Regimegegner

China lässt Witwe von Liu Xiaobo ausreisen

Liu Xia, Witwe von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, bei ihrer Ankunft am Flughafen Helsinki International Airport in Vantaa. Später landete sie in Berlin.

Liu Xia, Witwe von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, bei ihrer Ankunft am Flughafen Helsinki International Airport in Vantaa. Später landete sie in Berlin.

Foto: Jussi Nukari / dpa

Jahrelang stand Liu Xia unter Hausarrest. Nun kommt die Künstlerin und Witwe des Dissidenten Liu Xiaobo nach Deutschland.

Die Witwe des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo ist nach achtjährigem Hausarrest frei in Berlin eingetroffen. Die 57-jährige Künstlerin landete nach einem Zwischenstopp in Helsinki am Dienstagabend auf dem Flughafen Tegel.

Sie sagte bei ihrer Ankunft nichts, sondern fuhr direkt nach der Landung, begleitet von einer Wagenkolonne, Richtung Stadt. Ihr Bruder Liu Hui hatte die Nachricht, dass seine Schwester „ein neues Leben beginnt“, über das soziale Netzwerk WeChat bekannt gegeben. Die 57-jährige Liu Xia wollte zur medizinischen Behandlung nach Deutschland.

Liu Xiaobo starb vor einem Jahr

Bundeskanzlern Angela Merkel hatte sich wiederholt für die Freilassung und Ausreise von Liu Xia eingesetzt. Die Künstlerin, Fotografin und Dichterin leidet unter schweren Depressionen, wie ihre Freunde berichteten. Die Ausreise erfolgte nur drei Tage vor dem ersten Jahrestag des Todes von Liu Xiaobo, der am 13. Juli 2017 in Haft an Leberkrebs gestorben war.

Liu Xias Bruder Liu Hui durfte nicht ausreisen. Nach Angaben ihrer Freunde wird er als „Geisel“ zurückgehalten. Die Staatssicherheit wolle Liu Xia damit auch im Ausland zum Schweigen bringen, sagte der Bürgerrechtler Hu Jia. Die Botschaft laute: „Dein Bruder ist hier. Du bist wie ein Flugdrache an der Schnur. Die Grenzen deiner freien Meinungsäußerung sind in den Händen anderer“, formuliert Hu Jia die Drohung dahinter.

Sorgen um psychischen Zustand Liu Xias

Ob die Künstlerin tatsächlich politisch aktiv werden will, ist allerdings völlig offen – nicht nur wegen ihres Gesundheitszustandes, sondern auch, weil Liu Xia nie als Bürgerrechtlerin aktiv war. Durch ihre Heirat mit Liu Xiaobo geriet sie ins Fadenkreuz der Staatssicherheit. „Liu Xiaobo zu lieben, ist ein Verbrechen“, hatte Liu Xia jüngst noch unter Tränen in einem Telefonat mit dem im Exil in Berlin lebenden Schriftsteller Liao Yiwu gesagt. Ihre Behandlung empfand die 57-Jährige als „lebenslange Haft“.

Nicht nur Freunde, sondern auch Menschenrechtsexperten der Vereinten Nationen waren in „tiefer Sorge“ über ihren psychischen Zustand. „Wir sind beunruhigt von Berichten über die Verschlechterung des Gesundheitszustandes von Liu Xia“, hatten die UN-Ermittler im Kampf gegen zwangsweises Verschwinden und willkürliche Inhaftierungen sowie der Sonderberichterstatter zur Lage von Menschenrechtsverteidigern erst vergangene Woche in Genf mitgeteilt.

Elf Jahre Haft wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“

Ihr Mann war 2009 wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“ zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Er war 2008 Mitverfasser der „Charta 08“, in der ein „freier, demokratischer und verfassungsmäßiger Staat“ gefordert wird. Das Nobelkomitee verlieh Liu Xiaobo 2010 als erstem Chinesen den Friedensnobelpreis für „seinen langen und gewaltlosen Kampf für fundamentale Menschenrechte in China “.

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Seine Freunden erinnern Liu Xiaobo als großen Vordenker und sanften Vorkämpfer für Demokratie. Der bekannte Bürgerrechtler Hu Jia lobt dessen Mut und Menschlichkeit. Freunde wie Liao Yiwu sowie der Sänger und frühere ostdeutsche Dissident Wolf Biermann und die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller organisieren am Todestag am Freitag eine Gedenkfeier in der Berliner Gethsemane-Kirche, um an das Leben und Werk Liu Xiaobos zu erinnern. (dpa)