Meinung
Dohnanyi am Freitag

Klaus von Dohnanyi: „Mehr Mut vor Königsthronen“

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Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über die USA und Russland.

Matthias Iken: Joe Biden und Wladimir Putin haben sich in Genf getroffen – kommt eine neue Entspannungspolitik?

Klaus von Dohnanyi: Man sollte das hoffen, ich bin aber nicht sehr optimistisch. Wollen die USA das wirklich? Schon am Ende des Kalten Krieges drängte Deutschland darauf, Russland in das Sicherheitssystem einzubeziehen. Aber die USA unter Präsident Bush (sen.) wollten aus Gorbatschows kluger Öffnungspolitik einen einseitigen westlichen Sieg machen: Die Nato-Erweiterung war für sie der Schlüssel. Sie verpassten seither jede Chance der Entspannung. William Burns, damals Botschafter der USA in Moskau, schrieb über diese Politik später noch sehr kritisch – heute ist er Bidens CIA-Chef! Warten wir ab. Die offene Frage eines Nato-Beitritts der Ukraine war schon Grund für die rechtswidrige Krim-Annexion durch Putin. Sewastopol, seit über 200 Jahren russischer Hafen, sollte ein Nato-Hafen für die US-Flotte werden? Man muss eben auch Geschichte und Interessen anderer verstehen. Die USA sind hochmütige Unilateralisten und haben das nie gelernt.

Iken: Warum schafft es Europa nicht, mit den Russen im Gespräch zu bleiben?

Dohnanyi: Das hat historische Gründe. 1945 befreiten die USA Europa von der deutschen Hitler-Diktatur, und seither sind sie auch die stärkste europäische Macht. Der Sicherheitsberater John F. Kennedys machte einst Adenauer kühl darauf aufmerksam, Europa werde zukünftig von den USA geführt! Ein französischer Außenminister stellte vor Jahren resigniert fest, wir seien wohl nur noch „Vasallen“ der USA: keine entscheidende Mitsprache, aber tributpflichtig.

Iken: Allein aus historischen Gründen sollten die Deutschen aber einen besonders sensiblen Kurs fahren ...

Dohnanyi: Ich denke, historische Gründe spielen heute eine geringere Rolle; die Rechnung zwischen Russland und Deutschland ist nach 45 Jahren russischer Besetzung Ostdeutschlands und Osteuropas ausgeglichen. Wir sollten uns überhaupt endlich weniger um unsere Vergangenheit kümmern, denn die sagt wenig über heute und morgen. Dann würde für unsere Politik Russland endlich wirklich bedeutsam: ein großer und militärisch mächtiger Nachbar an unseren realen Grenzen, vom Osten der USA dagegen durch den Atlantik getrennt. Wer also hätte hier Sicherheitsprobleme? Russland ist aber auch ein Teil europäischer Kultur und Geschichte und folglich unsere Verantwortung. Das müsste die EU endlich auch den USA ungeschminkt klarmachen. Mehr Mut vor Königsthronen, bitte!

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