Seehofer-Vorstoß

Warum die Gamer-Szene das falsche Ziel ist

NRZ Redakteur Stephan Hermsen kommentiert die jünsten Äußerungen von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU)

NRZ Redakteur Stephan Hermsen kommentiert die jünsten Äußerungen von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU)

Foto: Kitschenberg / NRZ

Bundesinnenminister Seehofer (CSU) hat angekündigt,nach dem Attentat von Halle die Computerspiel-Szene ins Visier zu nehmen. Es gäbe Wichtigeres.

Ist nach der Amokfahrt von Bottrop und Essen in der Neujahrsnacht irgendwer auf die Idee gekommen, Autos zu verbieten?

Natürlich nicht. Muss man also Verständnis haben für die Gamer-Szene, dass sie sich nun von Horst Seehofer an den Pranger gestellt sieht? Der Bundesinnenminister hat gestern angekündigt, die Computerspielszene unter die Lupe nehmen zu wollen. Denn der Attentäter von Halle hat sich mit Helmkamera und der zynischen Moderation seiner Mordtaten der Ästhetik der Egoshooter-Ballerspiele bedient. Das ist widerlich, aber maximal ein Randaspekt der Gewalttat.

Niemand muss Ballerspiele gutheißen, aber ein wenig mehr Analyse tut not.

Niemand muss Ballerspiele gutheißen. Aber man darf von einem Minister erwarten, dass sein Debattenbeitrag sich dazu aufschwingt, die Rolle von Internet-Foren und so genannten sozialen Netzwerken und dem dort ausgekübelten Hass unter die Lupe zu nehmen. Dann kommt man etwas schneller an einen der kritischen Punkte: Wie kann es sein, dass sich menschenverachtende Ideologien und antisemitische Gewaltfantasien dort so ungehindert ausbreiten?

Spannender ist die Frage: Was tun gegen Waffen aus dem Drucker?

Eine realere Gefahr, mit der wir in Halle erstmals konfrontiert wurden, ist der Mord mit Schusswaffen aus dem 3-D-Drucker. Die Frage, wie man die Technologie des 3-D-Drucks vor Missbrauch sichern kann, wird bislang kaum diskutiert. Wenn sich gekränkt fühlende Menschen mit Gewaltfantasien demnächst im Hobbykeller selbst bewaffnen können, nutzen die bisherigen Waffengesetze wenig.

Apropos Waffen: Mag sein, dass der Attentäter von Halle sich in seiner Inszenierung in der virtuellen Welt bedient hat. Die Ausbildung an ganz realen Waffen hat er nach bisherigem Stand der Ermittlungen bei der Bundeswehr bekommen.

Wenn Horst Seehofer sich der Bekämpfung von rechtsextremem Gedankengut und ausländerfeindlichen und antisemitischen Netzwerken bei Bundeswehr und Polizei widmen würde, wäre das weitaus sinnvoller als ein Angriff auf die virtuellen Welten von Millionen harmloser Computerspielfans.