Entscheider treffen Haider

Katja Kraus: Auch junge Mutter kann Bürgermeisterin werden

Keine Folge mehr verpassen - jetzt kostenlos abonnieren auf:
Katja Kraus (49) ist Buchautorin, (Werbe-) Unternehmerin. Und sie berät Politikerinnen.

Katja Kraus (49) ist Buchautorin, (Werbe-) Unternehmerin. Und sie berät Politikerinnen.

Foto: Thorsten Ahlf

Viele kennen Katja Kraus als ehemaligen HSV-Vorstand und Werberin. Dabei berät sie auch Politiker und spricht darüber im Podcast.

Hamburg. Sie war Vorstand beim Hamburger SV, ist heute Buchautorin, (Werbe-)Unternehmerin. Und sie berät, was kaum einer weiß, Politikerinnen, in Hamburg hört aktuell Katharina Fegebank, Spitzenkandidatin der Grünen, auf ihren Rat. In unserer Reihe „Entscheider treffen Haider“ spricht Katja Kraus über den Druck auf Fußballer und Politiker, über Mütter als Bürgermeisterinnen – und warum es ein Fehler ist, den Kontakt zu Menschen abzubrechen, nur weil sie ein wichtiges Amt verloren haben. Zu hören unter www.abendblatt.de/entscheider. Das sagt Katja Kraus über...

…Podcasts in doppelter Geschwindigkeit:

„Ich höre gern und viele Podcasts oder Hörbücher. Und um mehr zu schaffen, meist in doppelter Geschwindigkeit. Es war deshalb eine Überwindung heute hierher zu kommen, denn mir kommen die meisten Menschen in den Podcasts ziemlich schlagfertig vor.“

… den großen Druck auf Fußballer und Politiker:

„In aufmerksamkeitsstarken Branchen wie Politik oder Profi-Fußball fällt es den Entscheidern oft schwer die große Linie im Blick zu haben und an mittel- und langfristigen Strategien festzuhalten. Öffentliches Interesse und das Ringen um Deutungshoheit verleitet zu reflexhaftem Verhalten. Dabei muss man nicht auf jede Frage zu jeder Zeit eine Antwort geben. Man lässt sich allzu oft von dem Tempo treiben, das von außen kommt, das war sicher auch einer meiner Fehler während meiner Zeit beim HSV. Es erfordert Klarheit und auch Disziplin an den großen Linien festzuhalten. Auch wenn in jedem Spiel Erkenntnisse liegen, fällt die Entscheidung über Auf- und Abstieg in der Regel am 34. Spieltag.“

…Fußball-Management:

„Das ist keine Geheimwissenschaft, auch wenn es von Männern gern so dargestellt wird.“

... Spaß an der Arbeit:

„Ich hatte mal einen Aufsichtsratsvorsitzenden beim HSV, der mir an wirklich schweren Tagen gesagt hat: Wissen Sie, Katja, für diese Tage beziehen Sie ihr Gehalt. Das fand ich überzeugend. Ansonsten habe ich das große Glück, eigentlich während meiner gesamten Berufslaufbahn zumeist Dinge tun zu können, die mir große Freude machen.“

…Leidenschaft:

„Ein Thema, das mich gerade beschäftigt. Ich erlebe immer weniger Menschen, die ihre Leidenschaft ausleben. Vielleicht ist es eine Begleiterscheinung dieser Zeit und der enormen Geschwindigkeit. Eine Leidenschaft zu entwickeln braucht Einlassung, Hingabe, auch Beharrlichkeit. Es hat eine solche Wirkungskraft, wie wir gerade erleben, wenn Menschen sich einer Sache wirklich verschreiben. Auch Preise dafür zu zahlen bereit sind.

Ich glaube daran, dass viele Menschen in Entscheidungspositionen mit diesem Impetus losgehen. Dass viele Politikerinnen wirklich die Welt besser machen wollen. Und dass die Hingabe irgendwann vom System korrumpiert wird. Diese permanente Resonanz, ständige Bewertung, zerstört viel Ursprüngliches.“

…die Beratung von anderen Persönlichkeiten:

„Ein Bereich meines Berufslebens. Und ein persönliches Anliegen. Ich glaube fest an die Notwendigkeit von mehr Frauen in Entscheidungspositionen in Anbetracht der komplexen Herausforderungen dieser Zeit. Und der Veränderung der Arbeitswelt. Und ich glaube an den Gewinn durch Unterschiedlichkeit. Die ökonomischen Argumente dafür sind hinlänglich beschrieben. Aber es ist vor allem eine Frage der Gerechtigkeit. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau eine Firma gegründet, mit der wir Frauen dabei unterstützen, in Führungspositionen zu kommen und vor allem dann, wenn sie sie haben, dort ihre ganze Wirkung zu entfalten. Wir haben beide aus unterschiedlichen Bereichen Erfahrungen im Management in Männerdomänen und im Umgang mit Druck und Öffentlichkeit. Die wollen wir gern weitergeben.“

