Bürgerkrieg in Syrien

Ex-Regierungschef sieht Assad-Regime vor Zusammenbruch

Der zur Opposition übergelaufene Ex-Premier Hidschab sagte, der Kollaps des Regimes sei ein "moralischer, finanzieller und militärischer".

Amman/Aleppo. Der zur Opposition übergelaufene syrische Ex-Ministerpräsident Riad Hidschab sieht das Regime von Präsident Baschar al-Assad vor dem Zusammenbruch. Es kontrolliere nur noch 30 Prozent des Staatsgebietes, sagte Hidschab am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Amman. Es war sein erster öffentlicher Auftritt, seit er in der Vorwoche zu den Rebellen übergelaufen war und sich dann nach Jordanien abgesetzt hatte.

Der Kollaps des Regimes sei ein „moralischer, finanzieller und militärischer“, sagte Hidschab weiter. Er rief alle „ehrlichen“ Staatsbeamten und Kommandeure der Sicherheitskräfte dazu auf, sich vom Regime abzuwenden und sich der Opposition anzuschließen.

Der Sunnit Hidschab war zum Zeitpunkt seines Bruchs mit dem Assad-Regime Ministerpräsident. Das Amt hatte er erst seit zwei Monaten inne. Der Assad-Clan und die meisten Spitzen der Sicherheitskräfte gehören der alawitischen Minderheit an.

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Wegen des gewaltsamen Vorgehens gegen die Aufständischen soll Syrien aus der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) ausgeschlossen werden.

In Syrien traf die UN-Beauftragte für Nothilfen, Valerie Amos, ein. Sie wollte über Hilfen für die zwischen die Kampflinien geratene Zivilbevölkerung beraten. „Das Regime bricht zusammen, moralisch, materiell und wirtschaftlich“, sagte Hidschab beim ersten öffentlichen Auftritt seit seiner Flucht vor gut einer Woche. „Die Revolution ist ein Modell für die Mühen und Opfer zum Erreichen von Freiheit und Würde geworden.“ Hidschab, der wie die meisten Aufständischen der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit angehört, rief die Angehörigen des Militärs auf, zu desertieren und sich der Opposition anzuschließen. An die Rebellen appellierte er, sich zu einigen.

Der Ex-Regierungschef sagte weder, woher seine Informationen über die von Rebellen kontrollierten Gebiete stammen, noch ließ er Nachfragen von Journalisten zu. Unabhängige Informationen darüber gibt es so gut wie nicht. Sicher ist jedoch, dass Assads Truppen vor allem an der nördlichen und östlichen Landesgrenze Gebiete verloren haben. Hidschab gehörte nicht dem inneren Machtzirkel Assads an, sein Überlaufen bedeutete aber einen enormen symbolischen Rückschlag für Assad.

Ein weiterer Rückschlag droht dem syrischen Präsidenten bei der Konferenz islamischer Staaten in Mekka, die einen Ausschluss des Landes aus der Organisation vereinbarten. Der schiitische Iran verurteilte das Vorgehen. Dadurch blende man das Problem aus, anstelle es zu lösen, sagte Außenminister Ali Akbar Salehi. Das Treffen dürfte die Konfrontation zwischen dem Iran und den überwiegend sunnitischen Staaten verdeutlichen, die den Sturz Assads betreiben. Es wird angenommen, dass Saudi-Arabien und Katar die ebenfalls überwiegend sunnitischen Rebellen über die Türkei mit Waffen versorgen.

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In der umkämpften größten syrischen Stadt Aleppo wird derweil die Versorgung mit Lebensmitteln immer schwieriger. Ärzte im einem provisorischen Krankenhaus berichteten, einige Menschen kämen eher wegen des Hungers und weniger wegen Verletzungen und Krankheiten. Ein Mann, der eine Schussverletzung am Fuß erlitten habe, habe sich mehr um seine mitgeführten Lebensmittel gesorgt. „Er fing an zu rufen: ’Mein Essen, mein Essen, kann jemand auf meine Tomaten aufpassen’“, berichtete ein Arzt.

Das Schicksal der Zivilbevölkerung sollte auch Thema der Beratungen der UN-Beauftragen Amos mit syrischen Regierungsvertretern sein. Es darum, wie die Hilfen intensiviert werden könnten, sagte ihr Sprecher. Bislang haben Bemühungen, gesicherte Korridore für die Versorgung der Bevölkerung zu schaffen, nur selten funktioniert. Der seit 17 Monaten anhaltende Konflikt hat 1,5 Millionen Menschen zu Flüchtlingen im eigenen Land gemacht, 150.000 Syrer sind in der Türkei, Jordanien, dem Libanon und dem Irak als Flüchtlinge registriert worden. 18.000 Menschen wurden nach Oppositionsangaben getötet.

mit Material von Reuters und dpa