Meinung
Dohnanyi am Freitag

Dem Westen die Rote Karte zeigen

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Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über die Wahl in Sachsen-Anhalt.

Matthias Iken: Bei den jüngeren Wählern zwischen 30 und 44 konnte die AfD die meisten Stimmen holen. Warum wählen Jüngere die Rechten?

Klaus von Dohnanyi: Ministerpräsident Haseloff meint, die AfD sei ein „Westimport“, weil die Partei dort gegründet wurde und prominente AfD-Mitglieder aus dem Westen gekommen sind wie der Rechtsaußen Höcke. Aber das lässt die Frage offen, warum sie ihre Erfolge in den „Neuen Ländern“ haben. Dort gab und gibt es für die AfD besondere Chancen. Das dürfte viel mit der Geschichte der ehemaligen DDR seit Öffnung der Mauer zu tun haben und weniger mit einer autoritären, nationalistischen Subkultur.

Iken: Der Ostbeauftragte spricht von einer Diktatursozialisierung, von Menschen, die nicht in der Demokratie angekommen sind ...

Dohnanyi: Ich finde diese These unbegründet und verletzend. Auch in der „alten“ Bundesrepublik gab es zu Beginn merkwürdige, rechtslastige Parteien. Sie verschwanden mit den Erfolgen und dem wachsenden Selbstbewusstsein der Republik. Vielleicht liegt hier der Schlüssel: Der Fall der Mauer, die Übernahme der D-Mark und des westdeutschen Wirtschafts- und Rechtssystems haben die Menschen zwar gewollt – aber es war sehr schmerzhaft für viele Menschen, die Arbeit, Status und Lebensleistung verloren. Das haben die Jüngeren gesehen – und wollen nun dem Westen dafür die Rote Karte zeigen. Doch wie könnte man das? Kaum durch die Wahl einer weiteren Westpartei! Könnte es sein, dass die Stärke der AfD im Osten weniger mit den rechten Inhalten der Partei zu tun hat als vielmehr mit einem Wunsch vieler Menschen, es dem Westen doch noch heimzuzahlen?

Iken: Erleben wir also ein Auseinanderdriften von Ost und West?

Dohnanyi: Die überzeugende Wahl von Haseloff spricht dagegen; ein Ostdeutscher führt die Westpartei CDU zu einem großen Sieg. Aber die bestehende ökonomische, soziale und geschichtliche Kluft zwischen Ost und West ist damit nicht geschlossen. Vor 31 Jahren schloss ich mein Buch „Das Deutsche Wagnis“ mit der Warnung: „Diese sozialen Schmerzen der Einheit werden politische Folgen haben.“ Seelische Verletzungen im Stolz eines Volkes führen niemals nur zu vernünftigen politischen Reaktionen. Was durch die Fehler des „Aufbaus Ost“ geschah, lässt sich nicht mehr ändern. Natürlich müssen wir alle noch mehr für den ökonomischen Osten tun. Wichtiger noch: Wenn wir im Westen den Osten besser verstehen, wäre viel gewonnen. Undemokratischer sind die Menschen dort gewiss nicht.

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