… die Beratung von Katharina Fegebank:

„Sie sind gut informiert. Ich spreche normalerweise nicht über die Zusammenarbeit mit Menschen, hier ist es gewünscht, denn Katharinas Persönlichkeit und ihr Politikstil betonen Offenheit, die Lust an konstruktiver Auseinandersetzung und Teamarbeit. Zugleich nimmt sie die Führungsrolle mit all dem, was darin liegt, verantwortungsvoll und reflektiert an. Unser Sparring hat weniger mit politischen Themen, als mir ihrer Rolle als Frau in Führung zu tun. Die Anforderungen sind so vielfältig und das Politikgeschäft so selbstreferenziell, dass es hilfreich ist, immer mal wieder Rückmeldung von außen zu bekommen.“

…Fegebanks Ankündigung, Bürgermeisterin werden zu wollen:

„Es ist wichtig, klar in den Aussagen zu sein und Dinge so zu formulieren, wie sie sind. Damit können Menschen umgehen. Und es ist auch wichtig für das eigene Gefühl und die innere Klarheit. Man bekommt eine andere Ausstrahlung, wenn man für sich geregelt hat, was man eigentlich will.“

… Gefühle in der Politik:

„Ich glaube nicht an diese Sozialpanzer, die sich viele Menschen in der Politik und in anderen öffentlichen Bereichen im Laufe der Zeit aneignen. Sie werden dadurch unnahbar und weniger empathisch in ihren Entscheidungen. Auf der einen Seite wollen wir alle Politiker, die als Mensch sichtbar sind und auch so sprechen. Auf der anderen Seite gestehen wir ihnen keine menschliche Reaktionen, zum Beispiel Zweifel oder auch Fehler zu. Das führt dazu, dass immer weniger Menschen Verantwortung übernehmen wollen.“

…den fast unglaublichen Fakt, dass sich bisher noch keine Frau um das Amt des Hamburger Bürgermeisters beworben hat:

„Es ist erstaunlich in einer Stadt wie Hamburg, aber um so besser, dass es nun anders ist. Es ist noch ein weiter Weg zu echter Gleichheit und dabei helfen natürlich Vorbilder. Bürgermeisterinnen, Frauen, die Wirtschaftsunternehmen und auch Fußballclubs führen. Es muss zudem auch möglich sein, dass man als junge Mutter Bürgermeisterin wird. Auch das hat eine Signalwirkung.“

… ihre Rolle als geschäftsführende Gesellschafterin von Jung von Matt Sports:

„Kurz nach meinem Ausscheiden beim HSV rief mich Jean-Remy von Matt an und schlug mir vor, gemeinsam eine Agentur für Sportkommunikation zu gründen. Damals ging mir das zu schnell, ich wollte erst mal frei sein, Bücher schreiben. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir der Sport in meinem Leben fehlt – und dass ich mich mal als Unternehmerin ausprobieren wollte. So ist dann Jung von Matt/sports entstanden.“

… den HSV:

„Als Bernd Hoffmann HSV-Präsident und später dann Vorstandsvorsitzender wurde, habe ich ihm zu seiner Wahl gratuliert. Ich hätte allerdings auch dem HSV zu Bernd gratulieren sollen. Bernd wird die richtigen Weichen dafür stellen, dass der HSV seine großartigen Möglichkeiten nutzt. Dabei helfen ihm sicher auch die Erfahrungen aus den ersten acht Jahren. Wir hatten gemeinsam eine tolle Zeit, mir hat die Arbeit viel Spaß gemacht. Es ist eine Freude, mit Freunden zu arbeiten. Ich habe zu dieser Zeit gedacht, dass ich dort verrentet werde. Das Ende war damals ein Schock, für den ich längst dankbar bin. Alles, was ich heute tue, ist ganz und gar stimmig für mich zu dieser Zeit.“

… Menschen, die ihre Macht verlieren:

„Die Orientierung an Funktionen ist ex­trem. Als ich HSV-Vorstand war, habe ich in Hamburg überall sofort einen Termin bekommen. Nachdem ich diese Position nicht mehr hatte, haben manche nicht mehr auf Mails geantwortet. Diese Geschichten habe ich dann in den Gesprächen zu meinem ersten Buch häufig gehört. Man weiß, dass es so ist. Und dann fühlt es sich doch anders an.

Es ist verstörend, dass man Menschen, die eine wichtige Funktion verlieren, sofort aus dem Verteiler nimmt. Wenn jemand mal eine Führungsposition innehatte, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie oder er demnächst in einer anderen Führungsposition auftaucht, ziemlich hoch. Wenn es schon keine menschliche Haltung ist, Verbundenheit aufrechtzuhalten, dann doch mindestens eine Frage der Intelligenz.“