Dem Tod auf der Spur

Schülerin gesucht – Jahrtausende alte Moorleiche gefunden

Klaus Püschel und Bettina Mittelacher.

Klaus Püschel und Bettina Mittelacher.

Foto: HA

Im Podcast erzählt Klaus Püschel von jahrzehntelanger Suche nach verschwundener Schülerin und einem besonderen Fund.

Hamburg. Es ist, als hätte sich die 15-Jährige in Luft aufgelöst. Vor wenigen Stunden noch hat sie in einer niedersächsischen Diskothek ausgelassen getanzt. Dann ist sie in die kalte Luft dieses Dezembertages 1969 hinausgegangen, um sich auf den Nachhauseweg zu machen. Doch irgendwo auf den letzten Kilometern, bevor sie ihr Zuhause erreicht hätte, verschwindet die Schülerin spurlos.

Jahrezehntelange Suche nach Schülerin

Keine Hinweise, keine Zeugen. Die Polizei steht vor einem Rätsel. So geht das über Jahre, Jahrzehnte sogar. Immer wieder nehmen sich die Ermittler den Fall der vermissten Schülerin vor, ohne Ergebnis. Bis sich schließlich im Jahr 2000, also 31 Jahre nach ihrem Verschwinden, eine vielversprechende Spur auftut, die auch die Hamburger Rechtsmedizin auf den Plan ruft.

Denn ein Torfarbeiter hat bei seiner Arbeit im Uchter Moor einige Skelettteile entdeckt, unter anderem einen menschlichen Schädel mit Resten eines Haarschopfes. Dem Mann dämmert: Er hat eine Moorleiche ihrem Grab entrissen.

Moorleiche im Uchter Moor gefunden

„Das war wirklich eine Sensation“, erzählt Rechtsmediziner Klaus Püschel im Abendblatt-Crime-Podcast „Dem Tod auf der Spur“ mit Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher. „Es war zu diesem Zeitpunkt etwa 50 Jahre her, dass zuletzt eine Moorleiche ausgegraben wurde. Und jetzt hatten wir einen im Torf konservierten Körper, der auch vielleicht den alten Vermisstenfall mit der Jugendlichen aufklären könnte.“

Das nun wissenschaftlich ermittelte Alter der Moorleiche von etwa 16 Jahren schien zu dem Fall der verschwundenen jungen Frau zu passen. Doch weitere Befunde, unter anderem ein DNA-Vergleich mit den Eltern der vermissten Schülerin, ergab: Es handelte sich definitiv nicht um die Jugendliche, nach der 31 Jahre lang gesucht worden war.

Schwärzlich verfärbte Hand erinnert an Mumie

Doch weitere fünf Jahre später gibt es eine Entdeckung, die dem Fall eine völlig neue Wendung gibt. Nun wird direkt neben der Stelle, wo Jahre zuvor die alten menschlichen Knochen ausgegraben wurden, eine Hand gefunden. Sie ist schwärzlich verfärbt und mit Haut umgeben — und erinnert an ägyptische Mumien. Die Torfreste, die an der Hand haften, geben Hinweise darauf, dass diese Leiche mindestens 1000 Jahre im Moor gelegen haben muss!

Wieder wird die Rechtsmedizin hinzugerufen. „Ich war ganz erpicht darauf, diesen historischen Fund weiter zu untersuchen“ erzählt Klaus Püschel. „Ich interessiere mich besonders für alte Knochen. Und eigentlich hatten wir an dieser von uns so verkannten Moorleiche auch etwas gutzumachen.“ Jetzt wird das genaue Alter des Körpers mithilfe der sogenannten Radiokarbondatierung ermittelt. Die Datierung ergibt, dass der Todeszeitpunkt der jungen Frau etwa 650 vor Christus lag.

Leiche mehr als 2600 Jahre älter als vermutet

„Damit stand fest, dass die Tote nicht, wie ursprünglich angenommen, gut 30, sondern etwa 2650 Jahre alt ist!“, sagt Gerichtsreporterin Mittelacher. „Gute 2600 Jahre daneben. Das war wohl ein Super-GAU für die Rechtsmedizin?“ „Allerdings“, räumt Püschel ein. „Zu unserer Ehrenrettung muss ich allerdings sagen, dass Moorleichen die Geheimnisse um ihr Alter nicht so leicht preisgeben. Nach zehn bis 20 Jahren verändern sie sich kaum noch.“

Mit der Datierung des mumifizierten Körpers steht nun fest, dass es sich um die älteste in Niedersachsen gefundene Moorleiche handelt und die zweitälteste in Deutschland. Sie bekommt den Namen „Moora“. Nun wird die Tote mit allen modernen Untersuchungstechniken untersucht. Unter anderem gelingt es den Rechtsmedizinern, die Fingerabdrücke festzustellen. „Das waren die ältesten Fingerabdrücke einer Moorleiche überhaupt“, erklärt Püschel.

"Moora" ist älteste Moorleiche Niedersachsens

Außerdem finden Wissenschaftler viele weitere Einzelheiten heraus, zum Beispiel, dass Moora Linkshänderin war. An Wachstums-Stillstandslinien an den Enden ihrer Schienbeine ist zu erkennen, dass sie elf Hungersnöte miterlebt hatte. Und charakteristische Veränderungen der Halswirbel deuten auf schwere körperliche Arbeit hin. Vermutlich musste sie große Lasten tragen, wahrscheinlich auf dem Kopf.

Und die Wissenschaft ist nach der Untersuchung von Skelett und Haut, nach dem Durchleuchten und Forschen, noch nicht am Ziel. Aus den Schädelteilen von Moora wird eine Gesichtsrekonstruktion vorgenommen. Das Mädchen aus dem Moor soll nach Jahrtausenden wieder ein Antlitz bekommen! Es gelingt, den in Einzelteile zerbrochenen Schädel nach einer CT-Dokumentation anatomisch korrekt zu rekonstruieren.

Fünf unterschiedliche Moora-Gesichter

Dies dient fünf Expertinnen, jede auf ihre Art mit Zeichenstift, Bildgebungsverfahren oder plastischen Modellen, Moora ihr Gesicht zurückgeben. Manche Details des Antlitzes sind durch die knöcherne Struktur vorgegeben gewesen wie der Augenabstand oder die Breite der Nase. Andere Einzelheiten lassen Spielraum für die Fantasie, so etwa Augen- und Haarfarbe oder auch die Form der Ohren. So entstehen fünf unterschiedliche Mooras. Und doch: Die Ähnlichkeit der Porträts ist, ganz im Sinne des wissenschaftlichen Ansatzes, auffällig.

Damit ist gelungen, zahlreiche Geheimnisse einer vor Tausenden Jahren gestorbenen Frau zu entschlüsseln. Ihr Schicksal ist aufgrund modernster wissenschaftlicher Möglichkeiten nicht mehr Mythos, sondern Fakt.

15-jährige Schülerin weiterhin vermisst

Was aber ist aus der 15-Jährigen geworden, die 1969 verschwand? Was ihr widerfuhr, ist bis heute nicht geklärt. Doch die Wissenschaft schreitet wieder mit Siebenmeilenstiefeln voran. So mancher „Cold Case“ wird heutzutage auch nach Jahrzehnten aufgeklärt. Kann es da wirklich sein, dass ihr Schicksal für immer ein Rätsel bleibt?