Sri Lanka: Minikredite aus der Hansestadt

Hamburger Starthilfe für ein neues Leben

25 Jahre tobte in Sri Lanka Bürgerkrieg. Den Frieden müssen jetzt vor allem die Frauen gewinnen. Mit Minikrediten aus der Hansestadt bauen sich viele einen kleinen Betrieb auf. Bernd Schiller beschreibt, wie viel Glück für nur 100 Euro zu haben ist.

Eine Hütte, zwei Zimmerchen nur. In dem einen schlafen ihre Söhne, elf und 18, in dem anderen steht ihr Bett, daneben täuschen zwei Sessel etwas Wohlstand vor. Das Häuschen ist mit Wellblech gedeckt, im Garten wuchern Palmen, Jasmin und bunte Tropenblumen. Der Strand, der den Fischern gehört und noch nicht den Urlaubern, ist ganz nah, man hört das Meer.

Das ist die überschaubare Welt von Swarna d'Alwis (36), Näherin von Beruf. Sie könnte sich auch Designerin nennen, denn sie entwirft selber die Muster der Sets und Kissenhüllen, der Decken und Wandbilder, die sie bestickt. Aber so ein Begriff ist der bescheidenen und stillen Frau völlig fremd. Oberflächlich betrachtet wirkt ihre Welt im Dorf Ahangama, tief im Süden Sri Lankas, heil und hell, geradezu idyllisch.

Swarna ist Witwe, Kriegerwitwe. Ihr steht von Amts wegen eine monatliche Rente von knapp 20 Euro zu, aber mehrmals im Jahr bleibt die Überweisung einfach aus. Keiner weiß warum, Swarna am allerwenigsten. Bis heute hat ihr übrigens auch niemand gesagt, wann genau und wo ihr Mann, der Corporal Gihan d'Alwis, in dem schmutzigen Bürgerkrieg gefallen ist, der vor ein paar Monaten, im Mai 2009, nach über 25 Jahren mit dem Sieg der Regierungstruppen über die tamilischen Rebellen zu Ende gegangen ist.

Lange Zeit hat sie sich mühsam durchschlagen müssen, wie so viele allein stehende Frauen, die meistens auch Mütter waren und sind. Ihre kurzfristigen Jobs - hier ein bisschen putzen, dort für ein paar Rupien auf dem Bau schuften - haben selten gereicht, um zum täglichen Currygericht neben Gemüse auch mal Fleisch oder Fisch auf den Tisch zu bringen. Aber seit einem Jahr schaut Swarma optimistisch in die Zukunft: "Mein Leben hat wieder einen Sinn", sagt sie dankbar und zugleich voller Stolz. Und daran hat eine kleine Gruppe engagierter Hamburger maßgeblich mitgewirkt.

Spontan hatte sich nach dem Tsunami 2004 ein gutes Dutzend Kenner und Liebhaber der Insel zusammengefunden. Zunächst ging es um die Linderung der ersten Not nach der Flutkatastrophe. Daraus entstand schon bald der Sri Lanka Verein Hamburg. Mit Kleinstkrediten ermöglicht er Hunderten Frauen vor Ort, die ohne eigene Schuld in eine schier hoffnungslose Lage gekommen waren, den Aufbau eines Geschäfts, einer Werkstatt, kurz: einer selbstbestimmten Existenz. Vorbild ist das Konzept des bengalischen Bankiers Muhammad Yunus, der dafür 2006 den Friedensnobelpreis bekam.

Die Hamburger Vorsitzende Inga Bethke-Brenken, eine pensionierte Lehrertrainerin, hatte Yunus' Buch gelesen, in dem er unter dem Titel "Die Armut besiegen" sein ebenso einfaches wie wirkungsvolles Prinzip geschildert hatte: sogenannte Mikro-Kredite ohne Sicherheiten vergeben, jeweils etwa 100 Euro im Jahr. Starthilfe für Menschen, die ganz unten sind, denen keine Bank Geld leihen würde, die bis dahin oft von Wucherern abhängig waren.

