach wird es eine operative Pause geben, weil sowohl die russischen als auch die ukrainischen Truppen durch die Kämpfe der letzten Wochen stark abgenutzt sind. Diese Pause könnte die letzte Chance für diplomatische Verhandlungen sein.

Ein Kompromiss könnte so aussehen, dass Kiew den Gebieten Donezk und Luhansk weitestgehende Autonomie innerhalb des ukrainischen Staatsverbundes gewährt. Dafür behielte die Ukraine den für den Außenhandel eminent wichtigen Schwarzmeer-Hafen Odessa.

Wenn die operative Pause verstreicht, könnten die Russen den gesamten Osten der Ukraine bis zum Dnjepr-Fluss besetzen und vollendete Tatsachen schaffen. Die Territorien würden dann sehr wahrscheinlich von Russland einverleibt. Ich schließe nicht aus, dass die Russen versuchen werden, auch Odessa einzunehmen. Dann würde eine Rumpf-Ukraine übrig bleiben, die allein nicht lebensfähig wäre.“

„Putin will Teile Westeuropas in die Knie zwingen“

Der Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Politik an der Hochschule der Bundeswehr, Carlo Masala, ist davon überzeugt, dass Putin die Regierung in Kiew durch ein ­Satellitenregime ersetzen will: „Nachdem die Russen den Bezirk ­Luhansk fast vollständig eingenommen haben, werden sie sich mit der gleichen Strategie auf Donezk fokussieren. Interessant wird sein, ob die angekündigte Großoffensive der Ukrainer kommt, die nun auf den August verschoben wurde.

Ich erwarte, dass sich diese Offensive auf den Süden konzentrieren wird. Die Ukrainer werden punktuell vorgehen und versuchen, die Front in die Länge zu ziehen. Das würde ihnen wieder Möglichkeiten für Angriffe im Donbass eröffnen. Sollte den Ukrainern die Munition ausgehen oder die westlichen Waffenlieferungen stocken, werden sie auf eine Partisanentaktik umschalten.

Putin sieht die Eroberung des Donbass als Voraussetzung an, um eine Pause zu bekommen. Er will seine Truppen regenerieren und den Nachschub von Material neu regeln. Danach visiert er den Angriff auf weitere Teile der Ukraine an. Dazu gehört auch die Hauptstadt Kiew. Es geht immer noch darum, die Regierung von Wolodymyr Selenskyj durch ein russlandfreundliches Satellitenregime zu ersetzen.

Ich schätze, dass der Krieg in jedem Fall noch Monate dauert. Sollten die Russen irgendwann auch den Bezirk Donezk einnehmen, rechne ich damit, dass Putin Friedensverhandlungen und einen Waffenstillstand anbietet. Es wäre ein taktischer Zug, um Zeit für die Regeneration der russischen Truppen zu bekommen.

Wenn es zu einem harten Herbst kommt, weil die Russen die Gas-Lieferungen weiter reduzieren, werden die westlichen Gesellschaften ihre Politiker dazu drängen, die Unterstützung der Ukraine zurückzufahren. Es ist Putins Kalkül, Teile Westeuropas in die Knie zu zwingen.“

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„Der Krieg wird sich ins nächste Jahr erstrecken“

Der Russlandexperte Gustav Gressel sieht die Kräfte des Kreml schwinden, wenn es Putins Armee nicht gelingt, mehr Soldaten anzuwerben: „Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Russland derzeit eine operative Pause eingeht. So wie es jetzt läuft, wird sich der Krieg ins nächste Jahr erstrecken. Ich denke, die nächste Tauwetterperiode 2023 ist der früheste Zeitpunkt für ein mögliches Ermatten. Die Personalsituation ist für Russland der entscheidende Faktor. Wenn es nicht gelingt, mehr Soldaten anzuwerben als bisher, wird die Offensivfähigkeit der russischen Streitkräfte im Herbst oder Winter langsam schwinden. Aus ukrainischer Sicht ist das Material das Entscheidende.

Das politische Ziel Russlands, die Ukraine als Ganzes zu vernichten und sich einzuverleiben, steht nach wie vor. Putin geht weiter, bis die Offensivfähigkeit der Armee ermattet ist. Derzeit kann Russland seine Überlegenheit an Feuerkraft ausspielen. Waffenlieferungen aus dem Westen sind in der Qualität gut, aber in der Quantität noch ungenügend. Wenn das so weitergeht, wird es für Russland zwar weiterhin blutig, aber es ist ein langsamer, blutiger Weg zum Sieg.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de

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