Meinung
Generation Boomer

Hajo Schumacher: Warum ich einen Chip unter der Haut trug

| Lesedauer: 2 Minuten
Hajo Schumacher
Autor und Journalist Hajo Schumacher, freier Journalist und Autor für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen, veröffentlicht u.a. seit 2004 unter dem Pseudonym Achim Achilles die Lauf-Kolumne "Achilles' Verse" über die Eigenheiten vieler Hobbysportler (Spiegel Online), September 2016, Berlin, Deutschland, Europa

Autor und Journalist Hajo Schumacher, freier Journalist und Autor für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen, veröffentlicht u.a. seit 2004 unter dem Pseudonym Achim Achilles die Lauf-Kolumne "Achilles' Verse" über die Eigenheiten vieler Hobbysportler (Spiegel Online), September 2016, Berlin, Deutschland, Europa

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Unser Kolumnist Hajo Schumacher gehört zu den Boomern. Davon hat er sich befreit und war technologisch ganz vorn mit dabei.

Berlin. Ich gehöre zu den geburtenstarken Jahrgängen, ein anderes Wort für knappe Rente. Unsere Kinder nennen uns abfällig Boomer.

Wir Boomer kämpfen gegen den Ruf, unsere Sätze viel zu oft mit „Früher ...“ zu beginnen. Früher war Politik noch ein ehrliches Geschäft. Früher guckten wir nicht Serien am Stück, sondern einen Film vom Videorekorder, falls sich das Band nicht verknuddelte. Früher unterhielten wir uns anständig, anstatt pausenlos zu whatsappen, wir standen staunend vorm Faxgerät, fotografierten unser Essen nicht und pilotierten den Kadett B ohne elektronische Betreuung.

Und unsere Kinder rollen die Augen. Sie halten uns für hoffnungslos unmodern.

Plötzlich steckte ein Mini-Chip in meiner linken Hand

In jener fernen Zeit vor Corona hatte ich nun die Chance, einen gewaltigen Modernisierungssprung zu machen. Auf einer Konferenz fragte ein Digitalprediger, wer sich denn einen kleinen Chip in die Hand implantieren lassen würde, mit dem man künftig kontaktlos Kantinenessen bezahlen, Haustüren öffnen und Fahrkarten speichern könne. Nur ein Piks. In Skandinavien tragen viele Menschen so ein Röhrchen unter der Haut. Meine Chance, mich vom Boomer-Mief zu befreien. Ich zeigte auf.

Eine Viertelstunde später steckte ein Mini-Chip in meiner linken Hand. Die Kinder würden staunen. Leider habe ich seither keine einzige Mahlzeit mit dem Ding bezahlt, kein Kontrolleur hat je sein Lesegerät über meine Hand gehalten, die Kinder gruselten sich, wenn ich das Röhrchen dramatisch unter der Haut herumflutschen ließ, kurz: Ich war technologisch vorn, der Rest des Landes leider nicht. Mein Sozialprestige verharrte auf gewohnt niedrigem Niveau.

Nun bin ich wieder entchipt

Weil Corona viel Zeit zum Aufräumen bietet, auch körperlich, habe ich mir den Chip nun herausoperieren lassen. Ich werde mir einen Ring davon machen lassen; zum Angeben reicht das.

Nun bin ich entchipt und wieder ganz der alte, analoge Boomer. Dafür habe ich nun eine überraschende Variante für meine nostalgischen Sätze dazugewonnen: Früher, als ich noch einen Chip in der Hand trug, war auch nicht alles besser.

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