Hungersnot

Die vergessene Katastrophe am Horn von Afrika

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Wird die "kleine Regenzeit" am Horn von Afrika wieder ausfallen? Ein Katastrophen-Helfer von Plan erlebt einen Wettlauf gegen die Zeit.

Somalia. Unni Krishnan, 45, hat ein zerknittertes Maßband aus Papier nach Hamburg in die Zentrale von Plan Deutschland mitgebracht. Es hat einen weißen, einen grünen, einen gelben und einen roten Abschnitt. Der freundliche Arzt hat dieses Maßband in den letzten Wochen bei Hunderten kleiner Patienten in Äthiopien angewandt und die dünnen Oberärmchen gemessen. "Stecken Sie mal drei Finger hier durch", sagt er. Der Markierungspfeil zeigt auf den grünen Bereich. "Jetzt bitte nur noch zwei Finger." Der Pfeil zeigt auf Rot. Nur Kinder in Ostafrika, deren Oberarme den Durchmesser von zwei normal großen Fingern haben, bekommen von den Hilfswerken derzeit eine Lebensmittelration, um nicht zu verhungern.

Die Lage ist angespannt. Mit einem Spendenaufruf für die Menschen in Ostafrika hat Bundespräsident Christian Wulff jetzt die "Woche der Welthungerhilfe" gestartet. Wulff versucht, die vergessene Katastrophe wieder ins kollektive Gedächtnis zu rufen. Vor zwei Monaten war die Welt noch schockiert angesichts der Bilder aus Afrika - inzwischen verschwand die Katastrophe hinter neuen Nachrichten.

Aber am Horn von Afrika sind weiterhin mehr als 13 Millionen Menschen akut von der Hungersnot betroffen. "So viele Einwohner hat London", sagt Unni Krishnan. Die Menschen flüchten aus dem Bürgerkriegsland Somalia, vor der Dürre und vor dem Terror der radikal-islamitischen Rebellen von al-Shabaab. Sie machen sich mit Hab und Gut in sengender Hitze auf den gefährlichen Weg, oft über mehrere Hundert Kilometer, zu den Flüchtlingslagern in Kenia oder Äthiopien. Zwei Länder, die selbst von der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren betroffen sind.

Die Vereinten Nationen warnen vor einem Massensterben in Somalia. Zehntausende sind bereits verhungert. Die Uno ruft für ein Gebiet eine Hungersnot aus, wenn dort täglich mehr als zwei von 10 000 Erwachsenen oder mehr als vier von 10 000 Kindern sterben.

"Eine halbe Million Kinder, die jetzt noch gar nicht erfasst sind, sind gefährdet", sagt Unni Krishnan. Der kleine, stämmige Mann mit der hohen Stirn, dem grauen Vollbart und den wachen Augen zeigt auf seinem Laptop das Foto einer Frau in Äthiopien mit ihren zwei Jahre alten Zwillingstöchtern auf dem Arm. Die Frau hat sechs Kinder, aber nur diese beiden Mädchen waren bei der Messung im roten Bereich. Also erhalten auch nur sie die Sesampaste, die aus kleinen Tüten gelutscht wird. "Aber natürlich teilt die Mutter die Rationen unter allen ihren Kindern auf", sagt Unni Krishnan.

Er ist Katastrophenkoordinator des Kinderhilfswerks Plan International. Eine eigenartige Berufsbezeichnung für jemanden, der Medizin studiert hat, Trauma-Experte ist und sich irgendwann entschlossen hat, den Menschen auf der ganzen Welt zu helfen. 1966 kam er in Kerala zur Welt, einer Region im Südwesten Indiens, wo die Kindersterblichkeit heute, wie er nicht ohne Stolz erzählt, genauso gering ist wie in den skandinavischen Ländern. "100 Prozent der Kinder dort lernen lesen und schreiben." In einem Gebiet, das übersetzt "Land der Kokospalmen" heißt und in dem Hindus, Moslems und Christen seit Jahrhunderten friedlich zusammenleben.

Unni hat noch eine Schwester und zwei Brüder. Sein Vater arbeitete bei der Regierung, seine Mutter war Lehrerin. Er hat keine Kinder, aber seine 16-jährige Nichte, sagt er und lacht, sorge sich wie eine Mutter um ihn, wenn er mal wieder bei einer Katastrophe irgendwo auf der Welt im Einsatz ist.

