Kinderbetreuung

Qualität, Betreuer, Gebühren – Das große Kita-Problem

Bundesfamilienministerin Katarina Barley (l., SPD) besucht zusammen mit der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (M., SPD) die Kindertagesstätte „Schneckenhaus“ in Berlin.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Bundesfamilienministerin Katarina Barley (l., SPD) besucht zusammen mit der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (M., SPD) die Kindertagesstätte „Schneckenhaus“ in Berlin.

Obwohl sich die Situation verbessert hat, fehlen in Deutschland Kita-Erzieher. Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt starke Investitionen.

Berlin/Gütersloh.  Um sich die Verbesserung vorzustellen, die sich in den letzten Jahren in den deutschen Kitas abgespielt hat, hilft ein Beispiel: 2012 kümmerte sich eine Erzieherin im Schnitt um 4,8 Kleinkinder, vier Jahre später waren es nur noch 4,3. Rechnerisch bedeutet das: 0,5 Kinder weniger. In der Praxis dürfte sich das ungefähr so anfühlen, als würde eines der fünf Kinder in einer Krippengruppe jetzt nur noch jede zweite Woche in die Kita kommen.

Die Entlastung ist also durchaus spürbar, aber noch längst nicht ausreichend, wie der neue Länderreport der Bertelsmann-Stiftung zur frühkindlichen Bildung zeigt. Zumal es hier um Durchschnittszahlen geht – und jede Mutter und jeder Vater aus Erfahrung weiß: Im Kita-Alltag regiert nicht die Statistik, sondern das Leben. Krankheiten, Erzieherwechsel, schwierige Kinder mit besonderem Betreuungsbedarf – kleine Entlastungen beim Personal werden schnell durch den Alltag wieder aufgefressen.

Der Betreuungsschlüssel hat sich verbessert

Der Länderreport spricht dennoch von Verbesserungen bei der Qualität der deutschen Kitas – und zwar nicht nur bei den Kleinen. Auch bei den über Dreijährigen hat sich der Personalschlüssel innerhalb von vier Jahren verändert: Betreute eine vollzeitbeschäftigte Erzieherin 2012 im Schnitt noch 9,8 Kindergartenkinder, so waren es 2016 nur noch 9,2 pro Fachkraft.

Große Unterschiede gibt es nach wie vor zwischen den Bundesländern: Besonders gut schneiden im Länder-Ranking Baden-Württemberg und Bremen ab – hier betreut eine Fachkraft im Schnitt drei Kleinkinder oder 7,5 Kinder über drei Jahren. Besonders schlecht sieht es in Sachsen aus – hier muss sich eine Fachkraft um mehr als sechs Kleinkinder oder mehr als 13 ältere Kinder kümmern.

In Ostdeutschland gehen deutlich mehr Kinder in die Kita

Der ungünstige Personalschlüssel in den östlichen Bundesländern liegt jedoch nicht nur an der regionalen Kassenlage, sondern auch daran, dass hier deutlich mehr Kinder als in den westlichen Bundesländern in Krippe und Kita gehen: In Ostdeutschland gehen 52 Prozent der unter Dreijährigen in die Betreuung, in Westdeutschland sind es lediglich 28 Prozent. Ab dem dritten Lebensjahr dagegen gehen bundesweit fast alle Kinder in die Kita.

Zum ersten Mal haben die Forscher der Bertelsmann-Stiftung auch die Lage in den 402 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten ausgewertet. Hier zeigt sich, wie groß an manchen Stellen die Unterschiede auch innerhalb der einzelnen Bundesländer sind. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Im Landkreis Gütersloh betreut eine Fachkraft im Schnitt 3,3 Kleinkinder, in Solingen dagegen sind es im Schnitt fast 4,9 Kinder. In einigen Gebieten Brandenburgs kommen knapp dreimal so viele Krippenkinder auf eine Fachkraft wie in bestimmten Kreisen Baden-Württembergs.

Nach Berechnung müssten 100.000 Vollzeitkräfte eingestellt werden

"Die Bildungschancen von Kindern hängen heute erheblich von ihrem Wohnort ab", kritisiert Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung die große Spannweite innerhalb der Regionen. "Wir brauchen verlässliche Kita-Qualität in ganz Deutschland." Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt einen Personalschlüssel von 1 zu 3 in Krippengruppen und 1 zu 7,5 in Kindergartengruppen. Um das zu erreichen, müssten nach Berechnungen der Stiftung zusätzlich 107.200 vollzeitbeschäftigte Fachkräfte eingestellt und weitere 4,9 Milliarden Euro jährlich bereitgestellt werden.

