Meinung
Hamburger Kritiken

Warum Scholz’ Chancen gar nicht schlecht stehen

Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende  in seiner Kolumne  Hamburg und die Welt.

Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt.

Foto: HA

Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit wirkt die SPD geeint – während der Kampf um den Parteivorsitz der Union erst entbrennt.

Viel ist in der Republik – auch an dieser Stelle – über das immer noch junge SPD-Führungsteam gemeckert, gespottet und gelästert worden. Aber mit der Ausrufung von Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten der SPD haben Saskia Esken, Norbert Walter-Borjans und Kevin Kühnert inhaltlich klug und zeitlich geschickt gehandelt. Plötzlich steht die notorisch zerstrittene SPD, die in den vergangenen Jahren eher wie ein ständig schrumpfender Intrigantenstadl agierte, als Einheit da.

Die Union hingegen befindet sich erst am Beginn eines langen wie quälenden Weges der Kandidatenfindung, und auch die Grünen wissen noch nicht, ob sie die kluge Annalena Baerbock oder doch lieber den smarten Robert Habeck, den Liebling der Hauptstadtjournalistinnen, ins Rennen schicken sollen. Während also in der Union und bei den Grünen noch manche Gehässigkeit und In­trige die potenziellen Kandidaten beschädigen könnten, haben sich die Sozialdemokraten geeinigt. Die Anti-Scholz-Stimmung, die seine nicht eben kleine Widersacherschar lange geschürt hatte, brach in sich zusammen. Seine Gegner haben nicht nur Kreide, sie haben ganze Kreidefelsen gefrühstückt. Sogar Ralf Stegner lobt Scholz mit den Worten: „Er ist für uns ein großes Pfund – gerade in diesen Zeiten.“

Seltsame Zeiten

Es sind seltsame Zeiten: Erstmals seit 1998 hat die SPD mit der linkslastigen Parteispitze und dem pragmatischen wie wirtschaftsnahen Scholz gleich zwei Projektionsflächen: Die Linken dürfen mit Kevin & Co. vom allumfassenden Sozialstaat träumen, die Moderaten auf die Vernunft von Scholz setzen. Mit einem ähnlichen Konzept – damals hießen die Protagonisten Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder – kam die SPD 1998 auf fast 41 Prozent. Dieses Mal könnten schon knapp 30 Prozent für das Kanzleramt reichen.

Natürlich kann man es aber auch anders sehen – und sich an die Kandidatur von Peer Steinbrück 2013 erinnern. Damals setzte die SPD auf einen Mann, den viele Wähler, aber nicht die Genossen liebten, den die Sozialdemokraten nur ertragen, aber nicht tragen wollten. Das Ergebnis ist bekannt: 25,7 Prozent.

Aber auch das wäre ein Wert, den die organisierte Sozialdemokratie feiern würde wie der HSV den Bundesligaaufstieg. Denn damit läge sie aussichtsreich im Rennen ums Kanzleramt.

Kräftezehrende Suche nach Kanzlerkandidaten geht weiter

Die Union muss ihre kräftezehrende Suche nach dem Kanzlerkandidaten noch über Monate weiterführen und dürfte dabei Federn lassen. Jeder Fehler der Ministerpräsidenten Markus Söder oder Armin Laschet dürfte wie beim bayerischen Testchaos oder dem westfälischen Tönnies-Skandal besondere Aufmerksamkeit finden. Apropos Aufmerksamkeit: Genau die hätten die CDU-Kandidaten Friedrich Merz und Norbert Röttgen gerne – Corona hat sie ihnen genommen. Am Ende wäre die Union wohl am klügsten beraten, Gesundheitsminister Jens Spahn als Spitzenkandidaten aufzubieten – er dürfte der Einzige sein, der die derzeitigen Corona-getriebenen Umfragewerte in echte Wahlergebnisse ummünzen kann.

Die Bundestagswahl ähnelt einer Gleichung mit vielen Variablen. Und eine entscheidende Unbekannte sind die Liberalen. Ziehen sie in das Parlament ein, dürfte angesichts hierzulande recht stabiler Links-rechts-Lager Rot-Rot-Grün unwahrscheinlich werden. Nun stellt sich die FDP neu auf. In den vergangenen Tagen musste sich Parteichef Christian Lindner, der zuletzt etwas träge wirkte, kritische Fragen gefallen lassen.

Politik ist kein Streichelzoo

Die Auswechslung von Linda Teuteberg zu Volker Wissing mag nicht die feine englische Art gewesen sein, aber Politik ist kein Streichelzoo. Für den kommenden Wahlkampf benötigt Lindner eine funktionierende Abteilung Attacke – und in Zeiten des schwersten Konjunktureinbruchs in der Geschichte der Bundesrepublik kann Wirtschaftskompetenz nicht schaden: Mit Wissing hat Lindner die Ampel auf Rot-Gelb-Grün gestellt. Wie in Rheinland Pfalz, wo Wissing bislang Wirtschaftsminister war, könnte die FDP auch mit Grünen und Sozialdemokraten eine Regierung bilden. Das ist parteitaktisch geschickt: Wer mit der FDP ein Linksbündnis verhindern kann, wird sie vielleicht wählen.

Auch wenn viele Politiker und Journalisten lieber über Schwarz-Grün oder Rot-Rot-Grün reden, wetten sollte man auf eine andere Konstellation. Es wäre im Übrigen die Konstellation, die am besten zu einem Kanzler Scholz passt.