Als er sein Medizinstudium beendet hatte, fragte ihn seine Mutter, warum er nicht auch, wie so viele junge indische Ärzte, nach Somalia gehe, um den Menschen dort zu helfen. Warum eigentlich nicht? "Ich musste mich entscheiden", sagt Unni. Entweder in einer Klinik in Kerala täglich 20 Patienten untersuchen. Oder als Katastrophenmediziner bis zu 500 Menschen am Tag helfen, "die hungrig und verzweifelt sind, die frieren oder im Sterben liegen". Er entschied sich dafür, "in kurzer Zeit ganz vielen Menschen zu helfen".

Seit 20 Jahren leitet Unni Krishnan weltweit Einsätze in mehr als 40 Ländern und ist nach Erdbeben, Flut- oder Hungerkatastrophen oft als einer der ersten Helfer vor Ort. Er war in Pakistan und China, in Haiti und Japan. Und immer wieder in Afrika.

Unni Krishnan ist ein Experte im Wettlauf gegen die Zeit. Das hilft ihm bei Naturkatastrophen. Die aktuelle Hungersnot in Ostafrika jedoch hätte nicht zu einem Wettlauf werden müssen, den vielleicht Hunderttausende mit ihrem Leben bezahlen. "Alle wussten schon lange, dass die Krise kommt."

Es ist eine angekündigte Katastrophe. Um das zu verstehen, hilft ein Rückblick. Vor einem Vierteljahrhundert forderte eine Hungersnot in Äthiopien und im Sudan rund eine Million Opfer. Bob Geldof organisierte daraufhin im Juli 1985 die legendären Live-Aid-Konzerte und forderte die Regierungen zum Handeln auf. Damals ließ US-Präsident Ronald Reagan das Frühwarnsystem "Famine Early Warning System" (FEWS) installieren.

Auf dessen Homepage fews.net gibt es eine Weltkarte und fünf Farbkategorien. Dunkelrot bedeutet, dass die Hungersnot (englisch: famine) katastrophal ist. Ostafrika leuchtet seit Monaten rot. Die Alarmfarbe basiert auf Daten von Klimatologen und ausgewerteten Satellitenbildern, auf Aussagen von Agrarexperten und Befragungen von Menschen vor Ort. Sogar die Ziegen werden gezählt. Gebündelt werden die Ergebnisse an 25 Länder verteilt. Jeden Monat.

Schon vor einem Jahr warnten Vertreter des Welternährungsprogramms der Uno davor, dass die "kleine Regenzeit" von Oktober bis Dezember und die Hauptregenzeit von März bis Mai in Ostafrika schwach oder gar ganz ausfallen würden. "Was Politiker und Hilfsorganisationen aus diesen Informationen machen, liegt nicht in unserer Hand", hat FEWS-Mitarbeiter Chris Hillbruner gesagt. Das Netzwerk schlug noch mehrfach Alarm und organisierte sogar Krisengipfel. Aber erst jetzt, als die ersten Bilder von Verhungerten in den Medien erschienen, hat die Welt reagiert. Wie immer mit dramatischen Aufrufen zu Spenden. Von den geforderten 2,5 Milliarden US-Dollar sind bisher erst 1,6 Milliarden zugesagt.

Dabei ist der Klimawandel mit seiner erkennbaren Tendenz zu häufigeren Dürrezeiten, gleichzeitig aber auch mehr Überschwemmungen nur einer von vielen Gründen für die Katastrophe. Gut möglich, dass es in Ostafrika erst wieder im kommenden Frühjahr regnen wird - nach dann zwei Jahren Trockenzeit. Hinzu kommen die Überbevölkerung, der Bürgerkrieg und drastisch gestiegene Lebensmittelpreise. Seit Anfang Juni ist der Reis auf den Weltmärkten um 22 Prozent teurer geworden, bis November wird ein weiterer Anstieg von 50 Prozent befürchtet.

Es ist ein unfassbarer Skandal: Während weltweit rund ein Drittel aller Lebensmittel im Müll landet, fehlen den Ärmsten sogar die Grundnahrungsmittel. Dass es da durchaus einen Zusammenhang gibt, weiß Ralf Südhoff. "Die massive Verschwendung trägt dazu bei, dass weltweit die Preise für Lebensmittel auf einem Höchststand sind", sagt der Vertreter des Uno-Welternährungsprogramms, der Kleinbauern berät, welche Pflanzen man in trockenen Gebieten anbaut. Und welche besser nicht. "Der hohe Preis von Grundnahrungsmitteln wie Mais, Weizen und Reis ist heute ein wesentlicher Faktor für Hungerkrisen", sagt Südhoff.

