Ringen um ein Ende des Leids in der Ukraine

Merkel und Hollande verhandeln mit Putin – die Menschen in der seit Wochen umkämpften Stadt Debalzewo nutzen eine Feuerpause zur Flucht

Kiew/Moskau. Für den Tag, an dem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande in Moskau für einen Frieden in der Ostukraine warben, hatten sich die Konfliktparteien in der Region auf einen eintägigen Waffenstillstand verständigt – jedoch nur rund um die umkämpfte Stadt Debalzewo. Während der Feuerpause am Freitag sollen Zivilisten aus der strategisch wichtigen Ortschaft in Sicherheit gebracht werden, die sich bisher größtenteils in ihre Keller geflüchtet hatten. Doch auch eine Evakuierung ist für die verzweifelten Bewohner nicht ungefährlich, da die prorussischen Separatisten im Anmarsch sind. Mit prall gefüllten Taschen besteigen die Bewohner erschöpft Busse, die sie aus der Gefahrenzone bringen sollen. Die Verzweiflung der noch in der Stadt verbliebenen Bevölkerung, die seit fast zwei Wochen ohne Strom, Heizung und fließendes Wasser ausharrt, nimmt zu. Der römisch-katholische Bischof Stanislaw Szyrokoradiuk gibt am Freitag bekannt, wegen der schwierigen Versorgungslage seien Dutzende Menschen verhungert.

Der Vormarsch prorussischer Separatisten auf Debalzewo wird von ukrainischen Panzern, Kanonen und Raketenwerfern nur wenig gebremst. Ein Granatwerfer steht auf einem Feld am westlichen Ortseingang. Er hat eine geringe Reichweite, daher ist der Feind vermutlich nah. Nur eine Fernstraße aus der Stadt ist noch passierbar, und auch auf ihr gehen immer wieder Granaten nieder. Trotzdem treffen altersschwache Busse der Regierung ein, um Bewohner in sichere Gebiete zu bringen. Doch viele derer, die in Kellerräumen Zuflucht gesucht haben, wissen gar nichts von dieser Möglichkeit der Flucht.

„Es ist schwierig, den Menschen mitzuteilen, dass die Evakuierung läuft. Wir tun, was wir können“, sagt Polizeichef Sergej Radtschenko. Viele zögern, weil sie nicht wissen, was sie anderswo erwartet. Wer Angehörige oder enge Freunde in Russland oder in anderen Teilen der Ukraine hat, hofft auf eine Einladung dorthin. Wer niemanden hat, sagt, dass er nirgendwohin gehen kann. Ilja Kiwa, ein Offizier der ukrainischen Nationalgarde, erklärt, wenn die Stadt geräumt wäre, könnten die ukrainischen Truppen aggressiver vorgehen. „Wir kommen jeden Tag und reden mit den Leuten, wir bequatschen sie, wir verhandeln, wir bitten sie inständig“, sagt Kiwa. „Wir sind bereit, sie auf Knien anzuflehen, hier wegzugehen und uns unseren Job machen zu lassen, nämlich den Feind zu zerstören.“

Doch das Misstrauen gegenüber der ukrainischen Regierung und deren Truppen ist groß. „Man hört immer nur: Die Separatisten tun dieses, die Separatisten tun jenes. Und dass die Nationalgarde weißer als weiß ist“, sagt Ljudmila, die aus Furcht ihren Nachnamen nicht nennen möchte. „Die Separatisten mögen an einigen Orten angegriffen haben, aber unsere Stadt wird hauptsächlich von der Nationalgarde zerstört.“ Offizier Kiwa weist diese Darstellung spöttisch als Provokation seitens einer Agitatorin in Diensten der Separatisten zurück.

Sie haben Debalzewo in die Zange genommen, ihre Strategie bezeichnen sie triumphierend als den „Kessel von Debalzewo“. In Wuhlehirsk, einem Dorf in etwa zehn Kilometern Entfernung, durchbrachen die Separatisten kürzlich die Linien der Regierungstruppen. Ihr Vormarsch ist systematisch und präzise. Doch ukrainische Militärsprecher zeichnen in den täglichen Lagebesprechungen ein anderes Bild. Sie erklären, Offensiven der Separatisten seien zurückgeschlagen worden, die Verteidigungslinie werde halten. Doch es scheint einen Notfallplan zu geben. Nördlich der Stadt wurden reihenweise Schützengräben ausgehoben. Betonpoller auf Feldern sollen den Feind aufhalten. Panzer, die in den verkohlten Überresten eines zerbombten Hauses in einem Dorf am Rand der Fernstraße stehen, zielen mit ihren Geschützrohren wie in Erwartung eines vorrückenden Feindes auf die Straße.

Der ukrainische Nachschub wird über Artemiwsk gesichert. Der Ort wirkt zunehmend wie eine Garnisonsstadt. Autowerkstätten verzeichnen hohen Zulauf, sie reparieren beschädigte Fahrzeuge, die von Soldaten gebracht werden. Verlassene Fabriken aus der Sowjetzeit wurden zu Stützpunkten umfunktioniert. Das örtliche Stadion wird als Landeplatz für Hubschrauber genutzt, die Verwundete ausfliegen. Viele der ukrainischen Soldaten sind hochgradig nervös. Der Geschützdonner ist in Artemiwsk schwächer zu hören, aber dennoch vorhanden. „Wir müssen diese Separatisten in der Nähe loswerden, denn bald, innerhalb weniger Schritte, werden sie in der Stadt sein“, sagt der 18 Jahre alte Maxim Letowtschenko: „Wenn sie kommen, wird von diesem Ort nichts übrig bleiben.“