Schulstreikbewegung

Klimaaktivistin Greta Thunberg – neues Abendblatt-Magazin

Greta Thunberg auf dem
Rathausmarkt. Die junge
Schwedin ist am 1. März
erstmals für einen Schulstreik für mehr Klimaschutz nach Deutschland
gekommen.

Greta Thunberg auf dem Rathausmarkt. Die junge Schwedin ist am 1. März erstmals für einen Schulstreik für mehr Klimaschutz nach Deutschland gekommen.

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Aus dem Mädchen mit Depressionen wurde die Anführerin einer Bewegung. Eine 16-Jährige verändert die Welt.

Hamburg. Am 20. August 2018 – damals war Greta noch 15 – begann sie vor dem schwedischen Parlament, dem Riksdag, für das Klima die Schule zu bestreiken. „Meine Mitschüler wollten nicht mitkommen“, sagte sie später. Dafür kamen andere Kinder, die sie nicht kannte. Die schwedischen Parlamentswahlen standen an. „Ich werde weitermachen, bis Schweden dem Klimaabkommen von Paris folgt. Das kann noch ein paar Jahre dauern“, sagte sie kürzlich. Inzwischen hat sie eine weltweite Bewegung erschaffen. Schüler auf allen Kontinenten streiken nun für das Klima – bis auf die Antarktis“, sagt Greta mit der ihr typischen Korrektheit. Stimmt: Die Antarktis ist ja auch ein Kontinent. Sogar Papst Franziskus begrüßt Gretas Schulstreikbewegung. Eine schwedische Kirchengemeinde bezeichnete die Klimaschutzaktivistin gar als von Jesus von Nazareth „auserwählte Nachfolgerin“.

Selbstsicher wie Pippi Langstrumpf stellt sich das knapp 1,50 Meter kurze Mädchen mit seinen zwei nachlässig geflochtenen Zöpfchen an den Freitagen, in denen es daheim in Stockholm ist, vor den Riksdag und demonstriert. „Schulstreik für das Klima“ steht auf Gretas Schild, das fast größer wirkt als sie selbst. Auf Handzetteln klagt sie die Erwachsenen an. Ihr „scheißt auf meine Zukunft“.

Ihre Botschaften sind einleuchtend

Ihre Botschaften sind einleuchtend: Es liege auf der Hand, warum Erwachsene so wenig für den Klimaschutz tun: Die meisten würden kaum über die nächsten 30 Jahre hinausdenken, weil sie dann eben nicht mehr am Leben seien. Sie hingegen und andere Kinder schon. Im umweltbewussten Schweden traf sie damit einen empfindlichen Nerv. Das war wohl auch ausschlaggebend für ihren internationalen Erfolg.

Durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch leiden viele Schweden derzeit buchstäblich an „Klimaangst“ und „Flugscham“. An den Universitäten gibt es gar Bewältigungsseminare dazu. Selbst bürgerliche Zeitungen berichteten ausgiebig über Greta und das Klima. So bezeichnete der „Expressen“ das Flugzeugfliegen als „teuersten Selbstmord in der Weltgeschichte“. Im Radio Schweden wurde vom „zweifachen Vater Perikles“ berichtet, „der an einer Klimadepression erkrankt ist, als er die Kinder bekam“. Nun engagiere er sich für das Klima, was ihm geholfen habe.

„Ich sah keinen Grund mehr, um weiterzuleben“

Auch Kronprinzessin Victoria erzählte offen davon, dass sie an Klimaangst leide. Schwedische Medien stützten Greta maximal, bis auch ausländische auf sie aufmerksam wurden. Dabei hätte alles ganz anders kommen können, und einige Schweden fragen sich derzeit besorgt, ob Greta ihren derzeitigen Weltstarstatus wirklich auf Dauer verkraften kann. Denn vor ihren Aktionen war das junge Mädchen ernsthaft krank, wie es selbst dem Sender SVT so offen erzählt, dass man sich ans Herz fasst und wundert, ob eine 16-Jährige sich wirklich so gänzlich der Öffentlichkeit ausliefern sollte.

Hamburger Liebesbrief für Greta Thunberg
Hamburger Liebesbrief für Greta Thunberg

Es geschah ungefähr um die fünfte Klasse herum. „Vor einigen Jahren bekam ich eine Depression, saß nur noch zu Hause herum, ging nicht mehr in die Schule. Ich hörte auf zu essen, hörte auf zu reden. Ich sah keinen Grund mehr, um weiterzuleben … Ich wurde sehr krank, war ziemlich unterernährt, verlor rund zehn Kilo in zwei Monaten“, bekennt die 16-Jährige. Mehrere Dinge hätten zu ihrer Erkrankung geführt, darunter der Klimawandel. Greta geht sehr offen damit um, dass sie Asperger hat. „Das macht, dass ich alles schwarz oder weiß sehe“, sagt sie. „Je mehr ich über den Klimawandel las, desto verzweifelter wurde ich, und dann konnte ich an nichts anderes mehr denken. Man steckt dann fest“, erklärt sie. „Nichts sei schwarz-weiß, sagen Erwachsene, aber der Klimawandel ist genau das.“ Entweder man tue jetzt etwas Radikales oder die Menschheit sterbe aus, so Greta.

