Koalitionspoker in Belgien könnte Monate dauern

Der Wahlsieger und flämische Separatist Bart De Wever umwirbt die Sozialisten

Brüssel. Belgien steht nach dem Sieg der flämischen Nationalisten bei der Parlamentswahl vor einer schwierigen Regierungsbildung. Der Wahlgewinner und Separatist Bart De Wever von der Neu-Flämischen Allianz (N-VA) erläuterte gestern Staatsoberhaupt König Albert II. seine Pläne. Der 39-Jährige will laut Medienberichten nicht selbst Premierminister werden und den Spitzenposten einem Französischsprachigen überlassen - wahrscheinlich Elio Di Rupo von den Sozialisten (PS).

De Wever dürfte im Gegenzug Zugeständnisse für eine Staatsreform fordern. Konflikte sind programmiert, denn die N-VA tritt offen für einen selbstständigen Staat Flandern ein.

Bei den vorgezogenen Wahlen am Sonntag hatten die Sozialisten im französischsprachigen Wallonien kräftig dazugewonnen und sind nun die zweitstärkste Kraft im Land - zusammen mit den flämischen Sozialisten sogar die stärkste. De Wever sprach bereits mit seinem möglichen Partner Di Rupo und gab sich dabei versöhnlich: "Ich reiche den Frankophonen die Hand ...", sagte er. "Wir haben nun eine Ahnung von der Verantwortung, die wir als Partei übernehmen müssen."

De Wever will über den Sommer ausloten, ob eine Regierung gebildet werden kann. Falls sich Nationalisten und Sozialisten nicht zusammenraufen können, drohen Neuwahlen und eine Spaltung des Landes. N-VA und Sozialisten haben zusammen ein gutes Drittel der Sitze im neuen Parlament und müssen Partner finden, um eine Regierungsmehrheit zu bilden. Der Koalitionspoker könnte Wochen oder Monate dauern und das Land noch tiefer in die Krise stürzen. Aufgrund der Parteienkonstellation sind mindestens neun unterschiedliche Koalitionen denkbar.

Sorgen gibt es wegen der hohen Staatsverschuldung, die 100 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht. Manche Experten fürchten, dass Belgien mit seinen gut zehn Millionen Einwohnern in eine Schuldenkrise geraten und zum "Griechenland des Nordens" werden könnte. Am 1. Juli übernimmt das Land die EU-Ratspräsidentschaft.