Bohrinsel "Deepwater Horizon"

Ein Jahr nach der Explosion: Leben mit dem Öl

Vor einem Jahr explodierte die BP-Bohrinsel "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko. Rund 800 Millionen Liter Öl verseuchten die US-Küste.

Wenn der Mann, der nach dem "Great Oil Spill" vom 20. April 2010 der Beleidigung der Leute von Louisiana Gesicht und Stimme gab, vor dem ersten Jahrestag Hof hält, reißt sich die Weltpresse um Sitze. William Harold "Billy" Nungesser, 52, Landrat des Kreises Plaquemines mit dem Amtstitel eines Parish President, schaut mit derselben Empörung auf Amerikas größte Umweltkatastrophe wie damals. Seine Wähler lieben es, wenn er hohe Bundesbeamte auffordert, ihn am "Arsch zu lecken".

Oder wenn er den Krieg gegen BP, die US-Küstenwache und die Bundesregierung erklärt. "Die größte Schlacht haben wir gegen diese drei geführt", sagt er in seinem Büro, "nicht gegen das Öl ... wir stehen allein gegen den Rest der Welt." Billy Nungesser ist eine amerikanische Berühmtheit. Er ist die Stimme der Zum-Schweigen-Gebrachten, und er enttäuscht niemals.

Jahrestage von Desastern sind Todestage. Die Explosion auf der Förderplattform "Deepwater Horizon" brachte elf Ölmännern den Tod und drohte den Golf von Mexiko samt allem Getier zu ersticken. Anfang April kam eine Studie im "New England Journal of Medicine" zu dem Schluss, dass die gesundheitlichen Folgen der Ölkatastrophe, durch Verbrennen, Absaugen und das Versprühen chemischer Lösungsmittel, für die Seelen der Menschen schlimmer waren als für ihre Körper. Mit Ausnahme der Arbeiter, die den Dämpfen des frisch ausgetretenen Öls auf dem Meer ausgesetzt waren (bei ihnen seien Langzeitschäden möglich), klagen die Betroffenen über Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit sowie andere typische Stress- und Angstsymptome. Was sie am meisten fürchten, ist Furcht selbst.

Es heißt, die Spekulation über die lange geheim gehaltene Zusammensetzung des Lösungsmittels Corexit, von dem etwa 3,7 Millionen Liter mit Flugzeugen über dem Ölteppich versprüht wurden, habe mehr Schaden angerichtet als das Zeug selbst. Zwar wird das Mittel außerhalb der USA nicht zur Bekämpfung von Ölteppichen verwandt. Doch stellte sich inzwischen heraus, dass Corexit vor allem einen ziemlich harmlosen Stoff enthält: ein Abführmittel. Das US-Institut für Umwelt und Gesundheit hat eine auf zehn Jahre angelegte Untersuchung derer eingeleitet, die an der Bekämpfung des Öls beteiligt waren: auf dem Höhepunkt der Aktion fast 47 000 Menschen.

Billy Nungesser glaubt kein Wort von solchen Zusagen. Er erinnert an all die gebrochenen Versprechen Amerikas gegenüber seinen Helden: An die Vietnam-Veteranen, denen Agent Orange das Überleben ruinierte; die legionärskranken Heimkehrer aus dem ersten Golfkrieg; die Ground-Zero-Arbeiter nach "9/11", sie alle wurden getäuscht. "Mein Vater war bei der Marineinfanterie", schnaubt Nungesser, "wie können wir diese Männer im Stich lassen? Warum wurden unsere Clean-up-Arbeiter nicht von Anfang an gründlich untersucht?" Man sagt, es habe ein halbes Jahr gebraucht, um die Finanzierung dafür sicherzustellen. Die von BP zugesagten 500 Millionen Dollar, Fördermittel, um die sich Erforscher der Ölkatastrophe bewerben können, sind ihm ebenso willkommen wie suspekt. BP soll zahlen: "Aber kann man den Ergebnissen von BP-finanzierter Forschung trauen?" Die routinierte Empörung des Populisten Nungesser ist nicht stringent. Er schwärmt von den Meeresfrüchten von der Küste: "Die Qualität ist gut, es gibt mehr davon denn je - ich esse sie. Aber weiß irgendjemand genau, ob ihr Genuss auf Dauer okay ist?"

