Weltkrisen und Hintergründe

Zweieinhalb Jahrtausende Kampf um Palästina

Das Abendblatt erklärt in einer zehnteiligen Serie die gefährlichsten Krisenherde der Welt. Im zweiten Teil der Konflikt im Nahen Osten.

Hamburg. Unter den Krisenherden der Welt nimmt der Nahost-Konflikt eine besondere Rolle ein. Zum einen, weil er seit mehr als einem Dreivierteljahrhundert schwelt, zum anderen, weil jede kriegerische Zuspitzung durch die israelische Atombewaffnung die Gefahr eines Weltenbrandes in sich trägt, und ferner, weil Europa, Amerika und Russland aus historischen und politischen Gründen tief involviert sind.

Die Grundursachen dieses Konfliktes liegen mehr als 2000 Jahre zurück. Im sechsten Jahrhundert vor Christus wurde das Königreich Juda im heutigen Palästina von den Babyloniern erobert, der Erste Tempel zerstört und das Volk größtenteils nach Babylon verschleppt. Die "Babylonische Gefangenschaft" markiert den Beginn der Verstreuung der Juden in alle Welt, in die Diaspora. Die zunächst zurückgekehrten Juden wurden später im Aufstand der römischen Provinz Judäa gegen das Römische Reich vertrieben. Jerusalem mit dem Zweiten Tempel wurde 70 nach Christus von den Legionen zerstört. Nach einer letzten Revolte im Jahr 132 verbot Kaiser Hadrian den Juden, in Jerusalem zu wohnen. Der legendär gewordene Seufzer der Juden in aller Welt: "Nächstes Jahr in Jerusalem!" nahm hier seinen Ausgang.

Um 1860 herum entstand der Zionismus als jüdische Nationalbewegung. In seiner Schrift "Der Judenstaat" brachte Theodor Herzl konkret die Idee eines jüdischen Staates in Palästina auf. Pogrome in Russland 1882 führten zu einer ersten Auswanderungswelle von Juden in die Urheimat Palästina. Es war die erste von mehreren derartigen Wellen, den Aliyas. Vor allem im Zusammenhang mit der Judenverfolgung im Dritten Reich schwoll der Zuzug jüdischer Siedler später enorm an.

Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg 1918 brachte eine grundsätzliche Neuordnung des Nahen Ostens. Im Sykes-Picot-Abkommen vom Mai 1916 hatten sich England und Frankreich die Region insgeheim aufgeteilt; und in der Balfour-Deklaration vom November 1917 hatte London den Juden einen eigenen Staat in Aussicht gestellt. Zugleich ermutigte London auch die Araber in ihren nationalstaatlichen Bemühungen - als Gegenleistung für militärische Hilfe gegen die Türken.

Nach der offiziellen Aufteilung der Region auf der Konferenz von San Remo 1920 waren die Araber empört, dass sie sich Palästina mit den Juden teilen sollten. Es kam zu antijüdischen Pogromen und der Gründung der paramilitärischen jüdischen Miliz HaSchomer.

1947 beschloss die Uno-Vollversammlung gegen die Stimmen von Arabern wie Juden, Palästina in zwei Staaten aufzuteilen. Wenig später gab Großbritannien das Palästina-Mandat zurück. Jüdische Untergrundgruppen vertrieben rund 200 000 Araber, und am 14. Mai 1948 proklamierte David Ben Gurion den Staat Israel. Bereits am folgenden Tag fielen die Armeen von fünf arabischen Staaten über Israel her, wurden jedoch entscheidend geschlagen. Rund 700 000 Palästinenser wurden vertrieben und enteignet. Mit den Flüchtlingen entstand ein Hauptproblem des Nahost-Konfliktes. Und dies war nur der erste von mindestens sechs Kriegen zwischen Israel und den arabischen Nachbarn. Vor allem im Sechstagekrieg 1967 gelangen den Israelis große Gebietsgewinne, die nach dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 als dauerhaft zu Israel gehörig betrachtet wurden. Das größtenteils von Arabern besiedelte Ostjerusalem sowie die syrischen Golanhöhen wurden von Israel annektiert. Beides sind bis heute wesentliche Hindernisse auf dem Weg zu einer Friedenslösung. Die Gesamtzahl der palästinensischen Flüchtlinge, die in der Region teilweise noch immer in Lagern leben, liegt heute bei rund vier Millionen. Eine Eingliederung in den Staat Israel ist kaum möglich, dies würde die Juden im eigenen Land in die Minderheit bringen. Eine Aufnahme in arabische Staaten ist von diesen aus politischen Gründen nicht gewollt.

Israel ist mehrfach von der Uno aufgefordert worden, sich aus allen besetzten Gebieten zurückzuziehen, beispielsweise in den Resolutionen 242 und 466. Jerusalem lehnt dies aus zwei Gründen ab. Zum einen, so wird argumentiert, würde das Gebiet des Staates Israel durch die Rückgabe des Westjordanlandes derart schmal, dass es im Falle eines Angriffes kaum noch zu verteidigen sei. Israel lebt ohnehin unter der permanenten Bedrohung: Vor allem aus dem Gazastreifen, aber auch aus dem von der radikalislamischen Hisbollah kontrollierten Südlibanon fliegen ständig Raketen nach Israel. "Mein Land ist eine Insel. Nicht von Wasser, sondern von Hass umgeben", sagte der israelische Schriftsteller Ephraim Kishon. Zum anderen betrachtet die politisch sehr starke religiöse Rechte in Israel diese Gebiete als von Gott den Juden überantwortetes Territorium. Völkerrechtlich ist sowohl die Besetzung dieser Gebiete wie auch der Bau von jüdischen Siedlungen dort illegal. Die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu forciert aber den Bau immer neuer Siedlungen, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Netanjahu hat sich damit auch den Ärger engster Verbündeter wie den USA und Deutschland zugezogen. Seine Haltung wird als hinhaltender Widerstand bei der Umsetzung einer "Zwei-Staaten-Lösung" gewertet.

Der Nahost-Friedensprozess mit einem international vereinbarten Fahrplan, der "Road Map", liegt auf Eis. Für Israel besteht das Hauptproblem darin, dass zwar die im Westjordanland regierende palästinensische Fatah-Organisation mit ihrem Präsidenten Mahmud Abbas ein halbwegs seriöser Verhandlungspartner wäre - nicht aber deren Rivale, die im Gazastreifen herrschende, militärisch stärkere Hamas. Diese politische Gruppierung, die gleichzeitig eine radikalislamische, vom Iran unterstützte Terrororganisation ist, hegt das offizielle Ziel, den Staat Israel zu vernichten. Jede Einigung mit der Fatah wäre also wenig wert, solange die Hamas nicht der Gewalt abschwört.

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