Nach Plagiatsaffäre

Pal Schmitt schrieb auch bei Hamburger Professor ab

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Ungarns Staatspräsident Pal Schmitt tritt wegen der Plagiatsaffäre zurück. Am Ende ließ ihn auch der Regierungschef Viktor Orban fallen.

Budapest. Er kämpfte bis zum Schluss um das höchste Staatsamt. Doch dann ließ die sonst so gefügige Fraktion der rechten Regierungspartei Fidesz (Bund Junger Demokraten) den ungarischen Präsidenten Pal Schmitt fallen. Selbst sein Förderer, der sonst allmächtig scheinende rechtskonservative Ministerpräsident Viktor Orban, machte ihm achselzuckend klar, dass er nichts mehr für ihn tun könne. So reichte Schmitt gestern schließlich den Rücktritt ein und ersparte dem Land weitere quälende Diskussionen.

Als Sportler war Pal Schmitt mit Fair Play vertraut. In der akademischen Welt nahm er die Regeln von Kollegialität und Ethos offenbar nicht ganz so genau: In großen Teilen seiner Doktorarbeit kupferte der ungarische Staatspräsident nach Erkenntnissen eines Untersuchungsausschusses ab. Der ehemalige Olympiasieger im Mannschaftsfechten stand mit seiner Wahrnehmung längst isoliert da. Was ihm als sportlicher Kampfgeist erschien, war für die Außenwelt schon lange eine unwürdige Übung, die sich in Kleinreden von schweren, längst erwiesenen Plagiatsvorwürfen erschöpfte. "Mein Gewissen ist rein", meinte der Mann, der mindestens 197 Seiten seiner 215 Seiten umfassenden Dissertation über die Geschichte der olympischen Bewegung aus dem Jahr 1992 von anderen Autoren abgeschrieben hatte. Auch Ungarn hat jetzt seine Causa Guttenberg.

+++ Präsident schrieb auch bei Hamburger Professor ab +++

Doktorväter und Prüfkommission seiner damaligen Universität hätten keine Einwände erhoben, verteidigte sich Schmitt. Hätte er tatsächlich die ihm zur Last gelegten Sünden begangen, dann hätte er selbst keine Schuld daran, erklärte der Präsident noch, bevor er den befreienden Satz aussprach: "Ich gebe mein Mandat zurück."

Den von Orban geführten Fidesz betrachten viele Kritiker in Ungarn als einen Kasernenhof, in dem eiserne Disziplin herrscht, in dem der Oberkommandierende die Anweisungen über eine klar definierte Befehlskette ausgibt. Bis zum Wochenende hielt Orban an Schmitt fest, den er 2010 ins Amt gehievt hatte und der ihm als williger Gegenzeichner zahlloser fragwürdiger Gesetze unschätzbare Dienste erwiesen hatte. Die neue Verfassung und die umstrittenen Gesetze der Regierung, die auch im Ausland als Einschränkung demokratischer Prinzipien wie der Pressefreiheit und der Unabhängigkeit der Justiz kritisiert wurden, unterzeichnete er wie erwartet.

Bereits Mitte Januar berichtete das ungarische Nachrichtenportal "hvg.hu" darüber, dass 180 Seiten der Dissertation Schmitts von der Arbeit eines bulgarischen Wissenschaftlers Nikolai Georgiev stammten. Weitere 17 Seiten soll der Präsident von dem früheren Hamburger Professor Klaus Heinemann kopiert haben, ohne Quellennachweis. Der Titel des Aufsatzes von Heinemann, "The Economics of Sport" (1991), taucht nicht als Fußnote auf, doch die 17 Seiten sollen von Schmitt Wort für Wort übersetzt und übernommen worden sein. Nur im Literaturverweis am Ende der Arbeit soll ein Buch von Heinemann angeführt sein. Heinemann arbeitete seit Anfang der 1980er-Jahre am Institut für Soziologie in Hamburg, das er auch mehrere Jahre leitete. Allerdings arbeitet Heinemann bereits seit Jahren nicht mehr an der Hamburger Universität. Zurzeit lehrt er als Gastprofessor in Santiago de Chile. Heinemann nahm bisher nicht Stellung zu den Vorwürfen gegen Schmitt.

Der trat nun als Präsident doch zurück, nachdem die moralische Krise um ihn unerträglich wurde. Und es geschah im Kasernenhof des autoritär regierenden Orban bisher Unerhörtes: Die Parteisoldaten begannen zu murren, sogar ihre Stimme zu erheben.

Vor allem Journalisten der zum Fidesz-Geschäftsimperium gehörenden Medien wollten sich nicht mehr an die vorgegebene Linie halten. "Nur wenn Pal Schmitt zurücktritt, werden das öffentliche Leben und die politische Kultur jenen Weg beschreiten können, der dem heute noch vorherrschenden Bild eines Landes ohne Konsequenzen ein Ende bereitet", schrieben vier führende Fidesz-nahe Internetportale am Wochenende in einem Posting.

Aber auch das akademische Umfeld der Partei rebellierte. Nicht zuletzt besteht der Senat der Budapester Semmelweis-Universität, der am Donnerstag Schmitt den Doktortitel entzog, mehrheitlich aus konservativ gesonnenen Professoren. Doch der Ruf ihrer Alma Mater war ihnen in diesem Fall wichtiger als die Loyalität zu einem Akteur des eigenen politischen Lagers.

Für Orban ist das ruhmlose politische Ende Schmitts ein Warnzeichen. Zum ersten Mal musste er jemanden fallen lassen, dessen einzige Qualität darin bestand, seinen politischen Machtambitionen rückhaltlos zu dienen. Beobachter verweisen auf Schlüsselfiguren in Orbans Regierung wie den Wirtschaftsminister György Matolcsy, den strammen Kämpfer gegen Multis und IWF, oder die Unterrichts-Staatssekretärin Rozsa Hoffmann, die das Schulsystem auf einen nationalistisch-klerikalen Kurs zwingt. Sie sind ähnlich umstritten wie Schmitt, genießen aber Orbans vorbehaltloses Vertrauen.

Plagiate und unrechtmäßig erworbene Doktortitel brachten in Deutschland unlängst den ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zu Fall.

( (cu/ryb/dpa) )