Mit Vorsicht genießen sollten Leser und Zuschauer in diesen Tagen auch jeden Bericht zum Jahrestag des "Great Oil Spill", der zu klaren Aussagen über den Zustand der Golfküste und ihrer Menschen kommt. Wer behauptet, er wisse, dass BP die Fischer, die Küstenwache, die Umweltbehörde und Barack Obama manipuliert, an Fäden geführt, wie Narren über den Tisch gezogen hat, sagt die Unwahrheit. Ebenso wie jener, der behauptet, Beweise zu haben für die Verschwörung von BP, Küstenwache und Washington gegen die Fischer, alle Leute von Louisiana, den ganzen Süden der USA. Man weiß weder, ob 795 Millionen Liter Öl austraten (oder viel mehr, oder weit weniger), noch, ob das Meeresgetier gesund ist. Nicht einmal, ob meilengroße Ölwolken durch den Golf ziehen oder ob sie auf den Grund sinken und dort Leben ersticken, ist unumstritten. Die Verwirrung der Urteile, Auskünfte, Agenden stiftet Misstrauen und Furcht.

Zu dem wenigen, das sicher ist, zählt an erster Stelle, dass BP auf fahrlässige Weise Profit über Sicherheit gestellt hat; unter den Tausenden von Klagen und Anzeigen ragen die Prozesse heraus, die das US-Justizministerium wegen fahrlässiger Tötung anstrengen wird. BP könnte mit Bußgeldern und Schadensersatz am Ende 40 Milliarden Dollar für seinen Geiz bezahlen. Im Juli will der Konzern wieder an zehn Bohrstellen im Golf von Mexiko Öl fördern, mit strengeren Sicherheitsauflagen, versteht sich. Die US-Küstenwache zeigte laut einer dieser Tage veröffentlichten Mea-culpa-Untersuchung "Selbstgefälligkeit" und "schwere Unzulänglichkeiten" in ihren Einsatzplänen für einen Ölunfall im Golf. Im Grunde hatte sie keinen Plan. Die Bundesaufsichtsbehörde über die Ölindustrie war ein mit Korruption und Unfähigkeit gewürzter übler Scherz. Diese niederschmetternden Befunde klären nicht, wie die Dinge heute stehen.

Der geschundene Golf von Mexiko, das wertvollste und empfindlichste Ökosystem der USA, hat schwer gelitten und erweist sich als erstaunlich robust. Edward Overton, emeritierter Professor für Umweltstudien an der staatlichen Louisiana University in Baton Rouge, ist ein Sachkenner, der weder beschönigt noch in Es-ist-das-Ende-der-Welt-Geheul ausbricht. Im vergangenen Sommer gab es Tage, da fürchtete seine Frau um sein Leben. Radikale Umweltschützer erkannten in ihm, der seit 1977 Ölunfälle in aller Welt analysiert, einen Agenten BPs oder mindestens der Bundesbehörden. Sie wollten partout beweisen, dass Overton korrupt war. Was ihnen nicht gelang.

Der Staat Louisiana erklärte Edward Overton 2010 dankbar zum "Kommunikator des Jahres". Er verlieh dem Kampf gegen das Öl das akademische Gesicht wie Nungesser ihm das lokalpolitische gab; er fühlte sich verpflichtet. Einen Monat vor dem Jahrestag hat Overton die Küste abgeflogen, und er war erleichtert von dem Grün, das nachgewachsen ist, wo totes Gras war. Er hatte Schlimmeres erwartet, auch wenn nur zehn Prozent der Marschen betroffen waren und das Öl selten mehr als zehn Meter durch den Bewuchs vordrang. "Zu viele Leute, die zu wenig von Ölunfällen verstehen, haben im vergangenen Sommer zu viel Unsinn verbreitet." Zum Beispiel die Mär, sagt Overton, dass Öl, das leichter als Wasser ist, massenhaft auf den Meeresboden gesunken sei. Dies könne physikalisch nur geschehen, wenn das Öl sich auf schwerere Materie lege, etwa Bohrschlamm, der (vergeblich) zum Stopfen der Quelle verwendet wurde. Rund eine Meile um das Bohrloch könne das sein. Aber nicht Hunderte Kilometer entfernt.

