Erinnerungen an den Kniefall in Warschau

40 Jahre nach Willy Brandt: Christian Wulff beugte sein Haupt

Der Bundespräsident erinnerte auch an die polnischen Bischöfe um den späteren Papst Johannes Paul II., die die Versöhnung einleiteten.

Warschau. Christian Wulff beugte sein Haupt. Der Bundespräsident legte am Dienstag in Warschau vor dem Denkmal der Warschauer Getto-Helden einen Kranz nieder. Dort war genau vor 40 Jahren der damalige Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) an einem nasskalten Tag in die Knie gesunken – eine Geste der Demut, die das Ende des Kalten Krieges einläutete, und doch in Deutschland und Polen nicht unumstritten war.

Wulff gedachte gemeinsam mit seinem polnischen Amtskollegen Bronislaw Komorowski und dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel des Kniefalls von Brandt in der polnischen Hauptstadt. Warschau hatte während des Zweiten Weltkriegs zwei militärische Widerstandsaktionen gegen die deutsche Besatzung erlebt: Den Aufstand jüdischer Widerstandskämpfer im Warschauer Getto 1943 und 1944 die Erhebung der polnischen Heimatarmee. Auch am erst 1989 fertiggestellten Ehrenmal für diesen Warschauer Aufstand legten Wulff, Komorowski und Gabriel Kränze nieder.

Der einstige Solidarnosc-Aktivist Komorowski sagte. „Wir haben die Chance, die Geschichte zu korrigieren“. Zu kommunistischer Zeit wurde dieser nationalpolnische Aufstand totgeschwiegen – wohl auch angesichts des Verhaltens der Roten Armee, die nicht eingriff, obwohl sie dazu in der Lage gewesen wäre. Brandt habe an diesem Denkmal gar nicht niederknien können, weil es das damals noch nicht gab. Erst die Solidarnosc habe die deutsch-polnische Versöhnung nun wirklich vorangebracht, sagte Polens Präsident.

Auch Wulff hob in einer Rede ausdrücklich die Rolle der polnischen Freiheitsbewegung hervor. Diese habe „das Signal für das Ende der kommunistischen Systeme Osteuropas gegeben, die Demokratie in Polen erkämpft und den Weg zur Einheit Deutschlands“ mit geebnet. Diese Rolle der Solidarnosc hätten „in den 80er-Jahren nicht alle Deutschen gleich erkannt“. So manche habe nicht an eine „aktive Destabilisierung der kommunistischen Diktaturen geglaubt“.

Der Bundespräsident erinnerte in seiner Rede auf einer Europa-Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung ferner an die polnischen Bischöfe, unter ihnen der spätere Papst Johannes Paul II., die bereits fünf Jahre vor Brandts Demutsgeste „mit dem atemberaubenden Satz ,Wir vergeben und bitten um Vergebung’ die Hand zur Versöhnung in Richtung Deutschland ausgestreckt hatten“.

Brandts Kniefall bei einer Kranzniederlegung vor dem Denkmal der Warschauer Getto-Helden am 7. Dezember 1970 würdigte Wulff als „Geste, die uns in ihrer Demut noch fesselt. Eine Geste, die um Versöhnung bat“. Das Bild des Bundeskanzlers auf Knien habe ihn als Elfjährigen „tief beeindruckt“, sagte der Bundespräsident. Wulff betonte, Brandts Kniefall „war die Verneigung vor den Opfern und die Anerkennung von Verantwortung gegenüber Polen, Israel und der Welt“. Der SPD-Politiker kniete an einem Ort, der ähnlich wie Auschwitz für den Holocaust steht. Mindestens 70.000 jüdische Getto-Insassen kamen hier oder in den Vernichtungslagern der Nazis ums Leben.

Genau vor 40 Jahren wurde in Warschau auch der deutsch-polnische Vertrag unterzeichnet. Komorowski gab zu bedenken, auf polnischer Seite hätten jene unterschrieben, die später an der Ostsee auf Arbeiter schossen. Wulff machte mit Blick auf den damaligen Streit um die Ostverträge in der Bundesrepublik deutlich, dass er „die damaligen Sorgen um Deutschlands Zukunft nachvollziehen kann, auch wenn wir nach dem Glück der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes sagen können, sie haben sich Gott sei Dank nicht bewahrheitet“. Die faktische Anerkennung des Status Quo in Europa, einschließlich der Oder-Neiße-Grenze, sei für viele Deutsche ein Schritt gewesen „mit dem sie sich sehr schwer taten“.

Wulff betonte, Brandts Kniefall sehe er losgelöst vom Streit um Vertragsinhalte. Wirkliche Aussöhnung der Völker war auch nach Auffassung Wulffs erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs möglich. Wulff Fazit nach seiner bereits vierten Begegnung mit seinem „Freund“ und Amtskollegen Komorowski: „Polen tut Europa gut.“