Es sieht allerdings nicht so aus, als würde sich an der Personallage in den Kitas schon bald etwas deutlich verbessern. Denn: Mit der Zahl der Geburten steigt auch die Nachfrage nach Kita-Plätzen; und auch die Flüchtlingskinder sollen möglichst schnell in deutschen Kitas unterkommen. "Ohne attraktivere Rahmenbedingungen für das Kita-Personal wird es schwer, dem steigenden Fachkräftebedarf nachzukommen", mahnt die Stiftung.

Die Eckpunkte für ein Qualitätsgesetz stehen

Doch Qualität ist weitaus mehr als ein günstiger Personalschlüssel. Es geht auch um gesundes Essen, Räume, in denen sich Kinder wohlfühlen und Erzieherinnen, die für ihre wichtige Arbeit angemessen bezahlt werden. Bund und Länder haben sich deswegen Anfang des Jahres immerhin auf Eckpunkte für ein Qualitätsgesetz geeinigt: Jedes Land soll dort gefördert werden, wo es besondere Probleme hat. Das ist schon viel – wenn man bedenkt, dass sich die Länder nicht gern reinreden lassen.

Bundesfamilienministerin Katarina Barley forderte am Montag ein Qualitätsgesetz für die Zeit nach der Wahl. Um die Betreuung zu verbessern, müsse der Bund dauerhaft mehr Mittel zur Verfügung stellen, sagte die SPD-Politikerin. "Qualität kostet Geld, aber nirgendwo sonst ist unser Geld besser angelegt. Gute Kitas schaffen gute Chancen für alle Kinder." Nach Barleys Vorstellungen soll der Bund im Jahr 2018 erstmals eine Milliarde Euro mehr für die Qualität in der Kindertagesbetreuung zur Verfügung stellen. Diese Summe solle dann von Jahr zu Jahr um eine Milliarde Euro aufgestockt werden, sodass der Bund die Länder ab 2022 dauerhaft mit fünf Milliarden Euro jährlich unterstütze. Im Kern geht vor allem um bessere Arbeitsbedingungen für Erzieher.

Beitragsfreiheit? Ja, aber erst, wenn Qualität und Quantität stimmen

Die Grünen warfen der Bundesregierung vor, nicht schon längst ein Qualitätsgesetz mit Mindestvorgaben für den Personalschlüssel auf den Weg gebracht zu haben. "Diese Bundesregierung hatte ausreichend Zeit und hat es trotzdem nicht geschafft", kritisierte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt.

Und die Eltern? Sollen sie sich, wie in vielen Gemeinden üblich, durch Kita-Gebühren an den Kosten für mehr Qualität beteiligen? Oder ist es richtig, die Kita-Gebühren abzuschaffen, wie die SPD es fordert? Die Bertelsmann Stiftung stärkt hier eher die Position der Union: "Erst wenn die Qualität stimmt und genügend Betreuungsplätze zur Verfügung stehen, können wir die Beitragsfreiheit angehen", sagt Bertelsmann-Vorstand Dräger. Die Beteiligung der Eltern dürfe dennoch keine Zugangsbarriere für Kinder werden. Deshalb sollten Kita-Beiträge einkommensabhängig gestaffelt und Familien mit besonders niedrigen Einkommen komplett entlastet werden – wie es in vielen Kommunen bereits Praxis ist.

Rund 81 Prozent der Eltern zahlen aktuell Gebühren

"Für die Union ist die Beitragsfreiheit erstrebenswert, aber erst, wenn verbindliche Qualitätsstandards erreicht sind", erklärte der familienpolitische Sprecher der Union, Marcus Weinberg am Montag. Dass die SPD im Wahlkampf die vermeintlich beliebte Beitragsfreiheit fordere, während die Fachwelt über die Bedeutung der Qualität rede, zeige die Fehlausrichtung ihrer Politik.

Bei einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung unter Eltern mit Kita-Kindern kam Ende letzten Jahres heraus: Rund 81 Prozent der Eltern bezahlen aktuell Gebühren, knapp die Hälfte wäre bereit, für eine bessere Kita-Qualität auch selbst tiefer in die Tasche zu greifen. Von den Eltern, die jetzt schon keine Beiträge zahlen, würde ebenfalls rund die Hälfte für bessere Kita-Qualität auf ihre Beitragsfreiheit verzichten.

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