"Auch die von manchen hervorgerufene Vorstellung, durch den Golf trieben gigantische Wolken schwarzen, schweren Öls, ist absurd." Es zählt zu den glücklichen Umständen in dem ganzen Unglück, dass das Öl leicht war und deshalb relativ leicht von Mikroben abzubauen. Edward Overton verteidigt auch den Einsatz der Sprühflugzeuge. "Ein Flugzeug kann an einem Tag 20 Seemeilen eines Ölteppichs bearbeiten, Schiffe, die Öl einfangen, um es zu verbrennen, vielleicht zwei." Solange das Lösungsmittel fern des Ufers und über Wassertiefen von mindestens zehn Metern gesprüht würden, verbreite es eine Menge mehr Gutes als Böses.

Auf der Spurensuche zum Jahrestag des "Great Oil Spill" haben wir neben Nungesser und Overton zwei andere Zeugen befragt, die uns Anfang Mai 2010 zum ersten Mal begegneten. Darren Angelo und Matt OBrien, der seinen Shrimpgroßhandel in Venice, an der Südspitze der Paquemines-Landzunge, hatte eröffnen wollen und den Ölunfall so unübersetzbar verfluchtete wie keiner seiner (künftigen) Fischer-Kunden. Damals war Matt verzweifelt. Ein Jahr danach kann er berichten, dass der Imageschaden von Fisch und Meeresfrüchten aus dem Golf enorm ist. Aber er hat 150 Fischer für sich gewonnen, die ihm Shrimps verkaufen. Und die Shrimps seien gut, und es gebe mehr davon, als er zu hoffen gewagt hatte. Nun müssen nur noch die Restaurants und deren Klientel kapieren, dass seine Ware nicht verseucht ist mit Öl oder Lösungschemikalien: "Verdammt, es wird ihnen kein Pimmel auf der Stirn wachsen." Er ist ein Bär von einem Mann, den man für seinen Unternehmergeist bewundern muss wie für seine fantasievollen Flüche. Er glaubt, dass Umweltschützer die Fische mehr lieben als Fischer; er genießt, dass seine vietnamesischen Großhandelskonkurrenten ihn hassen, weil er den Fischern etwas mehr zahlt; er weiß, dass sie noch einmal davongekommen sind: "Wir sind unter der Kugel weggetaucht."

Manche Fischer hätten von BP für Bootsmieten Unsummen kassiert, obwohl sie ihren Anlegeplatz nie verließen. Solidarität gibt es nicht mehr, wenn es sie je gab. Dafür gibt es reichlich Neid und üble Nachreden. Manche Fischer haben ihren Schadensersatz in einer Woche verspielt und verhurt, andere haben es in Ausrüstung investiert. Manche gingen leer aus.

Darren Angelo, einer der reicheren Fischer, verstrickt sich in Widersprüchen. Er raunt von einer Verschwörung, BP, Küstenwache und Regierung gegen alle und andere. Seine Geschichten klingen nach Mafia; bei einem Einbruch in sein Haus verschwanden nur Dokumente zum "Oil Spill" aus seinem Büro, teurer Schmuck, seine Rolex und eine wertvolle Waffensammlung blieben unberührt. Darren glaubt nicht an Zufälle. Aber er will damit auch nicht an die amerikanische Öffentlichkeit gehen. Vielleicht eines Tages.

Später sendet uns Darren eine Computerliste, in der BP-Zahlungen aus den ersten drei Wochen nach dem Unglück verzeichnet sind. Manche bekamen Hunderttausende Dollar. Gegen welche Belege oder Hochrechnungen, ist schleierhaft. Darren hat einige Monate für Billy Nungesser gearbeitet, bis sein Vertrag nicht verlängert wurde. Doch er steht auf gutem Fuß mit Billy, der große politische Pläne hat. Um das zweithöchste Amt des Staates Louisiana, Lieutenant Governor, will er sich bewerben. Darren Angelo wäre der perfekte Umweltbeauftragte, er kennt die Ölbranche, die Fischer und die Marschen wie nur wenige. Einmal, erzählte Darren, habe es in einem Hotel in der Canal Street zu New Orleans ein Geheimtreffen von Billy Nungesser und BP-Typen gegeben. 72 Stunden lang, Bodyguards vor der Tür. Sollte Nungessers Schweigen erkauft werden? Mehr will Darren Angelo nicht sagen. Hätte BP versucht, den Landrat zu bestechen, wären sie zu geizig gewesen. Oder Billy Nungesser zu redlich. Er blieb laut und aggressiv. Am zweiten Jahrestag des "Great Oil Spill" wissen wir, wie die Geschichte weiterging.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.