Essstörungen und Depression

Ihr Klima-Engagement habe ihr aus den Essstörungen und der Depression herausgeholfen: „Es war ein schwieriger Prozess, aber ich begann wieder zu essen.“ Inzwischen ernährt sie sich ausschließlich vegan, was umweltfreundlicher ist und ihr einfacher fällt. Obwohl sie noch immer fast jeden Freitag fehlt, läuft es auch wieder gut für Greta in der Schule, bezeugte ihr Rektor unlängst.

Von ihren Klassenkameraden hört man in schwedischen Medien allerdings sonderbar wenig. Von den Eltern dahingegen eine Menge. Gretas berühmte Mutter, Opernsängerin und Eurovision-Sängerin für Schweden 2009, Malena Ernmann, die ADHS hat, trat unlängst in einem Werbespot damit auf, dass sie nicht mehr fliege. „Ich habe meine Eltern vor ein paar Jahren dazu gebracht, nicht mehr zu fliegen. Meine Mutter musste viel fliegen für ihre Arbeit. Sie wechselte ihre Arbeit.

Klimademo in Hamburg:

Nun macht sie Musicals in Stockholm, wo wir wohnen!“, sagt Greta. Auch habe sie ihre Eltern überredet, so wie sie selbst keine neuen Sachen mehr zu kaufen, wenn es nicht wirklich notwendig sei. „Zu Weihnachten packen meine Eltern mir Sachen ein, die ich schon besitze, aber vergessen habe. So sind die Geschenke dann trotzdem eine schöne Überraschung“, sagt sie. Wie eine Polizistin würde sie auch ab und zu die Quittungen der Familie kon­trollieren, um zu überprüfen, ob die Eltern irgendetwas unnötiges Neues gekauft haben.

Boshafte Kritiker unken, dass Greta eher das putzige Kinderstar-Aushängeschild medienaffiner Eltern aus der abgehobenen schwedischen Kulturelite sei, auf die sich nun vor allem nach dekorativer Farbe suchende Journalisten und Klimafunktionäre stürzen würden. Nach dem Motto: „Mal was anderes“.

Der Alltag der Familie ist schon speziell

Ein Buch über die ungewöhnlich vielen psychischen Probleme in der Familie Thunberg, das die Eltern im September 2018 veröffentlicht haben, zeichnet jedoch ein anderes und recht glaubwürdiges Bild der Eltern. Die betonen, dass sie Greta nicht beeinflusst haben, sondern umgekehrt. Als Greta nichts mehr aß und das wirklich gefährlich wurde, habe sie den Umweltschutz entdeckt – und von da an ging es ihr wieder besser, erzählt ihre Mutter im Buch. So habe sich die ganze Familie auf das Thema gestürzt, zunächst vor allem, um Greta zu stützen, dann aus Überzeugung.

Greta Thunbergs Rede auf dem Rathausmarkt
Greta Thunbergs Rede auf dem Rathausmarkt

„Die Familie sammelte sich um Greta und dieses Thema, wir lasen alles, was man über den Klimawandel lesen kann, und sahen ein: Die Welt ist dabei unterzugehen. Wir hatten ein gemeinsames Projekt.“ Und Greta wieder Lebensmut.

Der Alltag der Familie Thunberg ist in der Tat speziell. Weil die jüngere Tochter Beata auch an Misophonie (starker Geräuschintoleranz) leidet, kann die Familie nie zusammen essen. Es werde ihrer Tochter zu laut, sagt die Mutter. „Wir essen zu unterschiedlichen Zeiten. Svante und Greta stehen früh auf, essen, lesen die Nachrichten und gehen Umweltfragen durch. Beata und ich sind etwas schläfriger und stehen erst später auf“ so Gretas Mutter gegenüber „Ica-Kuriren“.

Gretas Vater Svante ist ein schwedischer Schauspieler mit mäßigem Erfolg, der aber auch als Manager und Regisseur für seine erfolgreiche Frau arbeitet, inzwischen aber vor allem Gretas ständiger Begleiter bei Veranstaltungen und Freitagsdemos in der ganzen Welt ist.