Leichte Entspannung in Griechenland

Landesweiter Streik löst Krawalle ab

Nach den beispiellosen Krawallen der vergangenen Tage hat sich die Lage in Griechenland am Mittwoch leicht entspannt. Allerdings lähmte ein - schon länger angekündigter - landesweiter Streik das öffentliche Leben und brachte den Flugverkehr für 24 Stunden zum Erliegen.

Athen. Zwar kam es in der Nacht und im Laufe des Tages im Zentrum Athens wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, doch in weit geringerem Maße als in den Vortagen. Das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche des Landes, Erzbischof Ieronymos II., rief am Mittwochabend alle Griechen zur Eintracht auf. Zur Überwindung der Krise müssten alle, Kirche, Politiker, Gewerkschaften und Bürger zusammenarbeiten, sagte der Erzbischof.

Unterdessen erklärte der Rechtsanwalt des griechischen Polizisten, aus dessen Waffe der tödliche Schuss auf einen 15-jährigen Jungen abgegeben worden war, die ballistische Untersuchung der Kugel entlaste seinen Klienten. "Die Untersuchung spricht für meinen Mandanten", sagte der Rechtsanwalt des mutmaßlichen Schützen. Die tödliche Kugel sei ein Querschläger gewesen, meinte der Rechtsanwalt. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür nicht. Der Tod des Jugendlichen hatte die tagelangen Krawalle ausgelöst.

Der 37-jährige Polizist hatte seit Samstag mehrmals ausgesagt, er habe drei Warnschüsse abgefeuert; das Opfer sei von einem Querschläger getroffen worden. Er hofft nun, nicht wegen Totschlags oder Mord, sondern nur wegen fahrlässiger Tötung belangt zu werden. Einem 31-jährigen Polizei-Kollegen wird bislang Beihilfe zum Totschlag vorgeworfen.

Am Mittwochnachmittag wurden die beiden Polizisten, die sich in Untersuchungshaft befinden, dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Die Aussagen sollten mehrere Stunden dauern, berichtete das Staatsradio weiter. An der Straße, wo der 15-Jährige Alexandros Grigoropoulos getötet wurde, hatten Passanten Dutzende Zettel mit Sprüchen wie "Gute Reise Alex. Wir werden Dich nie vergessen", an die Wand geklebt.

Im Zentrum Athens waren am Mittwoch die meisten zerstörten Geschäfte mit Wellblech provisorisch gesichert. Andere Ladenbesitzer versuchten ihre Schaufenster wieder einzurichten. Der griechische Regierungschef Kostas Karamanlis versprach den Geschädigten günstige Kredite und eine Soforthilfe von 10 000 Euro für jeden Laden, der zerstört wurde. Die Schäden nach den schweren Unruhen in Athen fielen allerdings erheblich geringer aus als zunächst angenommen.

Wie der Verband der Geschäftsleute am Mittwoch bekanntgab, seien insgesamt 435 Läden und andere Betriebe beschädigt worden. Der Sachschaden wird von den Besitzern auf zusammen etwa 50 Millionen Euro geschätzt. Schwere Schäden gab es auch in 16 Banken, zwei Supermärkten, drei Kinos und drei Theatern. Über die Schäden in anderen Städten lagen noch keine Angaben vor. Der Gesamtschaden war zunächst auf bis zu eine Milliarde Euro geschätzt worden.

An dem Streik der zwei größten Gewerkschaftsverbände des Landes nahmen nach Angaben eines Gewerkschaftssprechers rund zwei Millionen Arbeitnehmer teil. Beeinträchtigt wurde außer dem Flug- auch der Fährverkehr und der öffentliche Nahverkehr in Athen. Die deutsche Lufthansa strich nach Angaben eines Sprechers zwölf Flüge von und nach Athen. Den Kunden seien Umbuchungen angeboten worden.

Zudem blieben am Mittwoch in Griechenland die Schulen und die Ministerien geschlossen. Hotels und Taxis wurden dagegen nicht bestreikt. Die Gewerkschaften wandten sich mit dem Streik gegen die Lohnpolitik und Reformen im Rentensystem der konservativen Regierung.

Auch in Deutschland gab es weitere Proteste. Am Dienstagabend kam es nach einer Kundgebung vor dem griechischen Konsulat in Frankfurt/Main zu Ausschreitungen. Dabei ging unter anderem die Schaufensterscheibe einer Bank zu Bruch, außerdem wurden Mülltonnen und ein Bauzaun demoliert, berichtete die Polizei. Im nordrhein- westfälischen Minden randalierte eine Gruppe vermummter junger Leute unter dem Motto "Griechenland, das war Mord". In Frankfurt nahm die Polizei sieben Menschen vorübergehend in Verwahrung.