Meinung
Dohnanyi am Freitag

Klaus von Dohnanyi: „Der Stärkere kann entschärfen“

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Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über die Eskalation in Nahos.

Matthias Iken: Der Nahostkonflikt eskaliert. Fürchten Sie einen Krieg?

Klaus von Dohnanyi: Das ist gegenwärtig eher unwahrscheinlich. Anders als der Iran scheinen die arabischen Staaten sich inzwischen mit der Existenz des Staates Israel abgefunden zu haben; die Lage ist also nicht vergleichbar mit 1967 oder 1973. Aber das seit 1948 bestehende Problem der vertriebenen Palästinenser bleibt dennoch ungelöst. Raketenangriffe auf die Zivilbevölkerung in Israel sind nur unmenschlich und helfen niemandem. Wer kann jetzt was tun? Die USA sind im Nahen Osten als Vermittler verbraucht. Europa fehlt die Macht. Vielleicht könnte Putin (so die „Financial Times“!) etwas bewirken?

Iken: Wie könnte der Friedensprozess, der 1993 mit dem Osloer Abkommen begann, wieder belebt werden?

Dohnanyi: Die Lage kann nur durch den Stärkeren, also durch Israel, entschärft werden. Das regional kleine, aber militärisch starke Israel fühlt sich in der Umgebung von großen, islamischen Staaten verständlicherweise geopolitisch bedroht. Aber ich sehe schon länger nicht, dass angesichts dieser Situation die israelische Regierung gegenüber den vertriebenen Palästinensern eine offensive Politik der Verständigung und der friedlichen Rhetorik betreibt. Innenpolitisch von extremistischen Gruppierungen getrieben, scheint das Vertrauen auf die militärische Stärke manchmal der politischen Vernunft im Wege zu stehen. Das wäre auch für Israel gefährlich.

Iken: Längst schwappt der Konflikt auch auf Deutschlands Straßen. Wie müssen wir uns gegen den importierten Antisemitismus wehren?

Dohnanyi: Da rätseln gegenwärtig alle. Gute Worte der Aufklärung oder härtere Strafen? Ich glaube, weder das eine noch das andere würde aktuell helfen. Wir werden auch den Zusammenschluss von deutschen Radikalinskis und islamistischen Judenfeinden auf den Straßen nicht immer verhindern können. Aber ein öffentliches und gemeinsames Bekenntnis aller Parteien gegen Antisemitismus, ein harter polizeilicher Umgang mit solchen Demonstranten und ein massiver Schutz jüdischer Einrichtungen sind unbedingt notwendig. Es gibt eben Dinge, da hat der Staat keine Patentlösung.

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