Regionalwahlen

Sieg für Nationalisten – Wird Korsika zweites Katalonien?

Jubel in Bastia: Gilles Simeoni (M.) feiert nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen mit seinen Anhängern den Sieg seiner Allianz „Pè a Corsica“ bei der Regionalwahl.

Jubel in Bastia: Gilles Simeoni (M.) feiert nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen mit seinen Anhängern den Sieg seiner Allianz „Pè a Corsica“ bei der Regionalwahl.

Foto: dpa Picture-Alliance / Christian Buffa / picture alliance / Christian Buf

Die Nationalisten erringen in der ersten Runde der Regionalwahlen in Korsika einen Erdrutschsieg. Er Fernziel lautet Unabhängigkeit.

Paris.  In Europa gibt es einen neuen Trend: Einzelne Regionen fordern vom Zentralstaat mehr Mitsprache. Die einen wollen einen Ausbau der Autonomie, die anderen sogar die Unabhängigkeit. Nach dem Separatismus-Konflikt in der nordostspanischen Region Katalonien droht nun auf der französischen Mittelmeer-Insel Korsika ein Streit mit der Zentrale.

In der ersten Runde der korsischen Regionalwahlen am Sonntag haben die Nationalisten einen Erdrutschsieg errungen. Die Einheitsliste der sich gegen den französischen Zentralstaat stemmenden Kräfte, Pè a Corsica (Für Korsika), gewann 45,4 Prozent der Stimmen und landete mit großem Abstand auf Platz eins. Damit ist ihr in der Stichwahl am kommenden Sonntag die absolute Mehrheit im neuen Parlament der Inselregierung praktisch nicht mehr zu nehmen.

Zwei Nationalisten-Parteien verbünden sich

Pè a Corsica ist ein Zweckbündnis aus der nach Autonomie strebenden Femu a Corsica (Schaffen wir Korsika) und der separatistischen Corsica Libera (Freies Korsika). Diese unter ein gemeinsames Dach geschlüpften Regionalparteien, die bei den französischen Parlamentswahlen im Juni völlig überraschend drei der vier korsischen Abgeordnetenmandate eroberten, eint der Hass auf die „Pariser“.

Sie haben sich auf eine Strategie verständigt, deren Ziel mittelfristig eine weitgehende Autonomie nach katalanischem Vorbild ist. Langfristig jedoch strebt zumindest Corsica Libera ganz offen die Unabhängigkeit an.

Die beiden Anführer sind ein eingespieltes Duo

Die Chefs der „Nationalisten“, der smarte Autonomist Gilles Simeoni und der stets etwas verbissen wirkende Separatist Jean-Guy Talamoni, geben ein ungleiches Gespann ab. Aber sie haben in den letzten Monaten bewiesen, wie geschickt sie sich die Bälle zuspielen können, wenn es darum geht, die Zen­tralregierung zu provozieren.

„Wir werden jetzt den Dialog mit Paris suchen“, versprach Simeoni in versöhnlichem Ton. Nur Minuten später führte Talamoni aus, worüber die beiden mit dem „befreundeten Staat Frankreich“ als Erstes reden wollen: die Einführung des Korsischen als zweite Amtssprache und die Verlegung „politischer“ Häftlinge vom Festland auf die Insel.

Paris schweigt – doch die Zeichen stehen auf Sturm

Auch wenn sich Präsident Emmanuel Macron und die Mitglieder seines Kabinetts vorerst jeder Reaktion enthielten: Die Zeichen stehen auf Sturm. Indem er die verurteilten Mitglieder der bewaffneten Untergrundorganisation „Korsische Nationale Befreiungsfront“ (FLNC) als „politische Häftlinge“ bezeichnete, hat Talamoni mehr als deutlich gemacht, dass er und Simeoni auf Konfrontationskurs zu ihrer übergeordneten Instanz gehen wollen. Vorbild: Kataloniens Ex-Präsident Carles Puigdemont.

Ohne Geld vom Festland geht nichts auf Korsika

Konfrontation freilich heißt nicht, dass der neue korsische Territorialrat jetzt die Unabhängigkeit ausrufen oder einklagen wird. Simeoni und Talamoni wissen, dass die wirtschaftlich rückständige Insel mit ihren gerade einmal 320.000 Einwohnern ohne den Geldfluss vom Festland umgehend den Bankrott anmelden müsste. Stattdessen pochen sie auf mehr Selbstbestimmung, um Korsika wirtschaftlich aufzurichten. Dummerweise bedarf es hierfür zusätzlicher Mittel aus Paris.

Dass die Rechnung, der Zentralmacht auf die Füße zu treten und sie gleichzeitig zur Kasse zu bitten, aufgehen könnte, scheint eher unwahrscheinlich. Auf der anderen Seite wird Paris die Nationalisten nicht weiterhin einfach ignorieren können.

Droht Korsika ein ähnliches Schicksal wie Katalonien?

Tatsächlich droht Korsika nun ähnlich wie Katalonien zu einer Spielwiese der regionalen Fliehkräfte innerhalb der EU zu werden. Dass sich die korsischen Separatisten wie ihre katalanischen Brüder und Schwestern als überzeugte Pro-Europäer geben, ändert daran wenig. Ebenso wenig wie an ihrem Traum von der Unabhängigkeit. „Im Augenblick wollen die Korsen die Unabhängigkeit nicht“, gab Talamoni gestern zu, „aber in zehn Jahren, wenn wir wirtschaftlich besser dastehen, wird das anders aussehen!“