"Ich hatte keine Mühe, unsere Mitglieder zu motivieren", erinnert sich Inga Bethke-Brenken, "das war es, was wir wollten: sinnvolle Hilfe zur Selbsthilfe." Ihr Stellvertreter Jan Hennings, von Haus aus ein eher nüchterner Versicherungsexperte, war sowieso seit seiner ersten Tropenreise vor zehn Jahren von der Insel so fasziniert, dass er, wie andere Vereinsmitglieder auch, immer wieder in seinem Urlaub nach effizienten Hilfsmöglichkeiten für die Ärmsten der Armen sucht.

Vor allem Frauen haben sich seither im Süden Sri Lankas mit Hamburger Hilfe eine bescheidene Existenz aufbauen können.

Sie züchten Pilze, nähen Moskitonetze, betreiben kleine Geschäfte. "Monat für Monat", sagt Jan Hennings, "zahlen sie korrekt ihre Zinsen, etwa zehn Prozent, und schon nach dem ersten Jahr konnten fast alle den gesamten Kredit zurückzahlen." Sheela zum Beispiel, 52-jährige Mutter von sieben Kindern. Sie bastelt bunt geschmückte Taschen und Etuis aus Kokosfasern. Auch bei ihr genügten 100 Euro Starthilfe, um Rohstoff zu kaufen und ein kleines "Atelier" einzurichten. Sie hatte beim Tsunami ihr Haus und ihren Arbeitsplatz in einem Hotel verloren. Eines Tages war auch ihr Mann einfach weggeblieben, von einem auf den anderen Tag.

Oder Tamara (39). Ihr Mann, ein Trinker, hatte ihr vor ein paar Jahren mit heißem Öl die Arme verbrüht. Nur ihre Kinder hielten sie davon ab, in den Selbstmord zu flüchten. Mit dem Kleinkredit des Sri Lanka Vereins konnte sich die gelernte Schneiderin eine Werkstatt einrichten und Stoff kaufen. Jetzt näht sie Uniformen für die Kinder benachbarter Schulen und Horte. Und im Nachbardorf hat sich Shanti, Besitzerin eines Tante-Emma-Ladens, zwei kleine elektrische Mühlen für Getreide kaufen können. Mit Stringhoppers, einem beliebten Reismehl-Snack, hat sie sich eine Marktnische bei jungen Leuten erobert. Sie alle sind stolz auf das Erreichte, sie alle können sich vorstellen, mit einem weiteren Kredit ihr Geschäft auszubauen.

Vor einem Jahr hatte Ashoka Opatha einen Hinweis auf Swarna, die Kriegerwitwe, bekommen. Opatha ist Leiter einer Berufsschule in der benachbarten Großstadt Galle und ehrenamtlich der Verbindungsmann einer Organisation, die sich "Zentrum für kreative Antworten und Ratschläge" nennt. Dieses Zentrum, abgekürzt CCRC, ist vor Ort die Partner-Organisation des Hamburger Sri Lanka Vereins.

Der Bürgermeister von Ahangama hatte den Lehrer auf Swarna aufmerksam gemacht. "Nach dem Tode ihres Mannes hat Swarna ihr kreatives Talent zwar schon früh erkannt, aber wovon sollte sie Material kaufen, wie sollte daraus ein Geschäft werden, mit dem sie sich und ihre Kinder durchbringen könnte? Der Kleinkredit hat ihr geholfen, sich aus der Hoffnungslosigkeit zu befreien." Der Erfolg ist sichtbar: Ihre Produkte zieren die meisten Hütten und Häuser in der Nachbarschaft und sogar in den Dörfern der Umgebung.

Zu Besuch bei der Kriegerwitwe ist diesmal auch Vijaya Lathumi aus Colombo angereist, eine warmherzige, zurückhaltende Frau. Sie koordiniert für CCRC alle Projekte, und sie leitet die Spendengelder aus Hamburg an die Frauen in den Dörfern weiter. Als Swarna beim Blick auf das Bild ihres gefallenen Mannes zu weinen beginnt, streichelt ihr Vijaya sanft über den Rücken. Sie ist Tamilin, Angehörige jener Volksgruppe also, gegen die der Staat mehr als 25 Jahre lang Krieg geführt hat.