Hinzu kommt das Versagen der lokalen Politiker. "Die Menschen fliegen zum Mond, aber in den betroffenen Regionen gibt es nicht genug dürreresistentes Saatgut", ereifert sich Unni Krishnan. Schon längst könnten mit Bewässerungssystemen Ernten zu jeder Zeit sichergestellt werden. In Kenia gibt es gar eine Ministerin für Bewässerung. Sie muss dem Parlament gerade erklären, wo ihr 200-Millionen-Euro-Budget geblieben ist. Und sich vorhalten lassen, für das viele Geld sei kein einziger Sack Mais mehr geerntet worden.

Dabei gibt es auch in Afrika so etwas wie eine Entwicklung zum Besseren. Die Produktivität der Landwirtschaft hat sich seit den 1980er-Jahren in vielen Ländern südlich der Sahara erheblich verbessert. Sie ist im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts um durchschnittlich 2,8 Prozent gestiegen. Die Anbauflächen sind größer geworden, Landarbeiter besser ausgebildet; technischer Fortschritt, Forschungs- und Entwicklungsausgaben sind gestiegen. Bürgerkriegsjahre aber bedeuten herbe Rückschläge, in diesen Zeiten ging die Produktivität des Agrarsektors in betroffenen Ländern im Schnitt um mehr als zehn Prozent zurück.

Auch der Augenzeuge der Armut hat kleine Erfolgsgeschichten. Unni Krishnan zeigt das Bild eines Mädchens. Er hat die 14-Jährige mit dem Kanister auf dem Rücken jetzt in einem Dorf im Süden Kenias an einem Teich getroffen. Sie hat ihm erzählt, dass sie früher vier Stunden zum Wasserholen gebraucht hat - für einen Weg von 14 Kilometern. Seit einige Frauen und lokale Partner diesen Teich angelegt haben, braucht sie nur noch eine Stunde pro Gang. "Sie hat nun Zeit, um in die Schule zu gehen und lesen und schreiben zu lernen", sagt Unni Krishnan. Er hat deshalb noch eine Lösung für das "ungemein komplexe Problem", und vielleicht ist es die einzige, die irgendwann zum Ziel führt: Er will die Kinder stark machen.

Er will sie aufklären und jedem Einzelnen eine Schulbildung ermöglichen. Damit sie lernen, wie man Hygiene einhält, Brunnen bohrt, Teiche anlegt oder die richtigen Pflanzen sät. "Wir dürfen die Kinder nicht länger zu Empfängern von Spenden, wir müssen sie zu Handelnden machen", sagt er. Erst dann werde sich die Welt verändern.

Wenn er sieht, wie Kinder leiden, bricht es ihm das Herz. Dann kann er verdammt wütend werden. "Ich bin nicht wütend, weil Dinge nicht möglich sind", sagt er. "Ich bin wütend, weil sie möglich sind und nicht gemacht werden." Wenn im 20. Jahrhundert Millionen Menschen auf Wolken und Regen warten, nur um zu überleben, sei das inakzeptabel. Verzweifeln lässt ihn das Eilen von Katastrophe zu Katastrophe aber nicht. "Natürlich sind unsere Mittel begrenzt, und manchmal kommt man auch körperlich an seine Grenzen." Aber er sieht auch täglich, was seine Arbeit bewirkt. Wie Menschen mit etwas Mehl, Wasser und Öl überleben. Wie sie ihr Lachen wiederfinden.

925 Millionen Menschen auf der Welt hungern, 98 Prozent davon leben in Entwicklungsländern. "Wenn sie alle in einem Land leben würden, wäre es das drittgrößte auf der Erde", sagt Krishnan. Gleich zu Beginn hat er gesagt, dass jedes Jahr rund fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren an Hunger sterben. 14 000 kleine Kinder pro Tag. "Wenn wir eine Stunde für dieses Interview brauchen, werden 580 Kinder gestorben sein."

Wir haben zwei Stunden geredet.