Meinung
Hamburger Kritiken

Der zweifelhafte Deal der Stadt mit dem HSV

Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt.

Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt.

Foto: HA

Wie dem Steuerzahler ein zweifelhafter Deal mit dem HSV als großartiges Geschäft untergejubelt wird.

Hamburg. Pressemitteilungen sind mit Vorsicht zu genießen. Sie müssen im Meer der An- und Abkündigungen auffallen, Interesse beim chronisch gelangweilten Leser wecken und am Ende noch ein paar Sympathien einfangen.

Vielleicht lässt sich so das Wortgewitter erklären, das am Mittwoch aus der Finanzbehörde niederprasselte: „Mehr Zukunft geht nicht!“, stand da zu lesen. „Hamburg und der HSV schließen Vereinbarung über die langfristige Nutzung des Volksparkstadions ab.“

Das klingt zunächst einmal vernünftig. Und wer gönnt dem Finanzsenator in diesen Corona-Zeiten nicht eine gute Nachricht? Der HSV ist für die Hansestadt ein wichtiger Faktor: Hunderttausende fiebern und leiden mit dem Verein, ja, sie lieben ihn. Er ist ein Stück Hamburg, Identifikationsort, Tourismustreiber und muss im Rahmen der Möglichkeiten unterstützt werden.

Aber so? Nun kauft die Stadt – also der Steuerzahler, also wir alle – dem Verein das Stadiongrundstück ab. Sie zahlt (oder muss es heißen: wir zahlen?) dafür den Kaufpreis von 23,5 Millionen Euro. Im Gegenzug wird dem HSV ein Erbbaurecht mit einer Laufzeit bis 2087 zugestanden, das sogar bis 2117 verlängert werden kann. Der marktübliche jährliche Erbbauzins soll 1,8 Prozent vom Grundstückswert betragen.

Das klingt für beide nach einem guten Geschäft. Noch kann sich die Stadt deutlich günstiger refinanzieren, der HSV bekommt hingegen Millionen in die notorisch klammen Kassen. Aber was ist, wenn die Zinsen in den kommenden 67 Jahren mal wieder auf neun Prozent steigen sollten – oder der HSV eines Tages wieder Champions League spielt? 67 Jahre reichen weiter in der Zeit als das Wunder von Bern!

„Mit der heute geschlossenen Vereinbarung schaffen wir für alle Seiten eine langfristige Standortsicherheit für das Volksparkstadion“, freute sich Finanzsenator Andreas Dressel (SPD). Standortsicherheit? Wollte der HSV mit seinem Stadion unter dem Arm nach Pinneberg, Norderstedt oder auf die Cayman-Inseln umziehen? Oder musste der HSV finanziell gestützt werden – eine Vermutung, die der Verein gleich zurückwies? Etwas anders klang Sportsenator Andy Grote (SPD): „Ich freue mich, wenn auf diesem Weg die Handlungsfähigkeit des größten Sportvereins unserer Stadt erhalten bleibt.“ Aber Grote ist ja auch Sport- und nicht Finanzsenator.

Was ist das für ein Geschäft: das Grundstück erst im Jahr 1998 für eine Mark (rund 51 Cent) an den HSV zu verkaufen, um es dann 22 Jahre später für 23,5 Millionen Euro zurückzukaufen? Das sind eine Million Euro pro Jahr. Oder eine Rendite von 4.607.843.137 Prozent. Da sage noch einer, der HSV könne nicht mit Geld umgehen. Na gut, das war unsachlich: Der HSV erwarb nämlich 1998 die marode Betonschüssel namens Volksparkstadion zur Freude der Stadt, riss sie ab – und errichtete mit Fördergeld ein modernes WM-Stadion. Auch jetzt fließen Millionen aus dem Grundstücksgeschäft in die nötige Aufhübschung der Arena. Allerdings stellt sich die Frage, warum der HSV in den vergangenen Jahren nicht und unzureichend in der Lage war, das Stadion auf den modernsten Stand zu bringen. Klaus-Michael Kühne spendierte jedes Jahr vier Millionen Euro allein dafür, dass das Volksparkstadion Volksparkstadion heißt. Nun kommt der Sanierungszuschuss vom Steuerzahler. Und einen Tag nach dem Deal erwarb der HSV einen neuen Spieler. Auch wenn dieser Transfer davon unabhängig ist, könnte mancher Konkurrent eine Debatte über Financial Fairplay anstoßen.

Die Stadt und der Verein aber sind zufrieden. „Mehr Zukunft geht nicht“, freute sich Finanzsenator Dressel nach dem Grundstücksdeal mit der Raute. Auf Twitter zauberte er Emojis wie Smiley, Fußball, Sonnenschein, Augenzwinkern und muskulöser Oberarm hervor. Der HSV versprach in seiner Presseerklärung eine „Attraktivierung des Stadionerlebnisses“. Und wir dachten, ein attraktives Stadionerlebnis hänge am gezeigten Fußball! Offenbar verstehen wir weder etwas vom Sport noch von moderner Finanzpolitik. Der Linkspartei und dem Bund der Steuerzahler geht es genauso – sie verlangen völlig zu Recht Aufklärung.

Nicht einmal 24 Stunden vor der Jubelwelle aus dem Volksparkstadion musste sich der Finanzsenator der hässlichen Gegenwart stellen. In den kommenden fünf Jahren fehlen rund 4,9 Steuermilliarden.

Es war schon mal mehr Zukunft.