Countdown zum Schlag gegen Assad

Telefonate syrischer Offiziere sollen den USA Beweise für die Schuld des Regimes am Gasangriff geliefert haben. Er könnte ein Versehen gewesen sein

Tel Aviv. Nach Monaten des Zweifelns und Zögerns gab sich US-Außenminister John Kerry plötzlich ganz sicher: In Syrien seien Chemiewaffen eingesetzt worden, stellte er kurzerhand fest. Die Vereinigten Staaten hätten dazu „zusätzliche Informationen“, die nun ausgewertet würden. Seine Sprecherin wurde noch deutlicher: Es sei „vollkommen eindeutig“, dass das Regime von Präsident Baschar al-Assad für einen Chemiewaffeneinsatz am 21. August verantwortlich sei, hieß es im US-Außenministerium. Jede Unterstellung, die Rebellen könnten die geächteten Waffen selbst eingesetzt haben, „laufe der Logik zuwider“.

Der Angriff in der Nähe von Damaskus hatte mehrere Hundert Zivilisten das Leben gekostet. Nach einem Bericht der US-Fachzeitschrift „Foreign Policy“ ist der Grund für die neue Gewissheit in Washington ein vom US-Geheimdienst abgehörtes Telefonat zwischen hochrangigen syrischen Militärs und dem Kommandeur einer Chemiewaffeneinheit.

Der Inhalt des Gesprächs mache zweifelsfrei deutlich, dass Truppen des Regimes für den Anschlag verantwortlich gewesen seien. Gleichzeitig wies ein amerikanischer Geheimdienstmitarbeiter gegenüber dem Magazin aber darauf hin, dass bedeutende Fragen ungeklärt blieben: So sei unklar, inwieweit das Regime die Chemiewaffenvorräte überhaupt noch kontrolliere. In jedem Fall sei der Angriff mit chemischen Kampfstoffen „verdammt dumm“ gewesen.

Diese Dummheit ist auch den Nachrichtendiensten anderer westlicher Länder unerklärlich. Assad habe kein strategisches Interesse an einem Giftgasangriff, heißt es etwa in Deutschland. Er würde sich damit nur schaden und einen westlichen Militärschlag verursachen. Doch auch in israelischen Sicherheitskreisen gibt es die Vermutung, ein derart fataler Angriff sei nur als Versehen oder eigenmächtiges Handeln eines Offiziers zu erklären. So könne das falsche Ziel getroffen worden sein, oder jemand habe bei der Dosierung einen Fehler gemacht.

Dass es sich bei der Tragödie um den Einsatz eines Nervengases handelte, daran zweifelt allerdings so gut wie niemand. Schon die große Zahl der Opfer spreche dafür, ist aus Sicherheitskreisen zu hören. Das Videomaterial zeige bei den Opfern Symptome, die auf den Einsatz von chemischen Kampfstoffen hinwiesen und die Tatsache, dass einige der Raketen weitgehend unbeschädigt blieben, deute ebenfalls darauf hin, dass sie eben nicht mit gewöhnlichem Sprengstoff, sondern mit einem Nervengas bestückt gewesen sein dürften.

Zudem soll der israelische Militärgeheimdienst herausgefunden haben, dass Chemiewaffen kurz vor dem Angriff in eine Armeebasis in den Bergen westlich von Damaskus verlegt worden seien. Der israelische Fernsehsender Kanal 2 berichtete, der Befehl für den Angriff sei von Baschar al-Assads Bruder Maher gegeben worden.

Innerhalb der syrischen Führung soll nun Panik herrschen. Arabische Medien berichten davon, wie wichtige Militäranlagen und Regierungsgebäude, die zum Ziel amerikanischer Marschflugkörper werden könnten, geräumt werden. Der syrische Militärgeheimdienst soll nun unterirdisch arbeiten. Auf dem Flughafen von Latakia sollen gar wichtige syrische Führungspersönlichkeiten gesichtet worden sein – vermutlich auf der Flucht ins Ausland. Und mit Lastwagen sei das Hauptquartier der vierten Division der syrischen Armee geräumt worden – zu der auch jene 155. Brigade gehört, die von Assads Bruder Maher kommandiert wird und die möglicherweise für den Giftgasangriff verantwortlich gewesen sein könnte.

Tatsächlich laufen in Washington die Vorbereitungen für einen Militärschlag auf Hochtouren. Es scheint längst nicht mehr darum zu gehen, ob die Amerikaner zuschlagen. Diskutiert wird vielmehr das Ausmaß der Angriffe.

Eine Sprecherin des US-Außenministeriums stellte klar, das Ziel werde kein Regimewechsel sein. Frankreichs Präsident François Hollande sagte, sein Land sei bereit dazu, jene zu bestrafen, die „die widerliche Entscheidung getroffen haben, unschuldige Menschen mit Gas anzugreifen“. Der britische Regierungschef David Cameron sagte, Großbritannien wolle nur den weiteren Einsatz von Chemiewaffen verhindern. Auf eine von den Briten vorbereitete Resolution aber konnten sich die fünf Ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats im ersten Anlauf nicht einigen. Russland bekräftigte am Mittwoch in New York seine Bedenken gegen einen möglichen Militärschlag, berichtete ein westlicher Diplomat nach der Sitzung. Erstmals seit Beginn der Unter

suchungen der Uno-Chemiewaffeninspektoren waren die USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien zu informellen Gesprächen über die Lage in dem Bürgerkriegsland zusammengekommen.

Am wahrscheinlichsten gilt derzeit ein Einsatz von seegestützten Marschflugkörpern gegen ausgewählte Ziele. Militärexperten weisen darauf hin, dass besonders ein Verlust der Lufthoheit Assads Truppen entscheiden schwächen könnte und gleichzeitig den gezielten Einsatz von chemischen Kampfstoffen erschweren würde. Andererseits soll wohl zumindest die erste Angriffsrunde dem syrischen Regime die Möglichkeit lassen, ohne allzu offensichtlichen Ehrverlust von einer eskalierenden Reaktion abzusehen.

Sowohl in den USA als auch in Europa ist ein Militäreinsatz umstritten. Doch in den vergangenen Tagen waren es eher die Briten und Franzosen, die den amerikanischen Präsidenten zum Handeln bewegen wollten. Einiges spricht dafür, dass Obama die Situation lieber noch beobachtet hätte. Noch in letzter Minute soll er die iranische Regierung aufgefordert haben, auf Assad mäßigend einzuwirken.

Keine Bestätigung gab es zunächst für Berichte, Präsident Baschar al-Assad sei mit seiner Familie in Teheran gelandet. Sicher ist jedenfalls, dass Iran eines der wenigen Ländern wäre, die Assad Unterschlupf gewähren würden. Teheran hält im syrischen Bürgerkrieg die Fäden in der Hand. Auch in Israel ist man einer amerikanischen Militärintervention gegenüber deshalb gar nicht abgeneigt: Ein Sieg Assad wäre auch ein Sieg des Iran, fürchtet man in Jerusalem. Israels Geheimdienste gehen zudem davon aus, dass ein syrischer Vergeltungsangriff unwahrscheinlich sei.

Dennoch hat die israelische Führungsriege mehrfach mit Vergeltung gedroht, sollte Damaskus auf die Idee kommen, den südlichen Nachbarn anzugreifen. An Drohungen hatte es nicht gefehlt: Ein Mitglied des Islamischen Beratungsrats im Iran, sagte: „Das zionistische Regime“ werde das erste Opfer eines Angriffs gegen Syrien werden.