Bürgerkrieg in Syrien

Rebellen in Aleppo trotzen Kampfhubschraubern

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Das syrische Militär geht vehement gegen die Rebellen in der Millionenmetropole Aleppo vor. 200.000 Menschen sind auf der Flucht.

Damaskus/Kairo. Aleppo im Kriegszustand: Die syrischen Regierungstruppen haben eine Großoffensive gegen die Rebellen in der Millionenmetropole gestartet und damit international Besorgnis ausgelöst. Unterstützt von Militärjets, Kampfhubschraubern und schwerer Artillerie rückten am Sonnabend im Morgengrauen Panzer und Soldaten gegen die Stellungen der aufständischen Freien Syrischen Armee (FSA) vor.

Der Syrien-Sondervermittler Kofi Annan appellierte an die Konfliktparteien, jedes weitere Blutvergießen zu verhindern. In Jordanien, wohin sich derzeit täglich 2000 Syrer retten, öffnete ein Flüchtlingslager mit Platz für 140 000 Menschen. Gestern Abend gaben die Vereinten Nationen bekannt, dass innerhalb von 48 Stunden 200 000 Menschen aus Aleppo geflohen seien.

Allein am Sonnabend wurden nach Angaben der oppositionellen lokalen Koordinierungskomitees landesweit mindestens 160 Menschen getötet, davon mindestens 33 in Aleppo. Unter den Toten waren auch mehr als 20 Kinder. Auch aus den Provinzen Damaskus-Land, Homs, Hama, Idlib und Daraa wurden Kämpfe gemeldet. In der Ortschaft Scheich Meskin (Provinz Daraa) sollen 21 Menschen getötet worden sein. Viele von ihnen seien hingemetzelt und ihre Leichen verbrannt worden, berichteten Aktivisten.

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Mit Blick auf Aleppo berichteten die syrischen Menschenrechtsbeobachter in London von der bisher schwersten militärischen Konfrontation in Syrien seit dem Beginn der Revolte gegen Machthaber Baschar al-Assad im März 2011. Trotz der Eskalation verbuchten die Regimetruppen bis zum Sonntagnachmittag keine nennenswerten Gebietsgewinne. "Unsere Positionen sind unverändert", sagte Rebellenkommandeur Abu Omar al-Halebi.

Die Regimetruppen griffen die FSA-Stellungen das ganze Wochenende über in mehreren Bezirken Aleppos an. Dabei kamen auch Raketenwerfer und von Hubschraubern abgesetzte Luftlandetruppen zum Einsatz. Das staatliche syrische Fernsehen sprach von einer groß angelegten "Operation zur Säuberung Aleppos von bewaffneten terroristischen Gruppen".

FSA-Kommandos waren vor etwas mehr als einer Woche erstmals in Aleppo eingerückt. Die Geschäftsmetropole im Norden Syriens ist nur 50 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Die Aufständischen hatten mehrere Stadtbezirke, aber auch das Gebiet bis zur türkischen Grenze unter ihre Kontrolle gebracht.

Wegen der strategischen Bedeutung der Großstadt liegt dem Regime in Damaskus viel daran, die Rebellen von dort zu vertreiben. In den vergangenen Tagen hatte es Tausende Soldaten aus anderen Landesteilen zusammengezogen und vor Aleppo in Stellung gebracht. Aber auch die FSA verstärkte sich mit zusätzlichen Kämpfern, vor allem aus der Nachbarprovinz Idlib.

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Der syrische Außenminister Walid al-Muallim bezeichnete Israel als "Drahtzieher und führenden Provokateur" des Konflikts, wie er nach einem Treffen mit seinem iranischen Amtskollegen Ali Akbar Salehi in Teheran darlegte. Die äußeren Unterstützer der FSA, darunter Saudi-Arabien, Katar und die Türkei, sollten nicht naiv sein und glauben, dass ein Regimewechsel in Syrien einfach zu erreichen sei, pflichtete ihm Salehi bei. Der Iran ist der treueste Unterstützer des syrischen Regimes in einem Konflikt mit zunehmend überregionaler Ausstrahlung.

Die US-Regierung warnte nach einem Bericht der "Washington Post" die syrischen Rebellen davor, nach einem Sturz von Assad staatliche Institutionen und die Armee vollständig zu zerschlagen. Dies könnte zu einem Machtvakuum sowie zu Gewalt und Chaos wie im Irak nach dem Fall von Saddam Hussein 2003 führen, berichtet das Blatt unter Berufung auf namentlich nicht genannte Regierungsbeamte.

In den von den Regimetruppen verlassenen Kurdengebieten im Nordosten und Osten Syriens setzt sich indessen die in der Türkei aktive Kurden-Guerilla PKK fest. Offenbar will die von der PKK geführte syrische Kurden-Miliz PYD mit anderen kurdischen Gruppen und im Einverständnis mit der Führung um Assad einen Kurdenstaat in Nordsyrien schaffen. Im Grenzort Al-Kamischli werde eine "Regionalregierung von Nordsyrien-Kurdistan" eingesetzt, sagte der Präsident der syrisch-kurdischen Nationalversammlung, Scherkoh Abbas, dem Magazin "Focus". Für die Türkei, die die PKK als terroristische Organisation bekämpft, wäre dies nicht hinnehmbar.

Der oppositionelle Syrische Nationalrat hat Gespräche über die Bildung einer Übergangsregierung angekündigt. Ein erstes Treffen sei an diesem Dienstag in Kairo geplant. Ziel sei es, außerhalb Syriens eine Regierung zu bilden in Opposition zu dem Regime von Präsident Baschar al-Assad. Der Syrische Nationalrat wird von westlichen Diplomaten als wichtigstes Oppositionsbündnis wahrgenommen.

( (dpa/dapd) )

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