Separatistengebiet

Ukraine-Krieg: Ist Transnistrien Putins nächstes Kriegsziel?

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Alina Juravel
Der Konflikt um die Republik Transnistrien

Der Konflikt um die Republik Transnistrien

Transnistrien gehört völkerrechtlich noch zur Republik Moldau. Die prorussische Separatistenregion will seit über 30 Jahren unabhängig werden.

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Mehrere Explosionen in Transnistrien schüren die Sorgen im Nachbarstaat der Ukraine. Droht eine Ausweitung von russischen Angriffen?

Chisinau/Tiraspol. Der kleine Koffer ist gepackt. Er steht seit Montag neben der Tür. Daneben liegt ein Katzenkorb. „Falls es schnell gehen muss, müssen wir mit leichtem Gepäck fliehen – und mit unserer Katze“, sagt Natalia Schahmuradean. Die 40-Jährige wohnt mit ihren beiden Töchtern in Chisinau, in der Hauptstadt der Republik Moldau, auch Moldawien genannt.

Das kleine Land mit seinen knapp 2,5 Millionen Einwohnern grenzt an die Ukraine. Seit Kriegsbeginn bangen die Moldauer mit ihrem Nachbarland und fürchten, dass ihr Land vielleicht als Nächstes dran ist, von Russland überfallen zu werden. „Seit Montag hat die Angst, dass der Krieg auch nach Moldawien überschwappt, eine neue Dimension erreicht“, berichtet Natalia.

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Explosionen in Transnistrien lassen Sorge vor Ausweitung des Ukraine-Kriegs wachsen

Zum Wochenbeginn gab es im prorussischen Separatistengebiet Transnistrien, das völkerrechtlich zur Republik Moldau gehört, mehrere Explosionen. Der Präsident Transnistriens, Wadim Krasnoselski, spricht mittlerweile von „Terroranschlägen“. Die Behörden meldeten am Montag Granaten-Angriffe auf das Ministerium für Staatssicherheit, tags darauf wurden zwei Funktürme gesprengt, über die russisches Radioprogramm verbreitet worden war. Am Mittwoch wurde nach Angaben des Innenministeriums das Dorf Cobasna beschossen. Dort lagert ein Depot mit rund 20.000 Tonnen Munition aus Sowjetzeiten. Verletzt wurde niemand.

Das Regime in Transnistrien wirft der Regierung in der Ukraine vor, hinter den „Anschlägen“ zu stecken. Kiew dagegen beschuldigt Russland, Unruhe im Rückraum der Ukraine zu stiften, und warnt vor einer Ausweitung des Krieges. „Russland will die Region Transnistrien destabilisieren“, schreibt der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Poldoljak auf Telegram und weiter: „Wenn die Ukraine fällt, werden russische Truppen morgen vor Chisinau stehen.“ In Kiew wurde an die Äußerung des russischen Generalmajors Rustam Minnekajew vergangene Woche erinnert, wonach Moskau die ganze Südukraine bis nach Transnistrien unter Kon­trolle bringen wolle.

Republik Moldau will sich an den Sanktionen gegen Russland beteiligen

Die proeuropäische Präsidentin der Republik Moldau, Maia Sandu, hat nach den Explosionen eine Dringlichkeitssitzung des Nationalen Sicherheitsrats einberufen. Auf einer späteren Pressekonferenz hieß es, man betrachte die Ereignisse in Transnistrien als einen „Versuch der inneren Destabilisierung Moldaus“. Mit konkreten Schuldzuweisungen hielt sich Sandu jedoch zurück und rief die Bevölkerung zur Ruhe auf.

Moldau, das sich stets als neutralen Staat bezeichnet und sich auch nicht an den Sanktionen gegen Russland beteiligt, kennt den Konflikt mit Transnistrien bereits seit mehr als 30 Jahren. Begonnen hatte er nach dem Zerfall der Sowjetunion, als sich Transnistrien von Moldawien gelöst und für eigenständig erklärt hatte. Nach einem kurzen, aber blutigen Krieg mit mehreren Hundert Toten hat Transnistrien 1992 seine Unabhängigkeit erklärt. Doch das Gebiet mit seinen rund 500.000 Einwohnern, die vorwiegend Russisch sprechen, wird international von keinem Land anerkannt, auch nicht von Russland.

Moskau unterstützt Transnistrien jedoch politisch und wirtschaftlich. Bis heute hat Russland rund 1500 eigene Soldaten in Transnistrien als sogenannte Friedenstruppen stationiert.

Russland spricht von angeblicher Unterdrückung in Transnistrien

Gelöst wurde der Konflikt mit Transnistrien also nie, sondern nur eingefroren. Die Beziehungen zwischen der Republik Moldau und dem Separatistengebiet haben sich in den vergangenen Jahrzehnten aber so weit normalisiert, dass auf beiden Seiten die Politik und die Bürger im Austausch stehen. Dass Moskau jetzt von angeblicher Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung in Transnistrien spricht, wundert viele in Moldau. So auch Natalia: „Seit 30 Jahren leben wir friedlich nebeneinander. Jetzt auf einmal spricht Russland von Unterdrückung?“ Die Befreiung russischsprachiger Bürger ist eines der Narrative des Kreml für die Rechtfertigung des Überfalls auf die Ukraine.

Tatsächlich klingen die neusten Äußerungen aus Russland nicht nach Deeskalation. Man sei beunruhigt wegen der Nachrichten aus Transnistrien, sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow und warnte vor einem Szenario, in dem Russland „intervenieren“ müsse.

Trotz des eindringlichen Appells der Präsidentin, Ruhe zu bewahren, sei die Stimmung in Moldau derzeit sehr angespannt. „Man spürt überall diese Kriegsangst. Viele machen sich Notfallpläne, wie und wohin sie fliehen würden“, berichtet Natalia, die sich ebenfalls eine Fluchtroute bis ins benachbarte Rumänien überlegt hat. „Ich bete, dass es nicht so weit kommen muss.“

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Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de.

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