Nicht überall ist das uralte Misstrauen zwischen den beiden großen Volksgruppen der Einsicht gewichen, dass es nur miteinander und nicht länger gegeneinander geht. Zu frisch sind die Wunden des Krieges, zu nachhaltig hat sich der Konflikt in den Herzen und Köpfen auf beiden Seiten verfestigt. Und doch muss, will die Insel nicht erneut im Elend versinken, nach dem Krieg jetzt endlich auch der Frieden gewonnen werden.

Am heutigen Dienstag werden dafür die Weichen gestellt. Präsident Mahinda Rajapakse, ein umstrittener Populist, der sich als maßgeblicher Sieger über die tamilische Rebellenorganisation LTTE feiern lässt, will sich seine Rolle als Volksheld in vorgezogenen Neuwahlen bestätigen lassen. Swarna, die Näherin aus dem Dorf Ahangama, wird ihn wählen. Rajapakses Foto hängt bei ihr an der Wand, zwei Meter entfernt vom Bild ihres Mannes, das sie mit einer Blumengirlande geschmückt hat. Sie und ihre Nachbarn im Dorf sehen in Rajapakse vor allem den Mann, der den Krieg beendet hat, diesen Krieg, den sie alle so satthatten. Seine Vetternwirtschaft nehmen die Armen hin, weil es auch bei den Vorgängern nicht viel anders war. Die Zeitungen sind ohnehin zensiert, das Fernsehen bringt alles, Musik, Seifenopern, Sport, nur keine regierungskritischen Sendungen.

Dafür hat sich in den Flüchtlingslagern die Situation inzwischen entspannt. Immerhin zwei Drittel der ursprünglich über 300 000 Vertriebenen sind in ihre Dörfer zurückgekehrt, allerdings meistens ins Nichts, denn was der Tsunami dort nicht zerstört hatte, wurde in den letzten Monaten des Bürgerkriegs zerschossen und zerbombt.

Die Rückkehrer bekommen deshalb Werkzeug, Holz und anderes Baumaterial in die Hand, größtenteils von Deutschland finanziert. Es ist beeindruckend, mit welchem Aufbauwillen die Menschen, die alles verloren haben, wieder zupacken. Sie wollen endlich auch im Norden und Osten der Insel, wie die Frauen in den Dörfern des Südens, das Elend hinter sich lassen.

Im Café Breitengrad in Altona, dem einzigen Restaurant in Hamburg mit traditioneller Ceylonküche, brüten einmal im Monat die Vereinsmitglieder neue Projekte aus. So ist gerade die Unterstützung für ein Gesundheitszentrum in Galle angelaufen, in dem behinderte Kinder behandelt werden. Der Sri Lanka Verein finanziert zwei Physiotherapeuten, unterstützt von der Hamburger Stiftung Asienbrücke. Auch diese Organisation, die der frühere Michel-Pastor Helge Adolphsen leitet, kümmert sich um Hilfsprojekte auf der schwer geprüften Tropeninsel.

Dort haben indes die Astrologen, die jeden wichtigen Termin bestimmen und deren prominenteste Vertreter sich monatelang geziert haben, den Tag für die Präsidentenwahl festzulegen, wieder gut zu tun. Denn es wird neuerdings so oft geheiratet wie seit Jahrzehnten nicht mehr, ein hoffnungsvolles Zeichen. Und selbst die ganz Armen würden nie zu einem solchen Fest einladen, bevor nicht der Dorfweise in den Sternen das ideale Datum gefunden hat. Auch "unsere Frauen", wie Inga Bethke-Brenken ihre Kreditnehmerinnen, nennt, profitieren vom Hochzeitstrend.

Tamara zum Beispiel, die früher so verhärmte Frau mit den Narben auf dem Arm und auf der Seele, näht fast jede Woche ein Brautkleid. Und Hasheri im Stranddorf Koggala schmückt alle paar Tage eine Weddingparty mit ihren großen Kunstblumen, rote Rosen sind dabei am meisten gefragt. Sie hat ihren Kredit in Material investiert, Seide, Plastik und riesige bunt bemalte Zimtstangen. Auch Swarnas Sohn, bald 19 Jahre alt, geht auf Freiersfüßen. Seine Mutter, die Kriegerwitwe, muss schon wieder weinen, wenn sie das erzählt. Diesmal aber sind es Freudentränen.